Der gute Geist der Nordstadt

Wer war Dr. Hubert Zink?

Bonn. Warum schreiben Sie nicht mal über Dr. Zink, der in Mackes Haus seine Praxis hatte? Mit dieser Frage einer Leserin begann für GA-Redakteur Thomas Kliemann eine ungewöhnliche Recherche. GA-Leser, ehemalige Patienten und Familienmitglieder erinnern an den Bonner Mediziner.

Auch das ist Redaktionsalltag beim General-Anzeiger: Eine Leserin ruft an, stellt einen Vorwurf in den Raum. Wir schrieben zu viel über August Macke, meint die Dame. Sei der denn so wichtig? Alle Versuche, Macke als wirklich bedeutenden, international geschätzten deutschen Maler zu positionieren, der zudem die produktivsten Jahre seines kurzen Lebens, das mit dem jähen Kriegstod 1914 endete, in der Bonner Nordstadt verbracht hat – alle diese Versuche scheitern. „Zu viel Gewese um Macke“, resümiert die Dame, die in Verbindung mit dem Macke Haus jemanden ganz anderen im Sinn hat: Hubert Zink. „Warum schreiben Sie nicht mal über Dr. Zink, der in Mackes Haus seine Praxis hatte?“, fragt die Anruferin.

Dr. Zink? In der Lebenswirklichkeit der Nordstädter war der Mediziner, der mit seiner kleinen Praxis das ganze Quartier betreute, der Jahrzehnte hier wirkte, sicherlich präsenter als August Macke, der nur vier Jahre in dem Haus an der Bornheimer Straße verbrachte – und nach seinem Tod auf dem Schlachtfeld in der Champagne bei den Bonnern zusehends in Vergessenheit geriet.

Erst 1972 rief die Aktion zweier Bonner Studenten namens Gerhard Pfaffenrott und Arn Strohmeyer in Erinnerung, dass in diesem Haus der Maler August Macke gelebt hatte: Die beiden jungen Männer stifteten eine Bronzetafel für das Haus, Mackes Witwe Elisabeth Erdmann-Macke war begeistert von dem „jugendlichen Idealismus“.

Die Recherchen begannen holprig

Zu diesem Zeitpunkt war Dr. Zink bereits elf Jahre tot und drohte nun seinerseits in Vergessenheit zu geraten. Wer war Dr. Zink? Die durch die Leserin angeregten Recherchen begannen eher holprig. Das Bonner Adressbuch von 1927 verzeichnet einen „Dr. med Hub. Zink, Hochstadenring 11“, also schräg gegenüber des Macke Hauses. Eine Anfrage bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein erbrachte nichts. Man freue sich aber über Informationen zu Dr. Zink, hieß es.

Klara Drenker-Nagels, Direktorin des Macke Hauses, kennt jeden Stein, jeden Vorgang im Haus. Sie hatte von Dr. Zink gehört, mehr aber nicht. Doch sie gab den goldenen Tipp: August Mackes Enkel Til Macke könnte etwas wissen. Dessen Erinnerungen an Dr. Zink beginnen Ende 1946 – nach dem Einzug der Familie Macke in das „Behelfsheim“ am Hochstadenring 48. „Dieses hat mein Vater, der ja seinem Onkel Walter Gerhardt in der Firma als rechte Hand zugeführt wurde, mit seiner Familie bewohnen dürfen“, erinnert sich Macke. Die Zinks wohnten im heutigen August Macke Haus auf drei Etagen, im Erdgeschoss war die Praxis, im ersten Obergeschoss waren die Wohnräume, darüber die Schlafzimmer.

Til Mackes Großmutter Elisabeth, die Witwe des Malers, baute für sich das ehemalige Atelier im Dachgeschoss als Appartement aus – „ohne Bad, äußerst schlicht“. Dr. Zink sei der einzige praktische Arzt im Viertel gewesen. „Alle – auch wir – gingen zum Dr. Zink, der korpulent und gemütlich war, seine Ehefrau war spindeldürr“, erzählt Macke. Zink junior wurde später ein erfolg-reicher Arzt in Bitburg.

Leser liefern Informationen

Ein kleiner Aufruf im General-Anzeiger brachte die Recherchen zu Dr. Zink ins Rollen. Der Leser Walter Christian, ehemals Lehrer am Bonner Carl-von-Ossietzky-Gymnasium, konnte Informationen zu besagtem Zink junior beibringen. Norbert Barwick, ein weiterer Leser, war schon als Kind Patient bei Dr. Zink. Barwick ist Jahrgang 1950. Er erinnert sich an „einen kleinen, runden Mann mit einer für ihn recht großen Arzttasche“. Sein Spitzname sei „die Kugel“ gewesen. Barwick weiter: „Er war gemütlich bis rau (aber herzlich) und schaffte es durchaus, zwei bis drei Patienten in seinem Behandlungszimmer gleichzeitig zu betreuen.“

Wolfgang Kaschke, der heute 80 Jahre alt ist, kann sich noch gut an seinen Hausarzt Dr. Zink erinnern. Damals ging Kaschke auf die Karlschule, lebte im sogenannten Markthallenviertel. Schule, Marienkirche und Hausarzt – das waren die Bezugspunkte. „Für uns Kinder sah Dr. Zink wie ein Gelehrter oder Oberschullehrer aus“, erinnert er sich. „Er war ein ruhiger, besonnener, etwas behäbiger Mann, er war beliebt und wir begegneten ihm mit Respekt: Jawoll, Herr Doktor!“

Irgendwann kam der Anruf von Resi Zink, der Schwiegertochter von Dr. Zink. Sie habe noch so viele Erinnerungen, sagte sie begeistert. An ihren Schwiegervater und an Elisabeth Erdmann-Macke, mit der sie im Atelier des Macke Hauses Kaffee getrunken habe, vor dem Bild „Das Paradies“, das Macke einst in seinem Atelier mit seinem Künstlerfreund Franz Marc an die Giebelwand des Dachgeschosses gemalt hatte und das 1980 abgenommen und ins Landesmuseum Münster verkauft wurde. Ich solle doch mal vorbeikommen. Ob ich denn lieber Tee oder Kaffee tränke, fragte die 87-jährige Dame.

Ortstermin im Bonner Norden: Resi Zink empfängt mich in ihrem Reihenhaus. Die Dame ist bester Laune, lacht viel, erzählt aus ihrem bewegten Leben, von den durchlittenen Bombennächten in Köln, von den Dissertationen, die sie tippte, um zum Haushaltseinkommen beizutragen. „Ihre“ Doktorarbeiten hat sie noch alle im Bücherschrank stehen. An den Wänden Fotos, kleine Erinnerungsstücke fallen auf, Stickereien, die Sophie Gerhardt, August Mackes Schwiegermutter, für Resis Mann Wolfgang angefertigt hat. Dann geht es bei Kaffee und Gebäck um Dr. Zink.

Zink promoviert 1920 in Bonn

Hubert Zink wurde am 8. Juni 1890 in Groß-Ammensleben (Sachsen-Anhalt) geboren, wo er mit seinem älteren Bruder Otto auf dem elterlichen Gutshof aufwuchs. Fünf seiner Geschwister starben früh – für Hubert, so erzählt Resi Zink, ein Ansporn, einmal Medizin zu studieren. Er ging auf die Klosterschule Petrinum in Brilon, wo er auch Abitur machte. 1909 begann er sein Studium an der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Münster. Ein Foto aus jener Zeit zeigt ihn als Mitglied der Akademischen Studentenverbindung Cheruscia Münster. Zink wechselt nach Freiburg, München und Berlin, wird 1920 in Bonn mit einer Arbeit „Über Glioma Retinae, insbesondere die neue Strahlentherapie bei demselben“ promoviert.

Seine erste Stelle hat Zink als Assistenzarzt in der Inneren Abteilung des St. Vinzenz-Hauses in Köln. 1915 wird er als Stabsarzt zur Königlich-Preußischen Armee einberufen. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges behielt er diese Position. Resi Zink zeigt Fotos, auf denen ihr Schwiegervater mit Kollegen, Krankenschwestern und Verwundeten anlässlich der Kaisergeburtstagsfeier im Kriegsjahr 1915 posiert.

Noch vor Kriegsbeginn hatte sich der Doktor mit Amalie „Malli“ Heemann verlobt, geheiratet wurde 1916. Sohn Hans-Karl wurde 1918 geboren, praktizierte später als Hautarzt, der zweite Sohn Wolfgang, Resi Zinks späterer Ehemann, kam 1928 auf die Welt. Da hatte Hubert Zink schon fast sieben Jahre seine Praxis, war 1927 vom Hochstadenring 11 ins Macke Haus an der Ecke Bornheimer Straße gewechselt.

Resi Zink zeigt den Mietvertrag für die Praxisräume – die Monatsmiete betrug 50 Mark – und erzählt, dass ihr Mann als kleines Kind „Wölfchen“ genannt wurde und sehr oft bei den Gerhardt-Macke-Frauen zu Besuch war. „Da er wohl ein liebes Kind war, stickten sie ihm nach Vorlagen von August und Walter Macke vier wunderschöne Bilder.“ Augusts Enkel Til Macke und seine Schwestern Dorothee und Almut waren Patienten von Dr. Zink. „Die Mädchen kamen schon mal zum Fernsehgucken zu Malli Zink.“

Bis zu tausend Patienten pro Quartal

Die Kontakte zur Familie Macke seien freundschaftlich gewesen, erzählt Resi Zink. Es gibt aber auch traurige Erinnerungen. Mallis Schwager Hans Karsten hatte sich, kaum erfuhr er davon, dass sich August Macke freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, selbst rekrutieren lassen. Macke fiel am 26. September 1914, Hans Karsten am 5. November 1914 – beide in Perthes in der Champagne.

Wie war Dr. Zink? „Er hat viel gearbeitet und war trotzdem ein verständnisvoller, lieber Ehemann und Großvater“, erzählt seine Schwiegertochter. Bis zu tausend Patienten kamen pro Quartal in seine Praxis. Die Krankenbesuche machte er per Fahrrad, da er kein Auto besaß. Dr. Zink war sehr beliebt, etwa bei armen Patienten, denen er keine Rechnung schrieb. Noch lange legten diese regelmäßig Blumen auf das Grab des 1961 gestorbenen Doktors, berichtet Resi Zink. „Viele Patienten sagten: Wir gehen zu dem Arzt, wo die schönen Bilder im Wartezimmer hängen.“ Es seien Bilder August Mackes gewesen, die aus Platzmangel im Haus zeitweise bei Zink untergebracht waren.

Der Doktor praktizierte nicht nur dort, er war auch zuständig für das Waisenhaus, das heutige Prälat-Schleich-Haus für Obdachlose, und Hausarzt im „Städtischen Pflegehaus“ der Borromäerinnen, das bis in die 1950er Jahre in der Kölnstraße bestand. Dr. Zink war sehr eingespannt – „die Patienten läuteten zu allen möglichen Zeiten“, erzählt Resi –, seine Frau Malli nicht minder: Obwohl sie an einer schweren Krankheit litt, arbeitete sie als Sprechstundenhilfe und kümmerte sich um die Kranken.

Wie hat Resi Zink den Doktor privat erlebt? „Er war durch seine enorme Leistung in der Praxis froh, wenn er sich in Ruhe zu deftiger Hausmannskost, gerne mit Würstchen, hinsetzen konnte. Wenn er dann noch ein Zigärrchen hatte, merkte man, was er für ein lustiger, witziger und verständnisvoller Mensch er war, der einem viele gute Ratschläge geben konnte.“