Susanne Kessel aus Bonn

Von klein auf ist für sie Musik Genuss

Den Blick hat Susanne Kessel schon auf das Jahr 2020 gerichtet. Zum 250. Beethoven-Geburtstag hat sie Großes vor.

BONN. "Die Ermahnung 'Du musst noch üben' habe ich als Teenager nie gehört", sagt Susanne Kessel beim Rückblick auf ihre ganz persönliche Musikgeschichte.

In dieser Feststellung klingt vieles schon an, was die erfolgreiche Pianistin später aus ihrem Leben erzählen wird: über den Genuss, den Musik ihr von klein auf bereitet hat, über die Verlockungen durch die Schallplattensammlung der Großeltern und das Aufwachsen bei kunstsinnigen Eltern, die es bis heute zweimal wöchentlich aus Bad Godesberg in die Konzertsäle zieht.

Susanne Kessel ist leidenschaftliche Bonnerin in vierter Generation. Nach ihrem Abitur am Clara-Fey-Gymnasium studierte sie zwar in Köln und hatte dort auch eine Studentenbude, doch an den Wochenenden zog es sie zurück an den elterlichen Flügel. Die "Übezellen" der Musikhochschule, sieben Quadratmeter groß und nur durch stundenlanges Schlangestehen zu ergattern, konnten mit dem heimischen Ambiente einfach nicht mithalten. Heute, um den angesehenen Abschluss reicher, als Preisträgerin des Internationalen Schubert-Wettbewerbs und im In- und Ausland geschätzte Solistin, ist Musik für sie noch immer derselbe Freudenquell wie bei ihrer ersten Klavierstunde im Alter von fünf Jahren.

"Ich empfinde das Spielen nicht als Beruf, sondern als Glück. Je mehr Stunden am Tag ich das machen kann, desto besser", beschreibt Kessel lächelnd ihren Lebensinhalt. An diesem Glück lässt sie viele teilhaben. Nicht nur das Konzertpublikum, CD-Hörer und musikalische Mitstreiter in ihrem weltweit verzweigten Freundeskreis, sondern auch eine große Zahl von Klavierschülern. "Ihnen die Musik früherer Epochen zu vermitteln und Spaß daran zu erwecken, ist eine großartige Aufgabe", beschreibt es die elegante dunkelhaarige Frau, die im Gespräch ernsthaft und locker zugleich wirkt.

Zeitgenössische Musik liegt der 44-Jährigen ebenso am Herzen wie Beethoven, Brahms und Schumann. Nur, dass für die Berühmtheiten niemand mehr eine Lanze brechen muss. "Es ist doch bedauerlich, dass in vielen Konzertsälen immer nur längst Etabliertes gespielt wird. Deshalb möchte ich das Publikum ermuntern, sich auch mal einfach zwei Stunden von Unbekanntem überraschen zu lassen." Die Bonner in ihrer ausgeglichenen Offenheit hält Kessel dabei für ein besonders geeignetes Publikum. 2020 wird sich zeigen, ob sie mit ihrer Einschätzung Recht hat. Denn dann wird in der Bundesstadt etwas höchst Ungewöhnliches zur Aufführung gelangen, an dem die Musikerin schon jetzt Tag für Tag arbeitet: Bis zum 250. Geburtstag Beethovens will sie in Zusammenarbeit mit Komponisten aus der ganzen Welt 250 neue Musikstücke zusammentragen, die allesamt einen Bezug zum berühmtesten Bonner haben.

Ihre blauen Augen blitzen begeistert, wenn sie über das Mammut-projekt und den regen E-Mail-Verkehr redet. Nein, auch die erwachsene Susanne muss niemand ermahnen, bei der Stange zu bleiben: "Das ist die schönste Arbeit, die ich je gemacht habe: Mich in den Dienst Beethovens zu stellen und die Künstler zu motivieren - lebende Komponisten und Beethoven als Inspirationsquelle miteinander in Kontakt zu bringen." Es steht außer Frage, dass die Pianistin Befürworterin eines Festspielhauses ist. Schon seit 13 Jahren engagiert sie sich für die Idee und gibt regelmäßig Benefizkonzerte.

"Wir kriegen das schon hin", zwinkert sie charmant einem älteren Herrn zu, der kurz an den Caféhaus-Tisch tritt, um sich als Unterstützer erkennen zu geben. Den Bonner Musikliebhabern ist ihr Gesicht gut vertraut, auch wenn es immer wieder mal Fälle gibt, in denen sie zwar zu hören, aber nicht zu sehen ist. Wie aktuell beim Stück "Beethoven oder die 33 Variationen" im Kleinen Theater. Oder auch im Kinofilm "Blueprint", bei dem sie die Klavierszenen der Schauspielerin Franka Potente doubelte. "Im Leben kommt ja zum Glück immer eine Hälfte von außen. Wenn man immer nur tun würde, was man kennt, wäre es langweilig." Doch diese Gefahr besteht für die Bonnerin ganz sicher nicht.

Typisch bönnsch

Das sagt Susanne Kessel über Bonn:

  • An Bonn gefällt mir die Größe: Es ist nicht zu klein und nicht zu groß. Ich kann mich hier wunderbar mit dem Fahrrad überall hinbewegen. Gleichzeitig sind die Leute, an der Stadtgröße bemessen, ungewöhnlich offen.
  • Ich vermisse das Festspielhaus. Sonst nichts. Obwohl - etwas mehr Sonne wäre auch schön.
  • Meine Lieblingsplätze sind Orte, von denen ich auf Bonn hinunterschauen kann: auf dem Venusberg oder vom Siebengebirge aus. Und ich bin gerne in den Museen und Cafés der Museumsmeile. Da stellt sich ein erhebendes Gefühl ein.
  • Typisch bönnsch ist für mich eine in sich ruhende Aufgeschlossenheit der Leute. Es kommt mir so vor, als würden sie ihren Platz im Leben hier leichter finden als in größeren Städten.