Ansturm auf die Bonner Altstadt

Warum Asiaten Bonns Kirschblüten lieben

Bonn. In der Altstadt hat der Ansturm auf die Kirschblüten voll eingesetzt. Vielleicht können die Besucher ja erklären, was sie an dem Ereignis so fasziniert, dass sie zu Tausenden aus ganz Nordrhein-Westfalen für ein paar Fotos hier hin pilgern. „Diese Blüte ist so schön, aber auch so kurz, genauso wie ein Glücksmoment“, sagt Hao Xuan Yu nachdenklich.

Das ist für Shuai Gu nun wirklich eine sonderbare Frage. „Wie wir davon erfahren haben, dass in Bonn die Kirschbäume blühen? Davon spricht doch die ganze Welt“, sagt der Maschinenbaustudent und breitet den Arm aus, als wolle er die Breite Straße in eine große Tasche stecken und mit nach Hause nehmen. In den marktführenden sozialen Netzwerken Chinas wie Sina Weibo oder Renren sei die Bonner Kirschblüte unter Auslandschinesen seit Tagen ein Topthema, erklärt der 25-Jährige. Mit drei Kommilitonen der RWTH Aachen ist er deshalb für einen Nachmittag nach Bonn gekommen und bestens informiert. Landsleute, die in Bonn studieren, hätten die ganze Geschichte der Bonner Kirschblüte im Netz erklärt.

Nachdem in der Altstadt am vergangenen Sonntag zeitweise kein Durchkommen war, schlenderten auch an den Folgetagen Hunderte durch Heer- und Breite Straße. Dabei ist die Bonner Kirschblüte keineswegs allein. Anfang Mai feiert Hamburg sein Kirschblütenfest mit einem großen Feuerwerk über der Alster. In Berlin-Marzahn wird das zehnte Blütenfest zelebriert. Stockholm, Shanghai und Seoul haben ihre eigenen Festivals. In der US-Hauptstadt Washington ist das jährliche Cherry Blossom Festival gerade vorüber. In Mitteleuropa aber ist Bonn mit seinem milden Klima meist Vorreiter. In einer weltweiten Bestenliste des britischen Telegraph wurde die Altstadt-Blüte vor wenigen Tagen als einzige in Deutschland vorgestellt.

Auch Ke und Xinxin, die in Essen studieren, wollten die Kirschblüten sehen. Xinxin hat dazu extra ihren rosa Pullover angezogen, Ke ihre lachsfarbene Handtasche umgehängt. „Dieses Rosa ist einfach unschlagbar“, sagt Xinxin in etwas mühsamem Deutsch. Und ob denn etwa noch nicht aufgefallen sei, dass die Blütenblätter lauter kleinen Herzen ähnelten? Alles Romantiker, diese Asiaten, die an diesem Nachmittag ganz verträumt und gar nicht hektisch durch Heer- und Breitestraße flanieren.

Da ist der junge Mann im McKiosk weniger gelassen. Ihn nerven die vielen Leute auf der Straße, die den Liefer- und Durchgangsverkehr behindern. Und der Umsatz? „Semi-gut“, antwortet er. Höchstens Kirschbier werde mehr gekauft als sonst, „das passt ja auch“. Auch Hermann Joseph Alsdorf muss sich mit dem Treiben erst anfreunden. In diesem Jahr ist er mit seinem fahrbaren Crêpe-Stand erstmals nicht nur am Wochenende da. „Ich schau mal, ob die Leute auch unter der Woche Hunger haben“, verrät er. Crêpes mit Erdbeeren gingen erstaunlich schlecht, ist sein Zwischenfazit. „Die wollen alle nur Banane-Nutella oder Nutella mit Zucker und Zimt.“

Hildegard und Manfred Wolff aus Dernau haben im GA von der Blüte gelesen. Am Wochenende sind sie beim Weinfrühling eingespannt und deshalb unter der Woche nach Bonn gekommen. „Da könnte man noch viel mehr draus machen“, ist Manfred Wolff überzeugt. Vor allem der Verkehr müsse für die wenigen Tage aus den entsprechenden Altstadtstraßen verschwinden. „Viele rollen ja mit dem Wagen hier durch und machen Fotos. Das verdirbt die Atmosphäre“, meint er. Und seine Frau findet, die Bonner Geschäftswelt könne noch weit mehr profitieren. „Ein Eisbüdchen oder ein Bratwurststand – das wäre doch nicht so schwierig, auch wenn der Termin schwer zu planen ist.“

Während der junge Deutsch-Iraker Scharaf Alshaik, der in Bonn arbeitet und in Königswinter wohnt, spontan seine neue Spiegelreflex von Zuhause holte, um die Kirschblüte abzulichten, fehlt es selbst vielen Bonnern nach wie vor offenbar an einem konkreten Anlass zum Altstadtbummel. Petra Tisner hat sich mit Tochter Mara nach zehn Jahren in Bonn erstmals zum Bewundern der Blüte auf den Weg gemacht. „Wir haben uns das immer vorgenommen“, erzählt sie. Der GA-Bericht vom Samstag war dann der Anstoß, sich aufzumachen. Dabei erfuhr Tisner von der Blüte schon vor einem Jahrzehnt, als sie im diplomatischen Dienst in der Türkei tätig war. „Wir hatten damals einen japanischstämmigen Kollegen. Der kannte die Bonner Kirschblüte schon damals.“

Weitere Fotos gibt es auf www.ga-bonn.de/kirschbluete