Gründe für schwache Wahlbeteiligung

"Was machen die Politiker schon für uns?"

Es ist Wahl, aber kaum jemand geht hin: In Neu-Tannenbusch liegt der Stimmbezirk mit der geringsten Wahlbeteiligung. FOTO: DÖRSING

Es ist Wahl, aber kaum jemand geht hin: In Neu-Tannenbusch liegt der Stimmbezirk mit der geringsten Wahlbeteiligung.

BONN. In Tannenbusch und Auerberg liegen die Stimmbezirke mit der geringsten Wahlbeteiligung. Warum haben viele Bürger nicht gewählt? Eine Suche nach Gründen der Nichtwähler.

Die Wahlplakate der OB-Kandidaten, die noch immer an Laternen und Werbewänden prangen, können keine Rückschlüsse auf den Ausgang der Abstimmung geben. Ob Gewinner oder Verlierer - ihre Zuversicht ist auf den Papptafeln eingefroren. Dabei hätten eigentlich alle Kandidaten Grund genug, Sorgenfalten zu zeigen. Die Oberbürgermeisterwahl lockte in Bonn nicht einmal jeden zweiten Stimmberechtigen an die Urne.

Nur 87 von 1107 Bürger wählten in Neu-Tannenbusch

Auch in den Wahlbezirken Neu-Tannenbusch, Tannenbusch oder Auerberg/Graurheindorf lächeln die Politiker von den Plakaten. Dort liegen die Stimmbezirke mit der niedrigsten Wahlbeteiligung bei der Bonner Oberbürgermeisterwahl. So wollten nur rund 18 Prozent der Wähler aus dem Bezirk "An der Josefshöhe" den OB mitbestimmen. Am Posener Weg in Tannenbusch waren es rund zehn und am Waldenburger Ring in Neu-Tannenbusch rund 13 Prozent. Noch weniger Bürger wollten in Neu-Tannenbusch-Mitte ihre Stimme abgeben. Lediglich 7,86 Prozent gingen hier wählen - von 1107 Bürgern gerade einmal 87.

Warum sind nur so wenige Menschen zur Wahl gegangen? Die Suche nach den Ursachen gestaltet sich nicht leicht. Fragt man die Passanten am Tannenbusch-Center, bekommt man nur selten eine Antwort. Wer nicht wählt, redet meist nicht gerne darüber. "Mein Mann hat die Wahlbenachrichtigung verlegt. Ich wollte eigentlich wählen gehen", sagt dann doch ein junge Frau. "Ich musste leider arbeiten und hatte in den letzten Tagen sehr viel Stress, daher habe ich es nicht geschafft zu wählen, verrät die 19-jährige Nzuzi-Dibokakua. Aber auch das bekommt man zu hören: "Hier geht keiner wählen", sagt ein junger Mann mit grimmigem Blick. Auf die Nachfrage "warum nicht?" antwortet er schlicht: "Hier gibt's nichts zu fragen. Guten Tag."

Nichtwähler stammen häufig aus Bevölkerungsgruppe mit niedrigem Einkommen

Abdelhak Meliani ist auskunftsfreudiger. Der 51-Jährige aus Neu-Tannenbusch arbeitet bei einer Bonner Sicherheitsfirma und hat ebenfalls nicht gewählt. "Ich hatte Bereitschaftsdienst. Sonst gehe ich immer zur Wahl, nehme sogar meine Kinder mit." Seiner Meinung nach leben in dem Viertel viele Menschen, die sich nicht für Politik interessieren. "Dabei gibt es hier viele intelligente Menschen", betont er.

Die Wahlforschung zeigt, dass Nichtwähler überproportional häufig aus der Bevölkerungsgruppe mit niedrigem Einkommen und geringem Bildungsstand stammen. Neu-Tannenbusch war 2014 nach Medinghoven der Stadtteil mit der höchsten Arbeitslosigkeit (rund 21 Prozent).

Abdelhak Meliani gibt auch zu bedenken, dass in Neu-Tannenbusch nur wenig Wahlkampf betrieben wurde. "Ich hoffe, dass Politiker und die Menschen hier wieder stärker aufeinander zugehen."

"Die Politik nimmt die Menschen vielleicht nicht mehr genug mit."

Frank Henseler, CDU-Stadtverordneter für Neu-Tannenbusch und Buschdorf, räumt ein, dass es bei der OB-Wahl vielleicht weniger Infostände in seinem Bezirk gegeben haben könnte als noch bei der Ratswahl im vergangenen Jahr. Sein Parteikollege und neu gewählter Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan sei aber sehr wohl bei einem Bürgergespräch am Tannenbusch-Center gewesen. "Die Politik nimmt die Menschen vielleicht nicht mehr genug mit. Manche fühlen sich abgeschlagen", so Henseler.

"Man weiß um die besondere Bevölkerungsstruktur in diesen Stadtbezirken, und die Zahlen der Wahlbeteiligung spiegeln das wider", sagt Sebastian Kelm, SPD-Stadtverordneter für den Bezirk Tannenbusch. "Wir müssen mehr Präsenz zeigen und beweisen, dass auch vor Ort bei den Menschen etwas passiert." Laut Kelm sei es aber auch keine gute Idee gewesen, die OB-Wahl von der Kommunalwahl abzukoppeln.

Das kritisierte auch Wahlleiter Wolfgang Fuchs am Wahlsonntag. Dass sich die Ursachensuche darin nicht erschöpfen darf, zeigen jedoch auch andere Aussagen von Nichtwählern.

"Was machen die Politiker schon für uns? Kriegen sie etwas davon mit? Die sind doch alle abgehoben", sagte Hans Hain aus Auerberg. Hier lag die Wahlbeteiligung am Sonntag bei 36,55 Prozent.

Wahlbeteiligung: Bonn liegt über dem NRW-Schnitt

Lediglich 40,9 Prozent der Wahlberechtigten haben sich am Sonntag beim Urnengang zur Wahl der Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte beteiligt. Damit machte sich durchschnittlich nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte zum Wahllokal auf, in manchen Kommunen war es nur etwa jeder dritte. Damit sorgten die Bürger in Bonn (45,1 Prozent) mit den Wählern im Kreis Coesfeld (51,8 Prozent) und in Münster (44,9 Prozent) noch für eine vergleichsweise hohe Beteiligung.

Besonders niedrig war die Wahlbeteiligung in Herne (29,9 Prozent), im Kreis Viersen (31,9) sowie im Oberbergischen Kreis (32,9). Die Beteiligung an Kommunalwahlen ist in NRW generell deutlich geringer als an Landtags- oder Bundestagswahlen.