Die Geschichte zweier Bonner Schülerinnen

Von Bonn aus in den "Heiligen Krieg"

Bonn. Janina und Laura waren zusammen in Bonn auf der Schule. Janina wird Journalistin, Laura konvertiert zum Islam und zieht in den "Heiligen Krieg". Janina Findeisen macht ihre Schulfreundin in Syrien ausfindig - und wird hochschwanger dort von Terroristen entführt. Ihre Geschichte.

Sie sind fünf Jahre alt, als die Mauer fällt. Sie lernen sich in der ersten Klasse kennen. Liebe auf den ersten Blick. Nach dem Unterricht besuchen Laura (Name geändert) und Janina denselben Hort in der Bonner Innenstadt - und nach der Grundschule wechseln sie beide aufs Clara-Schumann-Gymnasium. Eine heile Welt inmitten der heilen Welt der Bonner Südstadt. An Herbstnachmittagen sammeln sie gemeinsam Kastanien, um sie in der Haribo-Fabrik in Kessenich gegen Süßigkeiten einzutauschen. Laura ist eine fleißige Schülerin, gewissenhaft, akkurat.

"Der Stein", ein grauer Waschbetonklotz am Bonner Busbahnhof, wird für Laura und Janina bald der Mittelpunkt der Welt. "Der Stein war der soziale Hotspot unserer Jugend", erinnert sich Janina Findeisen. "Wir waren zwei Bonner Mädchen, die auf ihr Leben warteten. Unsere Strategie war denkbar einfach: copy and paste. Wir haben uns fast alles von den älteren und cooleren Mädchen abgeschaut."

Auch Mounir kommt oft zum Stein. Er hat dunkelbraune, fast schwarze Augen. "Eine solche Arroganz wie Mounir hatten nur wenige Jungs in diesem Alter", erinnert sich Janina Findeisen. Parfum, penibel geputzte Schuhe, sorgfältig gestyltes Haar, das volle Programm. Manchmal ist sein schüchterner jüngerer Bruder Yassin dabei. Die Eltern stammen aus Marokko, strebsame Leute, ihre Söhne wurden in Bonn geboren, wachsen in Kessenich auf. Im katholischen Kindergarten sind die Chouka-Brüder die einzigen Muslime, ebenso in der katholischen Grundschule. Anschließend wechseln sie aufs anspruchsvolle Beethoven-Gymnasium, machen dort ihr Abitur und leisten als deutsche Staatsangehörige ihren Wehrdienst bei der Bundeswehr. Smart. Intelligent. Solchen Jungs steht die Welt offen.

Damals, am "Stein", ahnt niemand, vermutlich auch Mounir und Yassin nicht, welche Karriere die Chouka-Brüder wenige Jahre später einschlagen werden: Chefpropagandisten der "Islamischen Bewegung Usbekistans". Die Chouka-Brüder schaffen es in die Tagesschau und in die Terrordatenbanken der internationalen Geheimdienste. In ihren Propagandavideos ist der Dschihad ein aufregendes Abenteuer. Die Chouka-Brüder sind die ersten deutschen Pop-Stars der internationalen Dschihadisten-Szene. Und Bonn, die einstige Bundeshauptstadt, ist zu diesem Zeitpunkt längst die Dschihadisten-Hauptstadt Deutschlands.

Ausbildung bei der Kreisverwaltung in Siegburg

Nach dem Abitur trennen sich die Wege der unzertrennlichen Freundinnen. Janina geht nach Berlin, um dort Ethnologie und Vergleichende Religionswissenschaften zu studieren. Während ihres Studiums und anschließend als Journalistin beim Rechercheverbund NDR, WDR, SZ beschäftigt sie sich intensiv mit dem Dschihad. Sie macht zum Beispiel die Erfahrung: In Deutschland angeworbene Dschihadisten stammen in der Regel keineswegs aus streng religiösen Familien.

Laura hingegen macht eine Ausbildung bei der Kreisverwaltung in Siegburg. Nach einem Tunesien-Urlaub konvertiert die 20-Jährige zum Islam. Zunächst ist sie eine liberale Konvertitin: ohne Kopftuch, ohne erkennbaren Missionierungsdrang und ohne Absicht, ihre berufliche Zukunft als Beamtin im Straßenverkehrsamt des Rhein-Sieg-Kreises aufs Spiel zu setzen.

Dann lernt Laura den gebürtigen Afghanen Djavad kennen. Dessen älterer Bruder arbeitet als DJ im angesagten Carpe Noctem an der Bonner Wesselstraße. Laura und Djavad werden ein Paar, heiraten und bekommen ein Kind. Djavad sucht eine Ausbildungsstelle, mit Lauras Hilfe schreibt er 200 Bewerbungen - und kassiert 200 Absagen.

Anschluss, Orientierung und Wertschätzung findet er schließlich in fundamentalistischen Kreisen. Djavad ist leichte Beute für die Talentscouts in den Bonner Moscheen, die nach frustrierten und perspektivlosen Männern Ausschau halten, um sie zu kampfbereiten Dschihadisten umzupolen - allzeit bereit, als Märtyrer zu sterben. Laura trägt nun Kopftuch und verhüllt ihren Körper.

Auch Mounir verändert sich. Er trägt nun Bart und ein langes Gewand. Er steht in Kontakt mit dem salafistischen Bonner Prediger und ehemaligen Profiboxer Pierre Vogel. Bald begleitet Yassin seinen älteren Bruder in die Moschee. Abu Ubayda und andere Prediger knüpfen in Bonn ein Netz, in dem sich viele Jugendliche verfangen. Die Chouka-Brüder reisen von Bonn in den Jemen, von dort nach Waziristan, eine Bergregion im nordwestlichen Pakistan an der Grenze zu Afghanistan. Yassin stirbt bei dem Versuch, nach Syrien zu reisen, bei einem Schusswechsel mit iranischen Soldaten, sein Bruder Mounir sitzt seither im Iran im Gefängnis.

Ein Abschiedsbrief im Briefkasten

Im Frühjahr 2009 versucht Janina Findeisen vergebens, ihre Schulfreundin Laura auf dem Handy zu erreichen. Sie ruft schließlich Lauras Mutter an. Die erzählt von Lauras Abschiedsbrief, den sie in ihrem Briefkasten vorgefunden hat.

Laura ist 25, verbeamtet, verheiratet, hat eine einjährige Tochter namens Leila und eine hübsche Dreizimmerwohnung in Beuel, als sie und ihr Mann Djavad im April 2009 untertauchen und Mounir und Yassin nach Waziristan folgen.

Die Journalistin Janina Findeisen begibt sich auf Lauras virtuelle Spuren im Netz - und wird fündig. "Ich wollte verstehen, was mit Laura passiert war. Ich beobachtete die Gruppe, der sie sich angeschlossen hatte: die Islamische Bewegung Usbekistan, kurz IBU, eine zentralasiatische Terrorgruppe, die mit den Taliban verbündet ist und in Waziristan und in Afghanistan operiert. Ich wollte wiedergutmachen, was ich vor ihrem Untertauchen versäumte. Hätte ich das geahnt, dann hätte ich alles getan, um sie daran zu hindern."

Ein halbes Jahr später, am 24. November 2009, kursiert im Netz ein Video. Djavad lächelt in die Kamera. Er trägt einen Granatwerfer und sagt, dass er bereit sei, für Allah in den Tod zu gehen. Er zeigt mit dem Finger gen Himmel, während er eine Koransure rezitiert. Schnitt. Deutschsprachige Mudschahedin berichten vor der Kamera, dass Djavad im Kampf mit pakistanischen Soldaten getötet wurde. Sie loben seine Tapferkeit. Schnitt. Eine Frau in einer Burka. Seine Witwe. Sie sagt auf Deutsch: "Ein großer Unterschied besteht zwischen uns Mudschahedin und diesen Feiglingen. Ich und jede andere Witwe unserer Gemeinschaft sind voller Stolz und Glück, dass Allah unsere Männer auserwählt hat und uns durch diese Prüfung ausgezeichnet hat."

Janina Findeisen erkennt Lauras Stimme auf Anhieb: "Sie rief zum Dschihad gegen uns auf. Sie hat sich verabschiedet von jedem kleinsten gemeinsamen Nenner."