Kommentar zum Pilotprojekt für Flüchtlinge

Wichtiger Gradmesser

Die Initiatoren des bundesweit einzigartigen Projektes im Alten Rathaus.

Die Initiatoren des bundesweit einzigartigen Projektes im Alten Rathaus.

Bonn. Aus Betroffenen Beteiligte machen – das ist der Anspruch eines bislang deutschlandweit einzigartigen Pilotprojekts, mit dem die Stadt Bonn im Erfolgsfall überregional zum Vorreiter werden könnte. Bei dem am Donnerstag im Alten Rathaus vorgestellten Konzept geht es darum, den Bewohnern von Asylbewerberheimen mehr Möglichkeit zur Selbstverwaltung einzuräumen.

Selbstverantwortung und Eigeninitiative – die Ziele ihres Pilotprojekts zur Integration haben zumindest die Bonner Initiatoren schon einmal vorgelebt. Der vielstimmige Chor jener, die Angela Merkels einsame Entscheidung zur millionenfachen Aufnahme von Flüchtlingen kritisieren, war zuletzt vor allem dort angeschwollen, wo die Konsequenzen besonders spürbar sind: in den Kommunen. Dass in Bonn nun ein Konzept entwickelt wurde, das den Betroffenen eine Perspektive aufzeigt, ohne dabei aktuelle Probleme und latente Risiken zu verkennen, hebt sich somit positiv von der diffusen Gefühlslage zwischen Willkommenskultur und Drohkulisse ab, die sich im Land ausgebreitet hat.

Noch sind Fragen offen: Worüber genau darf das Gremium entscheiden? Wie geht man mit der Fluktuation in den Heimen um? Können und sollen Nationen paritätisch vertreten werden? Und wie wird es um die Gleichstellung der Geschlechter bestellt sein? So etwas wie eine Frauenquote gibt es in Ländern wie Libyen oder Syrien nicht.

Wer bei der Präsentation zugehört hat, konnte die Sorge um die Demokratiedefizite vieler Flüchtlinge in jedem Wortbeitrag vernehmen. Viele Herkunftsländer befinden sich im Bürgerkrieg oder sind nach dem „Arabischen Frühling“ in autokratische Regime zurückgefallen. Im Privaten dominieren oft patriarchalische Strukturen. Derweil lassen hierzulande Berichte über salafistische Rekrutierungen in Asylbewerberheimen, zunehmende Gewalt gegen Frauen und wachsende Parallel- und Gegengesellschaften aufmerken. Inwieweit da die Vermittlung von Demokratie gelingt, oder ob sich die Mehrheit ihr womöglich verweigert, könnte in vielerlei Hinsicht aufschlussreich sein.Insofern liegt falsch, wer in der Initiative schlicht eine weitere Benefizaktion philanthropischer Gutmenschen sieht. Das Projekt ist nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe, sondern auch Gradmesser.