Denkmalschützerin kritisiert die Stadt Bonn

Wut im Bauch

Angelika Schyma, ehemalige Leiterin der Abteilung Inventarisierung im LVR-Amt für Denkmalpflege.

Angelika Schyma, ehemalige Leiterin der Abteilung Inventarisierung im LVR-Amt für Denkmalpflege.

Bonn. Angelika Schyma ist sauer: Die ehemalige Bedienstete des Landschaftsverbands Rheinland kritisiert die Stadt Bonn für deren mangelhaften Umgang mit den Gebäuden der Bonner Regierungszeit.

Fürs Foto lächeln mag sie nicht: Wenn Angelika Schyma über das ehemalige Bonner Regierungsviertel spricht, hat sie erkennbar Wut im Bauch. Bei ihrer Bilanz 25 Jahre nach dem Hauptstadtbeschluss bleibt die Kunsthistorikerin am Mittwochabend in den Räumen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz nur in der Tonlage neutral. Inhaltlich wirft sie insbesondere der Stadt Bonn Geschichtsvergessenheit und städtebauliche Konzeptlosigkeit vor.

Dabei mag auch persönliche Enttäuschung eine Rolle spielen. Von 1992 bis 2014 war Schyma beim Amt für Denkmalschutz des Landschaftsverband Rheinland in Brauweiler für die Listung von Baudenkmalen im Rheinland verantwortlich. Das Regierungsviertel stand bei ihr stets im Fokus. Schon 1999 hatte die Expertin einen großflächigen Denkmalschutzbezirk für die Gronau vorgeschlagen und kartiert. „Die Stadt Bonn hat das damals weder akzeptiert noch umgesetzt.“

So fällt Schymas denkmalpflegerisches Fazit im voll besetzten Vortragsraum dann auch denkbar düster aus. Der „Charme des Unfertigen“ sei einem „Bauboom ungeahnten Ausmaßes“ gewichen. Während auf dem Gebiet der ehemaligen DDR über deren architektonische Hinterlassenschaften wie den Palast der Republik zumindest öffentlich diskutiert worden sei, habe die Stadt Bonn die Atmosphäre der Hauptstadtzeit unreflektiert für „Räume der Beliebigkeit“ ohne städtebauliche Qualitäten preisgegeben – das Ergebnis einer „schnöden Ökonomisierung“ .

Das einzige ungeplante Provisorium auf der Welt

Ein Baudenkmal stehe für die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart, erklärte die Referentin. Das Regierungsviertel sei als ungeplantes Provisorium das einzige dieser Art auf der Welt gewesen. Sie erinnerte daran, dass erst 1962 ein Gutachten zum Ausbau der provisorischen Hauptstadt in Auftrag gegeben worden sei - aus Angst vor Protesten in der Bevölkerung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Letztlich wurden damals nur der Lange Eugen und der Kanzlerbungalow realisiert. Erst sieben Jahre später fiel das explizite Neubauverbot für Bundesbauten. Zwei der ursprünglich sieben geplanten Kreuzbauten wurden für Ministerien errichtet, dazu das Tulpenfeld entwickelt und das Bonn-Center hochgezogen - das nun ebenfalls bald Geschichte ist.

"Camouflage-Architektur"

Der Architekt Heinrich Klotz beklagte 1978 eine „Rechnungshof-Architektur“, in der die Institutionen der Republik zwar Unterschlupf, doch kein Image fänden. Das ehemalige Regierungsviertel zeichne sich, so Schyma, gerade dadurch aus, dass die Qualität der Bauten nicht ihrer historischen Bedeutung entsprochen habe. Andernorts seien vergleichbare Bauten nicht denkmalswürdig.

Im Unterschied zur Großmannssucht voriger Epochen habe eine regelrechte „Camouflage-Architektur“ aber den neuen Geist der jungen Bundesrepublik widergespiegelt. Um diesen zu erhalten, reiche es nicht, einzelne Gebäude wie das Bundesbüdchen oder den neuen Plenarsaal von 1992 zu erhalten. Heute sei das Bundesviertel weitgehend überformt und sein einstiger Charakter kaum noch erkennbar. Es seien sogar vorsorglich ganze Straßenzüge niedergelegt worden, um einem Denkmalschutzstatus zuvorzukommen, klagte Schyma.

Als prominentestes Beispiel für die historische Unachtsamkeit nannte sie den Abbruch der früheren Villa Dahm, ab 1955 Sitz der Parlamentarischen Gesellschaft. Die Stadt Bonn hatte das seinerzeit bereits geschützte Gebäude in der Dahlmannstraße 2006 abreißen lassen, um Platz für das Foyer des World Conference Centers zu schaffen.