Der Bahnhofsvorplatz in Bonn

Von der guten Stube zum Schandfleck

Bonn. Die Werkstatt Baukultur stellt eine Publikation über den Bonner Bahnhofsvorplatz vor. Philipp Frederik Huntscha hat die Bau- und Planungsgeschichte des "Bonner Lochs" recherchiert.

Es hatte schon einen gewissen Charme, mit dem Bonner Hauptbahnhof im Rücken auf eine geschlossene Gründerzeit-Häuserzeile mit dem repräsentativen Hotel Continental zu blicken, dann mit den Augen der Straßenbahn in die Poststraße zu folgen, auch sie gesäumt von historistischen Häusern. Alte Fotografien vermitteln diese Eindrücke. Der Bahnhof und die Bebauung der Umgebung erlitten im Zweiten Weltkrieg nur leichte Schäden. Doch die Tage dieser Häuserzeile waren gezählt, sie passte nicht mehr ist Stadtbild. Die neue Bundeshauptstadt sollte ein modernes Eingangstor vis-à-vis des Bahnhofs bekommen. Seit den 1950ern ist das Areal Spielfeld städteplanerischer Konzepte, 1973 beschließt der Rat der Stadt Bonn die Südüberbauung – in einer Zeit, in der sich die Architektur des 19. Jahrhunderts zunehmender Beliebtheit erfreut.

„Herausgekommen ist ein Bahnhofsvorplatz, der aufgrund des damaligen gesellschaftlichen und ästhetischen Wandels nicht fertig gebaut wurde und so sein Gesamtkonzept heute nicht mehr leicht nachvollziehbar ist“, schreibt Philipp Frederik Huntscha im Vorwort zu seiner hochinteressanten Untersuchung über den Bonner Bahnhofsvorplatz, und kritisiert die mangelnde Pflege des Areals und den „Eindruck der Vernachlässigung“. Huntschas exzellent recherchierte Analyse dieser unendlichen Geschichte floss in seine Bachelorarbeit für die Universität Bonn, Fach Kunstgeschichte, ein, und erscheint am Montag in gedruckter Form als Band sieben der Architekturführer-Reihe der Werkstatt Baukultur Bonn.

Es ist die erste Zusammenfassung der fast 70 Jahre umfassenden Planungen des Bahnhofsvorplatzes, beginnend mit ersten Verkehrskonzepten inklusive der Tieferlegung von Bundes- und Stadtbahn (auch eine Stadtautobahn von Norden nach Süden sollte unterirdisch verlaufen) bis zum Beschluss zum Abbruch der Südüberbauung und Neubau durch die Ten Brinke Group im Jahr 2017.

Als erster nahm 1974 der heute als „Bonner Loch“ bezeichneter Platz nach Plänen des Allgäuer Architekten Friedrich Spengelin Gestalt an, der auch die einrahmenden Bauten, die Südüberbauung und die nie realisierte Nordüberbauung entworfen hatte. Ziel war, einen neuen Eingangsbereich für die Stadt und Verteiler- und Verknüpfungspunkt zwischen Innenstadt sowie Nah- und Fernverkehr zu schaffen. Minutiös beschreibt der Autor die einzelnen Bauabschnitte.

Es gab schon früh Proteste gegen die Südüberbauung. So kritisierte der Bonner Professor Heinrich Lützeler 1977 im General-Anzeiger, dass der neue Bahnhofsvorplatz städtebaulich keinen Bezug auf die historischen Bauten der Stadt nehme. Spengelins Planungen vernachlässigten das menschliche Maß, das der historistische Bahnhof noch habe. Der Platz sei „ohne gefällige Proportionen“ und „ohne einen besonderen architektonischen Einfall“. Lützelers Fazit: „Jetzt droht Bonn sich selbst zu zerstören.“ Der Architekt pochte in seiner Antwort darauf, den rechten Weg zwischen Tradition und Innovation gefunden zu haben.

Huntscha bildet die erregten Debatten etwa über den terrassierten Abgang zum „Bonner Loch“ ab. Bis zur Bundesgartenschau 1979 wurde der Bahnhofsvorplatz ohne das Nordfeld provisorisch fertiggestellt. Die weitere Entwicklung deutet Huntscha nur an, die Gutachten, die etwa eine Halle Oswald Ungers über dem terrassierten Platz vorsah (Planung eingestellt). Bereits 1996 ist von einer nötigen Sanierung der Südüberbauung die Rede. Investoren kommen ins Spiel, es gibt Konzepte und städtebauliche Wettbewerbe.