Bauakte für die Alte Synagoge

Verschwundene Bauakte zu Bonns jüdischer Geschichte aufgetaucht

Bonn. Dem Stadtarchiv wird die 55 Jahre lang verschwundene Bauakte für die Alte Synagoge übergeben. Offenbar hatte ein Kunstschmied die Rückgabe vergessen.

Es war ein Zugang, wie ihn Archivare nur selten in ihrer Karriere katalogisieren können: Völlig unerwartet ist Stadtarchivar Norbert Schloßmacher Mitte vergangener Woche die verschollene Bauakte für die Alte Synagoge nördlich der heutigen Kennedy-Brücke ausgehändigt worden. Das jüdische Gotteshaus war am 10. November 1938 von Nationalsozialisten gebrandschatzt und zerstört worden. Der stadtgeschichtlich bedeutsame Fund wurde am Dienstag der Öffentlichkeit präsentiert.

Am 12. Dezember 1876 hatte der „baupolizeilichen Akte“ zufolge der Vorstand der Synagogengemeinde den Antrag zum Bau eines neuen Tempels in prominenter Lage an der Judengasse neben der alten Rheinbrücke beantragt. „Zum ersten Mal in der Geschichte waren die Juden damals als Bürger gleichgestellt. Ihr neues Selbstbewusstsein drückte sich auch in den Bauplänen aus“, erklärt der Archivleiter. Großformatige Skizzen zeigen eine dreischiffige Basilika mit vier Fassadentürmchen und einem zentralen Rundfenster mit dem Davidstern darin. 1878/79 wurde sie gebaut. 1933 hatte die jüdische Gemeinde in Bonn etwa 1200 Mitglieder.

Von dem abgebrannten Bau ist wenig erhalten

Am Morgen nach der Reichspogromnacht war das Gebäude in Brand gesetzt worden. Die Brandreste wurden bis zum Frühjahr entfernt. „1938 niedergelegt“ ist auf der nun aufgetauchten Akte zynisch vermerkt. Für die Aufräumarbeiten machten die NS-geführten Behörden – wie in anderen Städten auch – die jüdische Gemeinde haftbar, ist bereits vorliegenden Korrespondenzen zu entnehmen. Außer einem verschwommenen Foto und wenigen Außenaufnahmen ist von dem Bau sonst wenig erhalten. Nur noch Fundamentreste am Erzbergerufer erinnern daran.

„Über Jahrzehnte waren ich und meine Vorgänger davon ausgegangen, die Akte sei im Dritten Reich vernichtet oder im Zweiten Weltkrieg zerstört worden“, erklärte Schloßmacher. Tatsächlich hat sich die Geschichte ganz anders zugetragen. Die letzte Seite der Akte datiert aus dem Jahr 1955 und befasst sich mit der Neugliederung der Straßen in der zerstörten Innenstadt.

Die Akte ist im Nachlass des Bonner Bauschlossers und Kunstschmieds Karl König aufgetaucht. Im Auftrag der Stadt hatte König 1962 in Erinnerung an das Pogrom eine Bronzetafel mit einem Bild der Synagoge gegossen. Noch heute hängt sie am Erzbergerufer an einer Mauer.

Bleistifteintrag auf dem Aktendeckel

Auf dem Aktendeckel entdeckte Schloßmacher zudem einen unscheinbaren Bleistifteintrag mit der Jahreszahl 1962. Es passte alles zusammen: „Offenbar hat die Akte bis dahin unversehrt im Bauamt gelegen. Dann hat man sie König kurzerhand als Vorlage mitgegeben“, vermutet Schloßmacher. 55 Jahre lang vergaß der Handwerker die Rückgabe. Erst ein Vortrag des Archivleiters zum Schicksal der Bonner Juden in der vergangenen Woche in der Volkshochschule erinnerte Königs Sohn an die längst vergessenen Unterlagen.

Die Akte ist entsprechend ihres Alters in sehr gutem Zustand. Regulär katalogisiert steht sie schon bald jedem Nutzer zur Einsicht zur Verfügung. Duplikate der Pläne möchte das Archiv der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus im Stadtarchiv zur Verfügung stellen.