Antisemitischer Übergriff am Hofgarten Zeuge sah Zugriff auf israelischen Professor in Bonn

Die Kippa, Kopfbedeckung religiöser Juden: In Bonn löste sie den Angriff eines 20-Jährigen auf einen Gastprofessor aus.

BONN. Ein Zeuge hat den Zugriff der Polizei auf den israelischen Gastprofessor am Bonner Hofgarten am Mittwochnachmittag beobachtet. Er sprach von einem „äußerst brutalen Vorgehen“.

Ein Zeuge hat den Zugriff der Polizei auf einen israelischen Gastprofessor am Bonner Hofgarten beobachtet. Der pensionierte höhere Beamte aus Bad Breisig, dessen Namen der Redaktion bekannt ist, sprach von einem "äußerst brutalen Vorgehen". Den vorangegangen Angriff des 20-jährigen Bonners mit palästinensischen Wurzeln, der dem Forscher zuvor die Kippa mehrmals vom Kopf geschlagen, ihn antisemitisch beleidigt und geschubst haben soll, sah er nicht. Mit der Kippa drücken religiöse Juden ihren Respekt vor Gott aus.

Der Vorfall hatte bundesweit und auch international für Aufsehen gesorgt. Der Angreifer hatte nach Ankunft der alarmierten Polizei die Flucht ergriffen und war laut Polizeibericht nach Abstreifen seines T-Shirts mit nacktem Oberkörper über die Hofgartenwiese davongelaufen. Die Polizisten verwechselten bei der Verfolgung Täter und Opfer und rangen versehentlich den israelischen Professor nieder.

Gegenüber dem GA schilderte der Zeuge, dass zunächst ein junger Mann nahe dem Spielplatz an der Hofgartenwiese über die Wiese lief. Der mit Anzug bekleidete Professor rannte hinterher. Ein Polizist in Uniform habe den Israeli von hinten eingeholt, ihn im Sprung zu Fall gebracht und den Mann, so der Zeuge, „äußerst brutal niedergerissen“. „Das muss sehr schmerzhaft gewesen sein.“ Anschließend habe der Polizist den Mann fixiert. „Ich habe zunächst gedacht, es handele sich um Filmaufnahmen“, erklärte der Bad Breisiger. Das Austeilen der Schläge ins Gesicht, das die Polizei offiziell einräumte, konnte er aus der Entfernung nicht erkennen. Wohl aber, dass der Mann am Boden auf dem Bauch lag und sich gegen den Polizisten zur Wehr setzte. Die Beschreibungen decken sich weitgehend mit denen der Polizei.

Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung und Körperverletzung

Die Situation sei seltsam gewesen, weil kurz nach dem Zugriff durch den Polizisten die anderen Beamten hinzukamen sowie auch eine Begleiterin des Wissenschaftlers. „Das sah aus wie eine Art Lagebesprechung, und dann ist die Gruppe weggegangen, als ob nichts passiert wäre.“ Eine Kippa nahm der Zeuge auf dem Kopf des Professors nicht wahr. In einem kurzen Mailkontakt erklärte der Wissenschaftler, der am Donnerstagmorgen seine Rückreise nach Baltimore in den USA angetreten hatte, auf die Frage des GA, ob er seine Kippa zum Zeitpunkt des Zugriffs aufgehabt habe: „Ja, definitiv.“ Für weitere Nachfragen war er nicht erreichbar. Die Polizei konnte nicht sagen, ob der Mann die Kippa trug. Bilder des Forschers im Internet zeigen ihn mit einer dunklen Kippa, die sich kaum von seiner Haarfarbe abhebt.

Die Ermittlungen gegen die beteiligten Polizisten wegen Körperverletzung hat die Kölner Polizei übernommen. Die Bonner Behörde ermittelt in Absprache mit der Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung und Körperverletzung gegen den 20-jährigen Angreifer. Bonns Polizeisprecher Robert Scholten betonte am Freitag, dass der Mann bisher nicht mit Anfeindungen dieser Art in Erscheinung getreten sei. Er sei polizeibekannt aufgrund von Gewalt- und Drogendelikten. Ein Schnelltest habe bei ihm mögliche Drogeneinwirkungen ergeben. „Das Ergebnis des anschließenden Bluttests liegt noch nicht vor“, sagte Scholten. Der 20-Jährige ist seit Donnerstag auf freiem Fuß, weil Ärzte nach einer Untersuchung keine Gründe für eine weitere Unterbringung in der Psychiatrie sahen. Die Haftgründe seien ebenfalls nicht ausreichend gewesen.

Udo Schott von der Gewerkschaft der Bonner Polizei hatte am Freitag Gelegenheit, mit drei der insgesamt vier am Einsatz beteiligten Polizisten zu sprechen. „Es tut ihnen wahnsinnig leid, und sie sagten mir, sie hätten sich sofort entschuldigt“, erklärte Schott. Er verurteilte den antisemitischen Angriff: „Dass so etwas in Deutschland noch passiert, ist für mich ein Skandal.“ Er sprach angesichts der Verwechslung von einem „fatalen Irrtum“. Schott erklärte, dass die beteiligten Beamten erst kürzlich ihre Ausbildung beendet hätten und noch unerfahren seien. Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa und NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) hatten sich umgehend entschuldigt.

Bonns OB betonte gute Beziehung zur Jüdischen Gemeinde

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, forderte gegenüber der „Rheinischen Post“ eine flächendeckende Erfassung antisemitischer Taten auch unterhalb der Schwelle von Strafbarkeit. „Mein Ziel ist es, dass wir einen Überblick bekommen, wie viele antisemitische Vorfälle es unterhalb der Strafbarkeitsgrenze gibt – wie beispielsweise Pöbeleien, Schmierereien und Anfeindungen.“

Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan betonte die gute Beziehung zur Jüdischen Gemeinde: „Gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde werden wir in der nächsten Woche bei einem ,Tag der Kippa' deutlich machen, dass Rassismus in Bonn keinen Platz hat.“ Er wird am Donnerstag, 19. Juli, um 15 Uhr auf dem Marktplatz stattfinden. Die Bonner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit teilte mit: „Wir verurteilen entschieden den Angriff auf einen Menschen mit Kippa.“ Der evangelische Superintendent Eckart Wüster sagte: „Die jüngste antisemitische Attacke sollte uns zudem einmal mehr nachdenklich machen, wie wir auch in Deutschland in öffentlichen Debatten derzeit über Menschen sprechen.“

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