Reaktion auf Niedrigwasser

Warum die Fahrrinne des Rheins tiefer werden soll

Bonn. Der Bund will den Mittelrhein vertiefen, um Probleme der Schifffahrt bei Niedrigwasser in den Sommermonaten zu vermeiden. Doch die Pläne sind komplex - und gegen den Klimawandel helfen sie nur bedingt.

Wenn der Rhein versiegt, gehen auch im Rheinland die Lichter aus. Das klingt zwar dramatisch, lässt sich aber mit zwei einfachen Zahlen belegen: Rund 70 Prozent aller Güter, die 2018 auf deutschen Wasserstraßen transportiert wurden, waren auf dem Niederrhein unterwegs. Und 150 Lastwagen mit je 20 Tonnen Ladung wären nötig, um ein einziges Großmotorgüterschiff auf dem Strom zu ersetzen. Die lange Niedrigwasserphase von Juni bis Anfang Dezember könnte also ein Vorgeschmack sein, welche wirtschaftlichen Folgen der Klimawandel für die Region haben könnte.

Das Niedrigwasser 2018, das habe eine aktuelle Auswertung im Auftrag des Bundes ergeben, war ursächlich noch keine Folge der Klimaerwärmung, sagt GDWS-Präsident Hans-Heinrich Witte. Doch es zeigt, wohin die Reise geht: Mehr Wasser im Winter, weniger im Sommer. Die Alpengletscher der Schweiz haben in den vergangenen zehn Jahren 20 Prozent ihrer Masse eingebüßt, berichtet die Eidgenössische Kryosphärenkommission. Im Sommer rinnt damit zusehends weniger Schmelzwasser in den Rhein und seine Zuflüsse in den Alpen. „Wir müssen uns darauf einstellen“, sagt Witte.

Abladeoptimierungen am Rhein sind geplant

Schon seit 2016 plant der Bund deshalb sogenannte Abladeoptimierungen am Nieder- und Mittelrhein. Auf den rund 50 Flusskilometern zwischen Mainz und Sankt Goar hat der Rhein schließlich derzeit eine Fahrrinnentiefe von 1,90 Metern. Weiter flussaufwärts sind es wieder 2,10. Mithin ein ärgerliches Nadelöhr für die Frachtschifffahrt. Im Bundesverkehrswegeplan 2030 hat eine Vertiefung um 20 Zentimeter deshalb die höchste Priorität und mit 30:1 das höchste Nutzen-Kosten-Verhältnis überhaupt. „Schiffe können dann mit mehr Fracht fahren. Das spart Kosten und senkt auch die ökologische Belastung“, erklärt Witte, weil dann insgesamt weniger Schiffe für dieselbe Ladung benötigt würden.

 

Allerdings sei ein Eingriff in das Flusssystem keine Banalität. Schließlich dürfe dadurch bei Niedrigwasser im restlichen Flussbett aus ökologischen Gründen nicht weniger Wasser verbleiben. Und bei Hochwasser soll der Fluss nicht noch mehr Wasser führen. Buhnen und andere Wasserbauwerke müssen also den Wasserfluss entsprechend regulieren. Eine komplexe Sache, bei der es viel zu bedenken gibt.

Niedrigwasser Auswirkung der globalen Erwärmung

Erst im Januar wurde deshalb das Konsultationsverfahren zu der Baumaßnahme abgeschlossen. Inzwischen hat die GDWS ein Dutzend Planerstellen ausgeschrieben. Die Öffentlichkeit soll frühestens Ende 2020 beteiligt werden. Wann Baurecht für die Vertiefung vorliegt, ist noch nicht absehbar.

Um die wirtschaftlichen Auswirkungen der globalen Erwärmung abzufedern, sind deshalb zukünftig wohl Maßnahmen in ganz anderen Dimensionen nötig. So muss sich die Industrie auf Durststrecken einstellen und entsprechende Lagerhaltung betreiben. Fertigungsprozesse, bei denen die Rohstoffe erst in dem Moment geliefert werden, wenn sie benötigt werden, funktionieren nicht mehr uneingeschränkt.

Aber auch über unkonventionelle Lösungen müsse man sich Gedanken machen, glaubt Witte, zumal der Rhein als ökologisch verträglichste Verkehrsader noch an Bedeutung gewinnen werde. „Wir müssen langfristig darüber nachdenken, ob wir überschüssiges Wasser im Winter flussaufwärts speichern können, um im Sommer Engpässe abzufedern.“