Neubauprojekte in der Bonner Innenstadt

Weiter Kritik an Plänen für Bahnhofsvorplatz

Demonstranten am Mittwochabend in der Bonner Innenstadt: Sie fordern Vielfalt und fairen Handel, nicht nur im Viktoriakarree, sondern auch in den geplanten Neubauten am Hauptbahnhof.

Demonstranten am Mittwochabend in der Bonner Innenstadt: Sie fordern Vielfalt und fairen Handel, nicht nur im Viktoriakarree, sondern auch in den geplanten Neubauten am Hauptbahnhof.

Bonn. Im Vorfeld der entscheidenden Ratssitzung heute Abend wächst die Gegnerschaft der Planung am Bonner Hauptbahnhof. Die Initiative „Viva Viktoria“ hat sich der Gruppe der Gegner angeschlossen. IHK und City-Marketing sehen hingegen nach langem Stillstand eine Chance.

Den Gegnern der Planung am Bonner Hauptbahnhof hat sich die Initiative „Viva Viktoria“ angeschlossen, die am Mittwochabend ihre Demonstration gegen die Entmietungspolitik der Signa-Holding im Viktoriakarre und für die Erhaltung des dortigen Szenelokals Blow up kurzerhand auf den Bahnhofsvorplatz verlegte.

Axel Bergfeld, Wortführer von „Viva Viktoria“, hofft, dass der Rat heute in letzter Sekunde der Forderung seiner Initiative nach einem Ratsbürgerentscheid für den Bahnhofsvorplatz nachgibt. Während der Demonstration, an der laut Polizei rund 150 Bürger teilgenommen haben, warf er den Ratspolitikern „Mutlosigkeit“ vor.

Hinsichtlich des Blow up, das in der Rathausgasse 10 in einem Haus der Signa untergebracht ist und für das heute der Mietvertrag ausläuft, will es die Initiative darauf ankommen lassen. „Das Lokal zieht nicht aus“, sagte Bergfeld.

Er gehe davon aus, dass der Klage des Pächters auf Entfristung des Mietvertrages vor dem Hintergrund der neuen Situation stattgegeben werde. Wie berichtet, war der Rat im vorigen November dem Bürgerbegehren von „Viva Viktoria“ beigetreten und hatte die Pläne von Signa für ein Einkaufszentrum und eine Bibliothek für die Universität gestoppt.

Unzufrieden mit der Planung am Bahnhof ist der Verein Pro Bahnhofsvorplatz. Weder mit Abriss und Neubau der Südüberbauung, noch mit dem sogenannten Dreiklang „Urban Soul“ auf dem Nordfeld ist der Verein einverstanden. Professor Günter Bergerhoff hat die Ratsmitglieder angeschrieben und eine Ansicht des Bahnhofs Schwerin beigefügt. Das Gebäude sieht dem Bonner verblüffend ähnlich. Vor dem Bahnhof ist ein Platz mit Springbrunnen. So, will er sagen, könnte es in Bonn auch aussehen. Und er kritisiert die fehlende Bürgerbeteiligung.

Ebenfalls zu Wort meldeten sich die Frauenorganisation Femnet und die Initiative „Bonn im Wandel“, die eine Online-Petition gestartet haben, um die Textilkette Primark, die ins Maximilian-Center ziehen soll, zu verhindern. Sie reihten sich in die Demonstration ein. Die Kette, so heißt es, stehe für „unmenschliche Arbeitsbedingungen“. Bis Donnerstagfrüh haben fast 3000 Bonner die Petition unterschrieben.

Aber auch Befürworter des Projekts meldeten sich am Mittwoch noch einmal zu Wort: „Bonn hat endlich die Chance, nach jahrzehntelangem Stillstand wieder ein attraktives Bahnhofsvorfeld zu erhalten“, sagte Hubertus Hille, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. „Durch dieses Projekt als Alternative zur jetzt bestehenden Südüberbauung können wir zusätzliche Frequenzen und mehr junge Menschen in die Bonner Innenstadt locken“, warb auch Maike Reinhardt, Geschäftsführerin des Vereins City Marketing, für die Planung.

Debatte seit 1969

Die Debatte um den Bahnhofsvorplatz begann 1969, als die Gründerzeithäuser am Hauptbahnhof dem Bau der U-Bahn weichen mussten. Seither konnte zwischen Kaiserplatz und Thomas-Mann-Straße keines der zahlreichen vorgeschlagenen Projekte durchgesetzt werden.

2002 erhielt die Brune Consult den Auftrag des Rates, das Areal zu beplanen. Der Investor wollte unter anderem ein Parkhaus im Norden des Bahnhofsvorplatzes und eine Einkaufsmall über dem Bonner Loch bauen. 2004 stoppte ihn ein Bürgerbegehren.

Nach einer Bürgerwerkstatt beschloss der Rat 2008 einen europaweiten Wettbewerb für die Neugestaltung des Bahnhofsbereichs. Der Entwurf des Architekten Stefan Schmitz siegte. Auf dieser Grundlage wurde das Nordfeld, die Fläche zwischen Bonner Loch, Thomas-Mann-Straße und Rabin-Straße, ausgeschrieben.

2007 kam Roger Sevenheck mit seiner German Development Group aus Düsseldorf ins Spiel. Im Gegensatz zu vorherigen Investoren, die Kauf und Abriss der Südüberbauung über die Bebauung der nördlichen Stadtareale finanzieren wollten, konzentrierte sich der Niederländer allein auf die Südüberbauung und begann, mit den 40 Teileigentümern zu verhandeln.

Er erhielt sogar eine Abrissgenehmigung für den Bestandsbau und eine Baugenehmigung für sein geplantes Einkaufszentrum. Doch der Projektentwickler strauchelte – vor allem mit einem Riesenprojekt in Duisburg. Albert Ten Brinke zahlte seinen Landsmann aus und übernahm die Planung. „Sehr professionell“, wie es aus Eigentümerkreisen heißt.