Kooperationen in der Region

Wie die Infrastruktur um Bonn verbessert werden soll

Ein gewohntes Bild, aufgenommen am Dienstag: Stau auf der Nordbrücke.

Ein gewohntes Bild, aufgenommen am Dienstag: Stau auf der Nordbrücke.

BONN/REGION. Der Verkehr nimmt zu, bezahlbarer Wohnraum und Gewerbeflächen fehlen. Um die Region Bonn-Rhein-Sieg vor dem Wegzug von Firmen oder zunehmendem Verkehrschaos zu schützen, braucht es Lösungen. Die IHK startet deshalb eine Kooperationsoffensive.

Die Unternehmerin Sabine Baumann-Duvenbeck sieht den Verkehr in der Region aus mehreren Blickwinkeln. Sie sieht nicht nur den Stau auf der Nordbrücke, über den sich Arbeitnehmer tagtäglich ärgern, oder die Probleme im Öffentlichen Nahverkehr. Sie selbst wohnt in Bad Godesberg und ärgert sich auch über die Anbindung in die Bonner Innenstadt: „Eine Verbindung alle 15 Minuten ist sehr unattraktiv.“ Das sei nur die eine Seite. Als Unternehmerin hat sie aber auch die Brille der Wirtschaft auf und sieht gravierende Probleme für ihre Kunden. Probleme, die zum Teil hier in der Region liegen und Unternehmen in NRW dazu bewegen abzuwandern.

Baumann-Duvenbeck ist Geschäftsführerin des Bornheimer Unternehmens Viktor Baumann – ihr Geschäft sind Schwertransporte und Krane. Sie ist praktisch auf Straßen und Brücken angewiesen. Schlechte Infrastruktur bedeutet für sie Mehrkosten, die ihre Kunden tragen. Die Konsequenz: Einige Kunden in NRW verlagern Teile ihrer Produktion ins Ausland.

„Wir sind stark betroffen von den kaputten Straßen und Brücken“, erklärt sie bei der Kooperationsoffensive der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg am Dienstagnachmittag in der Stadthalle in Bad Godesberg. Rund 200 Vertreter aus Unternehmen, Verwaltung und Politik sind erschienen, um über die Herausforderungen der Zukunft zu sprechen – eine davon ist der Verkehr. Die beiden anderen sind Wohnen und Gewerbeflächen.

Umwege von 100 Kilometern

Baumann-Duvenbeck wird noch deutlicher: Die Brücken seien mehr und mehr nicht mehr befahrbar. Das bedeute für ihre Fahrer Umwege von 100 Kilometern. „Anstatt drei Nächte und fünf Brücken haben wir zuletzt für einen Auftrag neun Nächte und elf Brücken gebraucht.“ Unterm Strich musste ihr Kunde aus der Energiebranche, der auf seine Transformatoren angewiesen sei, 600.000 Euro drauflegen. „So kann ein Unternehmen nicht lange überleben“, erklärt sie. Das sei zwar ein Extremfall, zeige aber die Richtung, in die es geht.

Laut Prognosen wird der Güterverkehr in der Region in den nächsten Jahren generell zunehmen. Dass Verkehrswege ausgebaut werden müssen, scheint unausweichlich. Stefanie Bremer ist Professorin an der Universität in Kassel und forscht zu den Themen Planung und Gestaltung von Verkehrsinfrastruktur. Die IHK hat am Dienstag auch externe Referenten eingeladen, die die Situation mit etwas Abstand betrachten. Aber Bremer kommt zu nur einem Ergebnis: „Sie brauchen Autobahnen, und Sie brauchen Brücken.“

166 Kilometer Stau jeden Morgen

Um die Region Köln/Bonn von Stau zu befreien, gebe es mehrere Möglichkeiten: Autobahnen sechs- bis achtspurig ausbauen sei eine. Aber auch digitale Technik könne die 166 Kilometer Stau jeden Morgen verringern: „Mit der entsprechenden Technik könnte man Straßen effizienter nutzen, Fahrzeuge müssten langsamer, aber dafür dichter auffahren.“ Dazu müssten Stadtplaner so arbeiten, dass die Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort kürzer würden.

Die Infrastruktur ist ein Kriterium, das nicht nur für Bürger, sondern auch für Unternehmen sehr wichtig ist. Ein weiteres bekanntes Problem in der Region sind die fehlenden Gewerbeflächen. Unternehmen wandern ab und damit auch Arbeitsplätze. Seit dem vergangenen Jahr hat Haribo seinen Firmensitz offiziell nicht mehr in Bonn. Auch Vapiano hat der Bundesstadt den Rücken gekehrt und ist in den Rheinauhafen nach Köln gezogen. Die Begründung des börsennotierten Unternehmens war: Dort gibt es mehr Platz für die Firmenzentrale. Und ein weiteres großes Unternehmen steht kurz vor dem Umzug: Der Versicherer Zurich an der Poppelsdorfer Allee.

Neuer Firmensitz: ebenfalls Köln. Gerade diesen Umzug sieht die IHK kritisch, weil noch nicht klar ist, ob das Gebäude künftig weiterhin als Gewerbefläche oder vielleicht doch zum Teil als Wohnraum genutzt werden soll. Die Konkurrenz um Flächen stellt die Region in den kommenden Jahren wohl ebenfalls vor Herausforderungen. Die Veranstalter der Kooperationsoffensive Bonn/Rhein-Sieg hoffen, diese im Austausch gemeinsam zu lösen. Denn in Bonn und der Region fehlen schließlich nicht nur Gewerbeflächen sondern auch bezahlbarer Wohnraum.

Es soll eine Win-win-Situation sein

Die IHK hatte das Projekt auch deshalb angestoßen, weil sie sich mit ihren Mitgliedsunternehmen nicht immer ausreichend wahrgenommen fühlt. Die Projektpartner der Offensive sind die Stadt Bonn und der Rhein-Sieg-Kreis. Ziel der Beteiligten ist es vor allem, künftig enger zusammen zu arbeiten. Ein Beispiel sind dabei die Gewerbeflächen, die zwar in Bonn fehlen, in anderen Gemeinden aber vorhanden sind. Es soll eine Win-win-Situation sein: Bonn beteiligt sich in anderen Kommunen am Ausbau und erhält dafür etwas von der Gewerbesteuer zurück.

Hier rät Thomas Terfrüchte von der TU Dortmund sogar noch etwas weiter über die Grenzen hinauszuschauen und die Region Ahrweiler mit einzubeziehen. Hermann Tengler von der Wirtschaftsförderung Rhein-Sieg-Kreis erklärt allerdings auch, warum Kooperation in diesem Fall kompliziert sei: „Wir haben ungleiche Bedingungen.“ Der Kreis Ahrweiler liegt in Rheinland-Pfalz und dort, so Tengler, würden für Gewerbeflächen dank Subventionen Preise ausgerufen, die hier nicht so günstig angeboten werden könnten. Außerdem sollten auch zusätzliche Verkehre vermieden werden.

Mit Rheinbach führt Bonn derzeit konkrete Gespräche über den Ausbau von gemeinsamen Gewerbeflächen. Zu einem genauen Zeitplan kann Oberbürgermeister Ashok Sridharan am Dienstag allerdings noch nichts sagen. Tengler kritisiert, dass Planungsprozesse meist lange dauern. „Wenn sich Unternehmen erweitern wollen, können sie nicht warten, bis es vielleicht im Jahr 2025 eine Lösung gibt.“ Es gehe schließlich auch um die Arbeitsplätze in der Region.