Interview mit Lehrer Eike Weimann

Wie Schulen armen Kindern in Bonn helfen können

Ein kleiner Junge sitzt bei einem Sommerfest auf einer Bank.

Ein kleiner Junge sitzt bei einem Sommerfest auf einer Bank.

Bonn. Auch in Bonn ist die Kinderarmut in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Der Godesberger Lehrer Eike Weimann bietet in seiner Doktorarbeit Praxismaterialien für eine veränderte Grundschularbeit.

Zunehmend wird Kinderarmut auch zum Thema in vermeintlich wohlhabenden Regionen und Städten. Über die Frage, was dies für Grundschullehrer bedeutet, sprach mit dem Experten Eike Weimann.

Wie erkennen Sie als Grundschullehrer Kinder in Armut?

Eike Weimann: Wir sehen zunächst nur Anzeichen. Wenn Kinder etwa Kopf- und Magenschmerzen haben, wenn die Mund- und Zahngesundheit beeinträchtigt ist oder wenn sie unzureichend bekleidet sind. Auch Bewegungs- und Koordinationsschwierigkeiten können Hinweise sein, genau wie Übergewicht, aber auch wenn Kinder Mitschüler regelmäßig nach Essen fragen.

Und welche Kinder genau sind heute von Armut betroffen?

Weimann: Vernachlässigt man die Dunkelziffer, so sind es vor allem die 1,93 Millionen Kinder und Jugendlichen, die in einer SGB-II-Bedarfsgemeinschaft auf Sozialhilfeniveau leben. Kinder Alleinerziehender, in kinderreichen Familien, in Erwerbslosenhaushalten und in Migrantenfamilien tragen ein hohes Armutsrisiko.

Armut heißt aber nicht, dass sich Eltern nicht um Kinder kümmern?

Weimann: Nein. Die Frage ist: Sind Eltern für die Kinder ansprechbar? Bestehen gemeinsame Freizeitaktivitäten? Je intensiver die familiäre Eintracht, je stärker das soziale Netz, je weniger Kinder den Eindruck haben, die Eltern seien hilf- oder orientierungslos, umso weniger schlagen Armutsfolgen bis zu den Kindern durch.

Verhalten sich arme Kinder in Klassen anders?

Weimann: Natürlich, denken Sie nur an den Druck, dem Kinder in armutsbelasteten Familien ausgesetzt sein können. Dazu kommt das Wohnumfeld. Kinder entwickeln hier oft Verhaltensweisen, mit denen sie ihre Benachteiligung besser ertragen können. Das kann zu Auffälligkeiten in der Schule führen, zu Unsicherheit, Aggression, Unzufriedenheit, Gleichgültigkeit oder Resignation.

Andersherum gefragt: Werden arme Kinder ausgegrenzt?

Weimann: Ja, weil sie mit den Nichtarmen nicht mithalten können und deren Konsumverhalten dann ausgrenzend sein kann. Verschärfend wirkt, wenn andere die Verhältnisse, in denen arme Kinder leben, als selbstverschuldet deuten und entsprechend mit ihnen umgehen.

Und wie wird sich das auf das weitere Leben auswirken?

Weimann: Armut bedeutet Chancenungleichheit, und die führt zu Bildungsbenachteiligung. Oft ist der Kreislauf von Armutsfolgen schwer zu durchbrechen. Armut kann dann von einer Generation in die nächste weitergegeben werden.

Zurück zur Grundschule. Wie weit greifen punktuelle Hilfen wie Förderbeiträge für Klassenfahrten?

Weimann: Hilfen durch das Bildungs- und Teilhabepaket mildern Armutsfolgen teilweise ab. Sie reichen aber nicht aus, um grundsätzlich an Armut etwas zu ändern. Da müssten schon die Zusammenhänge zwischen dem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem einerseits und der wachsenden sozialen Ungleichheit andererseits betrachtet werden.

Was wollen Sie mit Ihrem Handlungskonzept erreichen?

Weimann: Es soll den mangelhaften Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis überwinden. Und es soll die kindliche Widerstandsfähigkeit verbessern und Armutsfolgen verringern. Es soll Nichtbetroffene für ein massives gesellschaftliches Problem sensibilisieren. Und dazu werden konkrete Handlungsvorschläge und Materialien benötigt.

Ein sensibles Feld: Armut zu thematisieren, ohne betroffene Kinder zu stigmatisieren?

Weimann: Das stimmt. Aber bei Kindern lassen sich Kompetenzzuwächse erreichen, und die Schule kann Orientierung geben. Bestimmte Verhaltensweisen müssen vermieden werden, durch die die Armut der Kinder zum sozialen Stigma wird. Kinder dürfen wegen ihres Erscheinungsbilds, ihres Verhaltens oder ihrer Sprache nicht ausgegrenzt werden. Wir dürfen Armut nicht als logische Folge mangelnder Verantwortung, persönlichen Versagens oder fehlender Leistungsbereitschaft erklären.

Wie haben Ihre Kollegen auf Ihr Vorhaben reagiert?

Weimann: Sehr positiv, da bisher umfangreiche Lernangebote und Handlungsempfehlungen ja kaum vorhanden waren.

Und haben Sie die Eltern ins Boot geholt?

Weimann: Das ist nicht immer notwendig. Bestimmte Themen können aber im Rahmen von Elternabenden vorgestellt werden.

Wie haben Sie das Unterrichtsmaterial erstellt?

Weimann: Das war ganz unterschiedlich. Ein Beispiel: Wenn man in Klasse 1 Ernährung thematisiert, sind große Unterschiede bei den Vorkenntnissen erkennbar. Geeignete Materialien müssen darauf eingehen. Wenn man nun noch die Armutsfolgen im Hinblick auf Ernährung berücksichtigt, dann hat man die Basis für ein Lernangebot. Dann habe ich die Kinder gefragt: Wie würdet ihr ein Arbeitsblatt gestalten? Was würde euch interessieren?

Sie haben also die Kindersicht einbezogen?

Weimann: Die Sicht der Kinder auf ein Thema ist natürlich von besonderer Bedeutung.

Beispiel Konsumdruck: Wie läuft eine Unterrichtseinheit dazu?

Weimann: Immer unterschiedlich, da die Lerngruppen ja nie identisch sind. Als Einstieg kann ein Text oder Bilderbuch vorgestellt werden, in dem es um Geld, Wünsche oder Werbung geht. Hierzu äußern sich die Kinder frei. So kann man Vorerfahrungen feststellen und Fragen entwickeln. Auf der Grundlage kann dann eine Reihe mit Material zusammengestellt werden, vielleicht mit den Themen „Kleidung und Marken“ und „Taschengeld“.

Beispiel Ernährung: Wie reagieren Kinder, die nur Fastfood kennen?

Weimann: Sehr positiv. Kürzlich habe ich in einer Projektwoche „Kochen und Kochrezepte“ angeboten. Anfangs war mal ein „Iiih“ oder „Bäh“ zu hören. Alle haben aber probiert und waren begeistert. Schon mal davon, dass sie selbst mit mir die Produkte gekauft und zubereitet haben. Und dann schmeckte das auch noch.

Beispiel Gesundheitsvorsorge. Wie ist das Feedback von Eltern, die sich darum kaum kümmern?

Weimann: Von denen gibt es meist kein Feedback. Im Rahmen der Projektwoche hat sich aber gezeigt, dass über die Kinder mittelbar auch das Elternhaus erreicht wird. Und hier waren die Reaktionen positiv.

Beispiel Klassenvertrag: Welche Regeln haben Kinder hineingeschrieben?

Weimann: Solche für ein gelingendes Miteinander. Und es wurden Verhaltensweisen, die stören oder Angst machen, als Verbote formuliert. Es gilt immer: Was ist wichtig, damit du dich wohlfühlst?

Wie lange haben Sie Ihr Material inzwischen erprobt?

Weimann: Manches ist neu, anderes wurde schon zigmal eingesetzt und modifiziert. Das Material wird auch nie „fertig“ sein. Veränderungen zu berücksichtigen, macht ja den Beruf aus.

Und wie war der Erfolg?

Weimann: Kompetenzen sind gewachsen. Einerseits durch die „richtige“ Bearbeitung der Materialien. Andererseits dadurch, dass sich die Kinder zu den Fragen nach Abschluss kompetent mitteilen konnten. Und dass sie ihr Verhalten nachhaltig veränderten.

Erinnern Sie sich da an Reaktionen bestimmter Kinder?

Weimann: Ja, zum Beispiel von Kindern, die Kochen und Ernährung nichts abgewinnen konnten, jetzt aber von ihren Kocherfolgen, neuen Produkten und Rezepten berichten. Oder einfach nur den Eltern in der Küche helfen.

Gibt es auch Kinder, die Lehrer nicht mehr erreichen?

Weimann: Natürlich gibt es Vermeidungshaltungen und Schulmüdigkeit, z.B. durch geringeren Schulerfolg, aufgrund von Versagensangst und Demotivierung, durch Ausgrenzung.

Müsste es Konzepte wie Ihres nicht auch schon für Kindergärten geben?

Weimann: Schön wäre es. Noch wichtiger für die Bildungsgerechtigkeit wäre aber eine Kindergartenpflicht. Wenn ich sehe, welche tollen vorschulischen Bildungsangebote meinen eigenen Kindern dort offenstehen, dann müsste spätestens hier die Grundlage für einen erfolgreichen Schulstart gelegt werden.