Stillleben des Malers Balthasar van der Ast

Verschwundenes Meisterwerk von 1625 im Raum Bonn aufgespürt

12.01.2016 BONN. Ein Gemälde war über Jahrzehnte verschollen und wurde nun in Bonn zufällig wiederentdeckt: Das Stillleben des Malers Balthasar van der Ast aus dem Jahr 1625. Das Werk wird nun öffentlich vorgestellt und ab März in einer Ausstellung gezeigt.

Es ist kleiner als DIN A 4. Es zeigt auf dunklem Grund auf den ersten Blick in einer Vase eine Tulpe, auf deren Blatt sich gerade ein gelber Schmetterling setzt. Die öffentliche Vorstellung dieses Gemäldes aus dem frühen 17. Jahrhundert wird am Mittwochmorgen in Aachen von der Kunstwelt mit Spannung erwartet. Denn es handelt sich um Balthasar van der Asts lange verschollenes Meisterwerk "Tulpe Sommerschön", das das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum ab 10. März als Herzstück seiner Ausstellung "Schöner als die Wirklichkeit" präsentieren wird.

"Dieses kleine Ölgemälde war über 30 Jahre trotz intensiver Recherche hochrangiger Kuratoren vom Kunstmarkt verschwunden", erzählt Christian-Frederik Plötz immer noch ganz aufgeregt. Der Bonner Kunstagent hatte als Diamantgutachter diesen Schatz von Gemälde, das allein für den Transport mit 860.000 Euro versichert wird, mit seiner Kollegin Susanne Steiger im Raum Bonn aufgespürt.

Das Ganze hört sich wie eine unglaubliche, filmreife Geschichte an. Plötz und die Bornheimer Juwelierin Steiger, die Fernsehzuschauern aus der ZDF-Serie "Bewerten und verkaufen" mit Horst Lichter bekannt sein dürfte, waren gerade dabei, das Silberbesteck und den Schmuck im Hause eines Kunden zu schätzen. "Wir ließen die Atmosphäre auf uns wirken - und entdeckten in der Ecke eines Nebenzimmers plötzlich ein unauffällig präsentiertes Bild an der Wand," berichtet der 32-jährige Plötz.

Als Kenner ahnten sie sofort, dass es um ein in seiner Komposition und Machart einzigartiges Kunstwerk der holländischen Stilllebenschule des 17. Jahrhunderts handeln musste. "Wissen Sie eigentlich, was Sie hier hängen haben?", habe er nur noch ausrufen können. Der Kunde wiederum habe gemeint, ja, der Künstler sei wohl namhaft, aber über den Wert und das öffentliche Interesse an dem Bild in der Ecke habe er sich überhaupt keine Gedanken gemacht.

Seit den 1980er Jahren verschwunden

Das gab für Plötz und Steiger den Startschuss für eine spannende detektivische Spurensuche: In Antwerpen nutzten sie ihre Kontakte zu namhaften Auktionshäusern wie Sothebys und Christies. "Und allmählich wurde deutlich, dass es sich um ein verloren geglaubtes Bild des Künstlers Balthasar van der Ast handelt, das einen außergewöhnlich frei stehenden Charakter aufweist und in der Lage ist, die Kunstszene aufzurütteln", erläutert Plötz begeistert. Zuletzt sei das Bild bei einer Ausstellung in Münster Mitte der 1980er Jahre aufgetaucht. Danach war es verschwunden.

An einem Bild dieser Art habe ein Meister wie van der Ast, der von 1593 bis 1657 in Utrecht lebte, mehrere Wochen gearbeitet. Laut Plötz mussten die einzelnen Schichten in minuziöser Feinstarbeit und kleinsten Schritten trocken aufgetragen werden. "Unser Bild aus dem Jahr 1625 ist einzigartig, weil der Künstler davor und danach kein weiteres uns bekanntes Gemälde mit nur einer Tulpe gemalt hat." In der Van-der-Ast-Ausstellung, die von Aachen nach Gotha gehen wird, werden nur mehrblumige Stillleben hängen.

 

"Schauen Sie sich diese Sommerschön-Tulpe an", fordert Plötz auf. In der Realität habe man ein damals so kostbares Stück niemals für ein Gemälde abgeschnitten. Das Glas und die Spiegelung des Fensters in der Vase seien in der Kunstgeschichte regelrecht revolutionär, weil diese Details das Bild öffneten und plastisch machten.

Und dann stellt Plötz mit Berufung auch auf weitere Kunstexperten die These auf, dass der in seiner Zeit bekannte Maler in seinem kleinen Werk sogar prophetisch die globale Klimaerwärmung vorausgesagt habe: Auf dem Blattstiel ruht ein Schmetterling, und auf dem Tisch legt eine "unbeteiligte" Fliege einen Zwischenstopp ein. Und im Zentrum mache die Kristallkugel die vergängliche Natur spürbar. Selbst die Königin der Tulpen wird bald welken, sagten im 17. Jahrhundert Schmetterling und Fliege symbolisch. "Da gefriert einem wirklich das Blut in den Adern", sagt Plötz.

  (Ebba Hagenberg-Miliu)