WCCB: "Nachweislich die preisgünstigste Lösung"

19. Januar im Bonner Landgericht: Schweigend steht der ehemalige WCCB-Bauchef Young-Ho Hong von der insolventen Baufirma SMI Hyundai Europe GmbH (Berlin) mit den Berliner Anwälten Gabriele Linde und Ralf Kemper im Gerichtssaal.

BONN. Hong zahlt freiwillig Millionen an Insolvenzverwalter zurück. Kuvert aus Berlin mit einem erstaunlichem WCCB-Bauangebot.

Ein weites Feld breitet sich gerade vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Bonn rund um das umfassende Debakel in Sachen World Conference Center Bonn (WCCB) aus, wo gegen vier Angeklagte verhandelt wird. Einer, der noch nicht angeklagt ist, sondern gegen den noch wegen des Verdachts auf Untreue, Betrug und Bestechung im besonders schweren Fall ermittelt wird, heißt Young-Ho Hong.

Der WCCB-Bauunternehmer von der Berliner Firma SMI Hyundai Europe, seit September 2009 insolvent, hat sich am Donnerstag mit Insolvenzverwalter Christopher Seagon außergerichtlich geeinigt.

In einer gemeinsamen Presseerklärung heißt es: "Der hauptsächlich wegen vermeintlich überhöhter Abrechnungen von Architektenleistungen geführte Rechtsstreit zwischen Insolvenzverwalter Christopher Seagon und Young-Ho Hong ist beigelegt." Danach zahlt Hong "einen siebenstelligen Euro-Betrag für die Insolvenzmasse" der SMI Hyundai Europe, wo noch rund 8,5 Millionen Euro offene Rechnungen von Handwerksbetrieben offen stehen.

"Vermeintlich" bedeutet, dass Hong damit keineswegs zugibt, überhöht abgerechnet zu haben. Der Südkoreaner zahlt freiwillig Millionen - "zur Vermeidung einer langjährigen gerichtlichen Auseinandersetzung", wie es offiziell heißt. Nach GA-Informationen soll es sich um einen Betrag zwischen drei und vier Millionen Euro handeln.

Prozessbeobachter sehen in der millionenschweren Einigung jedoch keineswegs nur ein Stück Pragmatismus, sondern eher die "zivilrechtliche Abarbeitung des Betrugs" und gleichzeitig den Versuch Hongs, seine möglichen Richter vor einem Strafgericht milde zu stimmen. Bei Hongs Neigung zu einer peniblen Eigennutz-Vorausschau, wie sie bereits das Rechnungsprüfungsamt (RPA) für die Planungs- und Bauphase dokumentiert hat, wird auch eine Rolle spielen, dass er den in Nordrhein-Westfalen möglichen Freigänger-Status nach einer möglichen Verurteilung erhält - um tagsüber seinen Geschäften nachgehen zu können.

In dem in jeder Beziehung verworrenen WCCB-Fall hatte sich bereits im nicht-öffentlichen Teil der "Bauveranstaltung" im Frühjahr 2009 abgezeichnet, dass der Baustelle bald das Geld ausgehen würde. Hong hatte dem Stadtrat die Explosion der Baukosten fantasiereich erklärt, und Friedhelm Naujoks, damals noch Leiter des Städtischen Gebäudemanagements (SGB) und der WCCB-Chefcontroller der Stadt, hatte die Kokolores-Argumente bestätigt.

Längst sind die Indizien, dass es sich bei dem nicht-öffentlichen Hong-Naujoks-Auftritt vor dem Stadtrat um eine Schmierenkomödie handelt, erdrückend, insbesondere die angeblich viele Millionen Euro verursachende Hotelzimmer-Umplanungsnummer (352 statt 185 Zimmer) ist vom GA frühzeitig (siehe Millionenfalle 8) als dreister Trick entlarvt und vom RPA im April 2010 dokumentiert worden.

Doch im Frühsommer 2009 werden dem Stadtrat nochmals 30 Millionen Euro abgeluchst, um das Gespenst "Baustopp" zu vertreiben. Da fast die Hälfte davon hinter dem Rücken der Volksvertreter dazu verwendet wird, das fehlende Eigenkapital des "Investors" Man-Ki Kim bei der Sparkasse KölnBonn zu bezahlen, reichen die 15 Millionen für die Baustelle nur, um den Baustopp bis nach der Kommunalwahl Ende August 2009 zu verschieben.

Keiner hat dieses allseits gefürchtete Szenario indes so früh vor Augen wie Hong, der, so das RPA, seine ureigensten Rechnungen nun immer früher - etwa im März 2009 für Mai 2009 - schreibt. Im Frühjahr 2010 rechnet das RPA vor: Die Projekt- und Planungskosten waren Ende 2009 gegenüber 2006 um 116 Prozent, die Baukosten aber nur um 20,6 Prozent gestiegen.

Und nun das: Ein anonymes Kuvert mit dem Poststempel "Berlin" erreicht das WCCB-Team des GA. Möglicherweise ist ein ehemaliger Hong-Mitarbeiter der Absender. Inhalt: Kopien von fortlaufenden WCCB-Kostenschätzungen des Baukonzerns Züblin von Oktober 2006 bis Mai 2007. Die - vom GA verifizierten - Angebote an Hong lassen staunen.

Hotel, Tiefgarage, Kongresszentrum: alles inklusive für rund 110.727 404 Euro netto plus Generalunternehmer-Zuschlag. Da wäre man mit 135 Millionen Euro und einer Summe X für Unvorhergesehenes locker hingekommen. Hongs Kostenschätzung am 15. Januar 2009: 183,1 Millionen - ohne Tiefgarage, sondern mit einem preiswerteren Parkhaus. Heute steht am Rhein eine unfertige und durch zwei strenge Winter malträtierte Bauruine, für die die Stadt nochmals mindestens 100 Millionen bis zur Fertigstellung aufwenden muss.

Hong hatte das Züblin-Angebot und damit den Verlust seiner Einflussnahme auf die Zahlungsflüsse beim WCCB-Bau abgelehnt. Eine Einzelgewerke-Vergabe durch ihn sei preiswerter. Als Hong und WCCB-Controller Naujoks den Politikern im Frühsommer 2009 die Bauexplosion erklären, bringt Hong den Kalauer: "Seien Sie froh, dass Sie mit mir gebaut haben, sonst wäre es noch teurer geworden."

Nach der dritten Millionenfalle Ende August 2009 erklärt der damalige Pressesprecher Friedel Frechen dem GA: "Das städtische Controlling hat bestätigt, dass andere Firmen, die bei der Stadt vorstellig geworden sind, deutlich teurer gewesen wären. Die Firma Hong ist nachweislich die preisgünstigste Lösung."

Das anonyme Kuvert aus Berlin zerstört nebenbei auch eine These: Dass das WCCB-Finanzkonzept (inklusive 40 Millionen Eigenkapital) von vorneherein zu niedrig kalkuliert gewesen sei. Selbst mit erbrachtem Eigenkapital hätte es mit dem preisgünstigen Hong aber nicht geklappt. Das Kuvert enthält zudem ein Detail, das nicht überrascht: Das All-Inclusive-Angebot von Züblin enthält 352 Hotelzimmer.

Zum Nachlesen: www.ga-bonn.de/millionenfalle