Kirchenaustritte nach Missbrauchsfällen

Wie sieht es mit der Aufklärung aus?

Die Opfer klagen an: 2012 forderten Betroffene von Übergriffen vor dem Aloisiuskolleg die Aufklärung der Taten. FOTO: AXEL VOGEL

Die Opfer klagen an: 2012 forderten Betroffene von Übergriffen vor dem Aloisiuskolleg die Aufklärung der Taten.

Am 28. Januar 2010 erschütterte eine Nachricht aus dem Berliner Canisius-Kolleg die Republik: "Patres des Jesuitenordens haben Schüler missbraucht."

Rektor Klaus Mertes, ehemaliger Schüler des Bonner Aloisiuskollegs (Ako), war mit Betroffenen an die Öffentlichkeit gegangen. In den Strudel gerieten viele Institutionen: darunter in Bonn das Collegium Josephinum das ehemalige St. Ludwig Kolleg der Franziskaner-Minoriten und das evangelische Godesheim, das Benediktinerkloster Ettal und die hessische Odenwaldschule.

Auch das ehemalige Rheinbacher Pallottiner-Internat St. Albert entpuppte sich als Tatort: Hier outete sich BAP-Sänger Wolfgang Niedecken als Betroffener. Eine Lawine war losgetreten. Unzählige Menschen traten aus den Kirchen aus. Wo stehen wir fünf Jahre danach?

Was unternahm die Katholische Kirche?

Sie öffnete erst einmal eine Hotline, bei der sich alsbald 1824 Betroffene meldeten. Dann legte die Deutsche Bischofskonferenz bei der Aufarbeitung einen glatten Fehlstart hin: 2013 ging sie mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer im Streit auseinander. 2014 holte sich der Missbrauchsbeauftragte Bischof Stephan Ackermann für eine neue Studie gleich ein ganzes Forscherteam an Bord. Die Katholische Kirche sei nicht in Schockstarre gefallen, sondern handle, verbreitete Ackermann kürzlich. Die Kirche befinde sich in einem Lernprozess, der noch nicht abgeschlossen sei.

Was leistet die katholische Studie?

Seit 2014 stehen in dieser Studie Betroffenenberichte im Fokus, um endlich "die Wahrheit aufzudecken". Ob dafür heute aber wirklich noch alle Akten zu finden sind, ist unklar. Bislang sagten 46 Betroffene und sechs Beschuldigte aus. Männer und Frauen, die von der Beteiligung inzwischen enttäuscht absehen, beklagen im Gespräch mit dem GA, dass in Bischof Ackermanns Beirat nur ein einziger Betroffener vertreten und das Forscherteam einseitig nur mit Pathologen besetzt sei. "Was soll da rauskommen? Der Blick nur auf einzelne kranke Täter? Eine Ablenkung von den kranken Systemen Orden und Kirche? Schade um das viele Geld."

Was tut die Bundesregierung?

Im März 2010 ernannte sie mit Christine Bergmann, ab 2011 mit Johannes-Wilhelm Rörig Unabhängige Beauftragte für die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die richteten Runde Tische und eine Anlaufstelle ein, in der mehr als 22.000 Betroffene aufliefen. Ob in Familien, Vereinen, Schulen, katholischen und evangelischen Einrichtungen oder Heimen: Die Zahl derer, die sich bekannten, nahm eklatant zu. Die Sensibilität in Kitas, Schulen, Kirchengemeinden und Sportvereinen sei inzwischen gewachsen, ein Fonds aufgelegt, Verjährungsfristen seien verlängert worden, resümiert Rörig. "Doch der Skandal dauert an. Der Schutz der Kinder vor sexueller Gewalt ist noch lange nicht gelebter Alltag."

Hat sich die Gesetzgebung geändert?

Für Straftaten des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen gelten seit 2013 Verjährungsfristen zwischen fünf und dreißig Jahren. Bei Betroffenen laufen sie ab Vollendung des 21. Lebensjahres an. Ende 2014 beschloss der Bundestag im Zuge der Edathy-Affäre eine Verschärfung des Sexualstrafrechts zum Nacktfotografieren von Minderjährigen. Demnach gelten nun auch sogenannte Posing-Bilder, die etwa auch ein Ako-Pater schoss, als strafbare Kinderpornografie.

Was sagen die Opferverbände?

Norbert Denef vom netzwerkB lässt an den bisherigen Bemühungen kein gutes Haar. "Wir sind enttäuscht. Seit Anfang 2010 wird an Runden Tischen geredet und viel Papier erzeugt - geändert hat sich für die Betroffenen nicht wirklich etwas", sagt Denef. Der Bund wage sich nicht daran, Schluss mit dem Täterschutz zu machen. Verjährungsfristen würden nicht aufgehoben.

Melde- und Anzeigepflicht gebe es nicht. "Nach wie vor wird verschwiegen, verleugnet und vertuscht", so Denef. Robert Köhler vom Verein Ettaler Missbrauchs- und Misshandlungsopfer äußert sich jedoch recht zufrieden. Ein Pater der Klosterschule steht derzeit vor Gericht. Wichtig sei das Ettaler Entschädigungskonzept mit Summen weit über den ansonsten in der Katholischen Kirche gezahlten 5000 Euro. "Und doch haben auch wir einen Toten", sagt Köhler. Das Opfer habe sich umgebracht, nachdem es seine Schule wieder betreten hatte.

Was rät der Opferschutz?

Die institutionelle Auseinandersetzung mit Missbrauch stecke in der Anfangsphase, kritisiert Conny Schulte von der Bonner Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt. Verdrängung, Abwehr und Verleugnung herrschten weiter vor. Vielfach werde ein Schlussstrich gefordert. "Aber gerade Schulen, die jahrzehntelangen systematischen sexuellen Missbrauch zu verantworten haben, müssen sich schon im Hinblick auf den aktuellen Schutz ihrer Schüler den Fragen stellen", so Schulte.

Wie steht es im Fall Collegium Josephinum Bonn?

Redemptoristen-Provinzial Pater Johannes Römelt sieht die Aufarbeitung am CoJoBo "noch auf dem Weg". Zwei Aufklärungsberichte hätten "richtig gute Arbeit" geleistet. Der Orden führe mit den Betroffenen regelmäßige Gespräche, sagt er dem GA. Aber natürlich gebe es noch Ängste im Umgang mit den Ex-Schülern, die von Traumata gezeichnet seien. Der Orden müsse noch viel lernen. Dafür äußert der Verein Missbrauchsopfer Josephinum-Redemptoristen Respekt. "Der Orden hat die Zuhörerschaft im letzten Jahr auf weitere Ordensmitglieder ausgeweitet", loben die Betroffenen.

Was läuft an der Odenwaldschule?

Schulsprecherin Gertrud Ohling von Haken verweist auf diverse strukturelle Verbesserungen sowie die neu gegründete Stiftung "Brücken bauen". Diese zahle Betroffenen Beträge zwischen 4000 und 20.000 Euro aus. Zudem habe man mit dem Betroffenenverein Glasbrechen eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben. Adrian Koerfer von Glasbrechen jedoch beklagt einen "zähen, manchmal aberwitzigen Kampf". In der aktuellen Leitung der Odenwaldschule herrsche ein "autoritäres Regime ohne Verwurzelung im eigenen Verein, ohne Respekt vor den Belangen und der Traumatisierung der Opfer, ohne Wahrnehmung der progressiven Kräfte um es herum, ohne Demokratieverständnis".