Buchvorstellung in der BAPP

Zurücktreten, bitte: Persönlichkeiten sprechen in Bonner Akademie über Rücktritte

Dagmar Reim und Hartmut Mehdorn beantworten Fragen der Zuschauer bei der Vorstellung des Buchs "Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen".

Dagmar Reim und Hartmut Mehdorn beantworten Fragen der Zuschauer bei der Vorstellung des Buchs "Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen".

Bonn. Hörfunkjournalist Moritz Küpper stellte sein Buch "Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen" in Bonn vor. Unter anderem Ex-Bahnchef Harmut Mehdorn berichtete, wie er mit dem wiederholten Zurücktreten umgegangen ist.

Hartmut Mehdorn segelt angeblich gerne, interessiert sich für Briefmarken und spielt Golf. Ein anderes Hobby hat er aber offenbar erst im Rentenalter für sich entdeckt: Zurücktreten. Als er 2009 seinen Rücktritt als Bahnchef ankündigte, war er 67 Jahre alt. Als er 2015 überraschend den Posten des BER-Geschäftsführers verließ, war er 73.

Heute ist Mehdorn 75 und hat mit einigen anderen Prominenten offen über seine Rücktritte gesprochen – für ein Buch des Hörfunkjournalisten Moritz Küpper. Am Mittwochabend stellte dieser sein Werk "Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen" in der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) vor – gemeinsam mit Mehdorn, der ehemaligen RBB-Intendantin Dagmar Reim und dem ehemaligen NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans. Moderiert wurde die Diskussion vom stellvertretenden RP-Chefredakteur Stefan Weigel.

Seinen Rücktritt als Bahnchef begründete Mehdorn 2009 vor allem mit der Datenaffäre im Unternehmen. Die Bahn hatte unter anderem private Daten ihrer Beschäftigten beschafft und ausgewertet.

Nun stellte er den Rücktritt anders dar: „Bei der Bahn hatten wir vor allem den Auftrag, die Teilprivatisierung umzusetzen. Damit sind wir letztlich über die Lehmann-Pleite im Zuge der Finanzkrise gestolpert. Ich habe Frau Merkel dann erklärt, dass es einen neuen Mann braucht.“ 2009 übernahm Rüdiger Grube Mehdorns Amt.

Zurücktreten kann viele Gründe haben

Später war der Industriemanager kurze Zeit Chef von Air Berlin – diese Aufgabe war aber von Anfang an befristet. Doch auch die nächste Station verließ Mehdorn vorzeitig: Als Geschäftsführer des Flughafenbetreibers BER war er nur zwei Jahre, bis März 2015 im Amt. „In einem langen Berufsleben gibt es eben auch viele Rücktritte", so Mehdorn, "man tritt von einer Funktion zurück, um etwas Neues zu tun.“

Seine Entscheidungen, so betonte er, traf er aber immer selbst. Niemand habe ihm je den Rücktritt nahegelegt – eher andersrum: „Wenn Sie 20 Jahre im Vorstand sind, dann kommt es vor, dass Sie auch mal jemandem sagen müssen, dass es nicht passt, dass er jetzt besser das Feld räumt.“

Dagmar Reim entschied sich 2016 ganz freiwillig für den Rückzug. Die Gründungsintendantin des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) war 12 Jahre im Amt, als ihr Sohn sie zum Nachdenken brachte: "Er sagte einmal zu mir: ‚Mama, wenn du so weiterarbeitest, wirst du dir irgendwann vorwerfen, viel schöne Zeit mit der Familie verpasst zu haben.‘ Das hat einen Prozess in mir angestoßen“, sagte die 65-Jährige am Mittwochabend. "Ich hatte 42 Jahre gearbeitet – da habe ich mir gesagt: Jetzt ist auch mal gut!" 

Nicht ganz so edel waren die Motive für Norbert Walter-Borjans’ Rücktritt 2010: "Ich bin damals als Stadtkämmerer von Köln zurückgetreten, um das Amt des Finanzministers annehmen zu können." In dieser Funktion sei häufiger sein Rücktritt gefordert worden – etwa, als er entschied, "Steuersünder-CDs" zu kaufen.

Walter-Borjans: Wichtig ist der Rückhalt in der eigenen Partei

"In den Medien, in der Öffentlichkeit und in der Opposition fordern dauernd irgendwelche Leute den Rücktritt – viel wichtiger ist für einen Politiker, was seine Parteifreunde machen." Wenn deren Unterstützung ausbliebe, stehe es schlecht ums politische Überleben. Borjans verlor sein Amt im Juni aber durch die Abwahl der rot-grünen Landesregierung.

In Küppers Buch berichten unter anderem auch Kurt Beck, Roland Koch, Christian Lindner und Karl-Theodor zu Guttenberg über Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Rücktritt. "Ich habe über 50 Personen angeschrieben, aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medien", erzählte der Autor. "Aber es gab viele Vorbehalte. Der Rücktritt ist für viele ein Tabu."

Dabei ist der Rücktritt nicht immer eine Niederlage, sagte BAPP-Präsident Bodo Hombach, der selbst Rücktritts-Erfahrung hat. "Bei manchem ist der Rücktritt die beste Leistung der ganzen Karriere."

(Moritz Küpper: Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen, 150 Seiten, 19,95 Euro, Tectum Verlag 2017.)