Von Monstern und Dämonen

Ein Quacksalber bei der betrügerischen Schein-Operation: Detail aus Hieronymus Boschs Bild „Das Steinschneiden“.

Ein Quacksalber bei der betrügerischen Schein-Operation: Detail aus Hieronymus Boschs Bild „Das Steinschneiden“.

Bonn. Till-Holger Borchert erkundet die spannenden Details in den Bildern des vor 500 Jahren gestorbenen niederländischen Malers Hieronymus Bosch

Buchbesprechung

Die mehrjährigen Untersuchungen des (Hieronymus) Bosch Research and Conservation Project haben nicht nur Fragen nach der Authentizität seines Œuvres beantwortet; sie haben auch Erkenntnisse über den Entstehungsprozess der Bilder gewonnen. Demnach geht es, wie der Kunsthistoriker Till-Holger Borchert formuliert, nicht um ein „einzigartiges, individuelles Kunstschaffen“, vielmehr um eine „Art kollektiven Atelierstils“ mehrerer Maler in verschiedenen Werkstätten. Und doch gibt es ihn, den Ausnahmekünstler, der aus diesem Team als alleiniger Erfinder der Bildmotive herausragt. Um ihnen nachzuspüren, hat Borchert, Direktor der Brügger Museen und Experte der Epoche Boschs, seine „Meisterwerke im Detail“ analysiert. Das heißt, er hat aus den anfangs vorgestellten 19 Tafelbildern oder Triptychen zahlreiche Einzelmotive herausgelöst, großformatig abgebildet und – gleichsam autonom – in acht Kapiteln interpretiert.

Dabei kommt er zu Ergebnissen, die nicht nur für Bosch (1450/56-1516) gelten, sondern auch für die nachfolgende Kunstgeschichte. Beispielsweise hat der Maler den Landschaften, die seine Figuren hinterfangen, besondere Sorgfalt gegönnt, so dass sie vorbildlich für die in seiner Zeit aufkommende Landschaftsmalerei wurden. Galt bisher Joachim Patinir, den 1521 schon Dürer ein „gut Landschafft Mahler“ nannte, als Pionier dieser Gattung, so nimmt nun Bosch die Rolle des Wegbereiters ein. Manche der von Borchert aus den Bildern isolierten Landschaften könnten sehr wohl für sich existieren; denn sie nehmen den Typus der Weltlandschaft vorweg, den insbesondere Pieter Brueghel d. Ä. meisterlich fortführen sollte.

Ähnlich verhält es sich mit den „Tronien“, den ausdrucksvollen Gesichtern des Personals bei Bosch, ohne die auch die Brueghelschen Physiognomien kaum zu denken sind. Bosch war zwar kein Bildnismaler, seinen Figuren aber hat er charakterisierenden, bis an die Karikatur reichenden Ausdruck verliehen. Ihre Mimik gerät – wie etwa in der „Dornenkrönung“ – zum Spiegel tiefgründiger Emotionen.

Obwohl Hieronymus Boschs Höllenvorstellungen noch mittelalterlich begründet sind, gelangen ihm auch hier prägende Visionen der von Feuersbrünsten heimgesuchten Unterwelt. Vermutlich standen ihm ein Leben lang die verheerenden Flammen vor Augen, die er als Knabe beim Stadtbrand in s'Hertogenbosch gesehen hatte. Allein die Höllenlandschaft des „Weltgerichtstriptychons“ lässt sich wie eine Lava speiende Vulkanlandschaft lesen. Auf der Mitteltafel hat Bosch die herkömmliche Dreiteilung von Himmel, Erde und Hölle aufgegeben und die Erde als Vorhölle interpretiert.

Einzigartig zeigt sich das Kapitel über „Fantasiewesen & Monster“, die nun im Detail einerseits die eigene überbordende Fantasie des Malers belegen, andererseits auch die Quellen verraten, aus denen er selbst schöpfen konnte. Denn Monster und Dämonen besetzten etwa die mittelalterliche Bauskulptur oder versteckten sich unter den Sitzen des Chorgestühls. Und als gebildeter Künstler kannte Hieronymus Bosch zweifelsfrei auch die Drolerien, die durch die Ornamentleisten der Buchmalerei turnten. Doch der kleine „Baummensch“ aus dem „Garten der Lüste“ überbietet ein jedes mögliche Vorbild an Skurrilität. Nichts – und das lehrt dieses kluge Buch – ist bei Bosch unbedacht oder zufällig. Mit Gelehrsamkeit, Beobachtungsgabe, Fantasie und Kunstfertigkeit hat er sein unvergleichliches Œuvre geschaffen.

Till-Holger Borchert, Bosch – Meisterwerke im Detail, Verlag Bernd Detsch, 2016, 320 Seiten, 29, 95 Euro.