"Die blockierte Stadt - Folge 7"

Viktoriakarree: Geplant ist ein lebendiges Quartier

BONN. Seit drei Jahren ist das Viktoriabad geschlossen. Seitdem wird über die Zukunft des Areals diskutiert - immerhin rund 5300 Quadratmeter in bester Lage. Hinzukommen private Häuser, die zum Verkauf standen. Was soll hin? Ein großes Kaufhaus? Wohnungen? Platz für kulturelles und studentisches Leben?

Das Ziel:

Das Viktoriakarree zwischen Rathausgasse, Belderberg, Franziskaner- und Stockenstraße, in dem sich unter anderem das geschlossene Viktoriabad, das Stadtmuseum und die Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus befinden, soll als gemischt genutztes, lebendiges Stadtquartier entwickelt werden. Es soll einen Brückenschlag bilden zwischen Universität und der innerstädtischen Fußgängerzone. Gleichzeitig bildet das Areal einen Mosaikstein in der Entwicklung der Einzelhandelsflächen Bonns. Einem Gutachten zufolge verträgt die Bonner City nämlich noch gut 35 000 Quadratmeter Geschäftsfläche, wenn sie ihre Funktion als Oberzentrum in der Region halten will.

Was bisher geschah:

Am 31. Januar 2007 beschloss der Stadtrat als erste Konsequenz des städtischen Bäderkonzeptes, das Viktoriabad zu schließen. Das geschah am 29. Mai 2010 - "wegen langjähriger Vernachlässigung und kommerziell verlockend guter Lage", wie der Verein Unser Viktoriabad verbittert feststellte. Seitdem steht das 1906 eingeweihte, erste Hallenbad Bonns leer.

Der ursprüngliche Jugendstilbau wurde 1944 durch einen Fliegerangriff zerstört und 1969 abgerissen. Der jetzige Neubau wurde 1971 eröffnet. Benannt ist das Bad übrigens nach der jüngeren Schwester Kaiser Wilhelms II., die in Bonn lebende Viktoria zu Schaumburg-Lippe (1866-1929), die mit ihrem Mann, dem Prinzen Adolf zu Schaumburg-Lippe, das Palais Schaumburg bewohnte.

Das mit der "guten Lage" stimmt auf jeden Fall. Schon nach dem Ratsbeschluss haben die LEG Standort- und Projektentwicklung und die Hannover-Leasing GmbH die Häuser an der Ecke Rathausgasse und Stockenstraße von der früheren Firma Dahm, die einst dort eine Eisenhandlung betrieb, gekauft. Der damalige LEG-Geschäftsführer jubelte: "Dieses Quartier hat Potenzial für die Zukunft." Seit 2007 läuft die politische Diskussion, wie und vor allem mit wie viel Einzelhandel das Karree, in dessen Mitte sich bisher lediglich ein Parkplatz befindet, entwickelt werden soll.

Im Januar 2012 überraschte Reimund Sigel, Geschäftsführer der Signa Development Deutschland GmbH, die Politiker im städtischen Wirtschaftsausschuss mit einer Neuigkeit: Seine Firma habe das 1253 Quadratmeter große Dahm-Grundstück gekauft. Er wolle neben den städtischen Arealen im Viktoriakarree weitere Privatgrundstücke aufkaufen und eine klassische Shopping-Mall bauen - mit drei großen Ankermietern (Elektrofachmarkt, Mode, Nahversorger) und kleineren Geschäften. Im Internet wirbt die Signa bereits für ihr "Kaufhaus Viktoria", das etwa 30 000 Quadratmeter vermietbare Fläche vorsieht. "Das Gebäude soll durch eine öffentliche Bibliothek ergänzt und damit der Bedeutung Bonns als Studentenstadt gerecht werden." Damit ist die Philologische Bibliothek der Uni gemeint. Diese ist stark daran interessiert, mit ihrem Buchbestand aus dem Hauptgebäude umzuziehen.

Doch bevor die Signa ihre Pläne umsetzen kann, muss sie durch ein europaweites Ausschreibungsverfahren. Die Ausschreibung soll die Verwaltung unter Vorgabe vieler Eckpunkte "präzisieren" und dem Rat nach der Sommerpause vorlegen. Und es gibt jetzt schon einige Interessenten. Ein anderer Bonner Investor hat die Idee einer Markthalle mit angeschlossenen Geschäften und Gastronomie.

Wo es hakt:

Ein Diskussionspunkt war und ist das Schicksal von Stadtmuseum und Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus, die nach Ansicht der Stadtverwaltung auf Dauer nicht im Gebäude des Viktoriabads bleiben können. weil sie "kaum den erhofften belebenden Effekt für das Viktoriabad-Gelände erzielen", hieß es. Im Gespräch war, sie ins Stadthausareal oder in die alte VHS an der Wilhelmstraße zu verlagern. Neu im Gespräch ist, sie zusammen mit dem Stadtarchiv auf dem Gelände der Pestalozzischule an der Budapester Straße unterzubringen. Denn die Förderschule ist zum Sommer geschlossen worden.

Kernfrage ist indes, wie viel Einzelhandel auf dem Gelände geschaffen werden darf. Die Stadtverwaltung war von Beginn der Diskussion an der Ansicht, dass das Gelände großflächigen Einzelhandel verträgt - wohl auch, weil dann ein "höherer Grundstückswert" erzielt werden kann. Der Arbeitskreis Historisches Stadtgefüge ist gegen eine "monostrukturelle Supermarktfläche". Gegen eine schnelle Ausschreibung der Flächen im Viktoriakarree haben sich auch die Interessenvertretung des Bonner Einzelhandels, die City-Marketing, der regionale Einzelhandelsverband und die Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg ausgesprochen. Sie vermissen ein Verkehrskonzept, wollen aber erst einmal abgewartet haben, wie sich die Eröffnung des Sparkassenneubaus am Friedensplatz mit 4600 Quadratmetern Einzelhandelsfläche auswirkt. Außerdem könnten mit der Südüberbauung und dem Nordfeld, für das sich bereits zehn Investoren interessieren, bereits genügend neue Einzelhandelsflächen entstehen.

Um diese Fragen zu klären, wurde eine Potenzialanalyse in Auftrag gegeben. Darin wird eher von einem Gesamtbedarf von 20 000 bis 35 000 Quadratmetern gesprochen. Und Gutachterin Angelina Sobotta wies darauf hin, "dass ein Großteil der zur Stärkung der Marktposition benötigten Verkaufsfläche" am Hauptbahnhof geschaffen werde. Und: "Eine abschließende Aussage oder Empfehlung zur Einzelhandelsausstattung sowie zu ergänzenden Nutzungen im Viktoriakarree ist nach dem jetzigen Planungsstand der beiden Vorhaben am Bahnhof nicht möglich." FDP, SPD und Teile der CDU möchten nach dem langen Leerstand des Viktoriabads endlich Bewegung im Projekt sehen. Die Grünen sind skeptisch, ob in Bonn mit Südüberbauung, Nordfeld, Friedensplatz, dem geplanten Umbau des Commerzbankgebäudes am Münsterplatz sowie dem leer stehenden Bouvier nicht schon genug Einzelhandelsfläche zu füllen ist.

Während die Verwaltung beim Viktoriakarree eher aufs Gaspedal drückt, spielt die schwarz-grüne Koalition auf Zeit. Denn Grüne und CDU, für die die Entwicklung des Bahnhofvorplatzes Priorität hat, wollen möglichst das Projekt Nordfeld gegenüber dem Hauptbahnhof, zu dem gerade die Auswertung der Ausschreibung erfolgt, abwarten.

Wie geht es weiter?

Die Eckpunkte für den Ausschreibungstext hat der Rat auf drei Seiten formuliert. Im Herbst wird die Stadt einen Textentwurf vorlegen, der diese umfassen soll: Darin wird der großflächige Einzelhandel mit einer "Nettoverkaufsfläche bis zu 15 000" definiert. Nutzungsvorgaben soll es nicht geben. Zugelassen ist alles vom Einzelhandel, Büros, Wohnungen, über Kultur- und Freizeiteinrichtungen bis hin zu Wellness, Gastronomie oder Markthalle. "Sich abschottende introvertierte Malls" sollen möglichst nicht entstehen. Auch einen Ausgleich für das studentische Leben mit den dort etablierten Gastronomien soll es geben. Einig sind sich Politik und Verwaltung, was ein künftiges Verkehrskonzept für die Innenstadt betrifft: Denn die Straße Am Hof soll künftig der Fußgängerzone zugeschlagen werden, die Ein- und Ausfahrt der Marktgarage zum Belderberg verlegt werden.

Die GA-Prognose:

Die politische Mehrheit im Stadtrat will das Nordfeld vorziehen. Erst wenn die Verwaltung dem Rat, wie gefordert, die Investoren benennt, die in die engere Wahl für die Bebauung der Areale zwischen Bonner Loch und Thomas-Mann-Straße und an der Rabinstraße kommen, kommt auch Zug in die Entwicklung des Viktoriakarrees. Nicht umsonst wurden im jüngsten Ratsbeschluss die Ausschreibung des Viktoriakarrees mit dem Vorlegen der Investorenangebote fürs Nordfeld sowie eines Verkehrskonzeptes verknüpft. Das Areal ist so attraktiv, dass ein hohes Interesse von Investoren zu erwarten ist.

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