Der 16. Prozesstag im Fall Niklas Pöhler

Walid S. bricht sein Schweigen

Walid S. (blaues Hemd) und Roman W. (schwarze Jacke) mit ihren Verteidigern beim Prozessauftakt.

Walid S. (blaues Hemd) und Roman W. (schwarze Jacke) mit ihren Verteidigern beim Prozessauftakt.

Bonn. Am 16. Verhandlungstag im Prozess um den gewaltsamen Tod des 17-jährigen Schülers Niklas Pöhler am 7. Mai 2016 in Bad Godesberg hat der Angeklagte Walid S. sein Schweigen gebrochen.

Es ist der letzte Tag der Beweisaufnahme im Prozess um den gewaltsamen Tod des 17-jährigen Niklas Pöhler, und an diesem 16. Verhandlungstag bricht der Angeklagte Walid S. sein Schweigen. Der 21-Jährige spricht auf Bitte des Gerichts erstmals selbst über sich, und so kann sich auch Niklas' Mutter ein Bild machen von dem Mann, der das Leben ihres Sohnes mit einem Faustschlag beendet haben soll. Verteidiger Martin Kretschmer erklärt anschließend, sein Mandant wolle noch einmal klarstellen: „Er hat mit der Tat nichts zu tun und kennt auch die Täter nicht. Er deckt niemanden und geht auch nicht aus Freundschaft oder falsch verstandener Ehre für jemand anderen ins Gefängnis.“

In gutem Deutsch mit leichtem italienischen Einschlag schildert Walid S., wie er im September 2013 mit der Mutter und dem sieben Jahre jüngeren Bruder nach Deutschland kam nach Trennung der Eltern, die sich viel gestritten hätten. Erst auf Nachfrage von Kammervorsitzendem Volker Kunkel erklärt er, der Vater habe die Mutter einmal attackiert, als er zwölf war: „Da bin ich dazwischen gegangen.“ Was erst durch den Bericht der Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe deutlich wird: Walids Mutter ist vor ihrem gewalttätigen Mann regelrecht nach Deutschland geflohen. Vor allem Walid, der sich stets schützend vor seine Mutter gestellt habe, habe die Gewalt massiv abbekommen. „Für die Mutter hat er alles aufgegeben und ist mit ihr nach Deutschland gegangen, obwohl ihm das nicht leicht fiel.“ Denn in Italien sei Walid ein hochklassiger Fußballer gewesen.

Für die Mutter wurde Walid eine Stütze und für den Bruder „eine Vaterfigur“, so die Jugendgerichtshelferin. Walid lernte schnell Deutsch, jobbte in einer Eisdiele und machte seinen Schulabschluss. Seine Lehrer beschreiben ihn als „hochintelligent und sprachbegabt“; der 21-Jährige spricht fünf Sprachen.

Aber die erlebte Gewalt in der Familie hat ihn laut Jugendgerichtshelferin geprägt. „Er hat nie gelernt, Konflikte anders zu lösen als mit Gewalt“, erklärt sie. Aus nichtigem Anlass schlug Walid schon mehrfach zu, kassierte dafür im November 2015 Sozialstunden und musste ein Anti-Gewalt-Training absolvieren. Auch in diesem Prozess werden ihm noch Körperverletzungen von Ende April 2016 vorgeworfen. Ein Problem sei auch Walids Alkohol- und Drogenkonsum, vor allem wenn er getrunken habe, gehe er schnell hoch, so die Jugendgerichtshelferin. Und: Walid neige zu Imponiergehabe und wolle sich auch mit negativem Verhalten Anerkennung verschaffen: „Er ist gerne der King.“ Allerdings wisse er genau, wie reizbar er sei, denn er sei sehr selbstreflektiert. Und er verstehe es, die Menschen für sich einzunehmen.

Was die ihm vorgeworfene Tat betreffe, habe er in seiner Schule erklärt: So etwas würde er nie machen – zuschlagen und auch noch treten, das sei „unterirdisch“. Die Jugendgerichtshelferin empfiehlt für Walid S. aufgrund erheblicher Reifedefizite im Fall einer Verurteilung eine Jugendstrafe.

Doch ist Walid S. tatsächlich der Täter? Die Zweifel wachsen erkennbar auch bei Niklas' Mutter, nachdem der 22-jährige Tunesier Hakim D. erneut in den Fokus gerückt ist. Und als das Jugendschwurgericht zum Schluss noch Bilder mit jungen Männern zeigt, die damals den Augenzeugen vorgelegt worden waren, ist nicht zu übersehen: Walid S. und Hakim D. sehen sich ähnlich. Vor allem auf dem Foto, auf dem Niklas‘ Freund Walid S. als Täter erkannt haben will. Am 25. April sollen Staatsanwalt und Verteidiger plädieren.