Interview Professor Heiner Monheim

Verkehrsforscher: "Wir brauchen eine Verkehrswende"

Querdenker: Der Bonner Verkehrsforscher Heiner Monheim warnt davor, dem Autoverkehr weiterhin "den roten Teppich auszurollen". Neuer Straßenbau erzeuge mehr Verkehr.

BONN. Der Verkehrsforscher Professor Heiner Monheim fordert alternative Konzepte gegen den Stau in Bonn: Bus, Bahn und Rad sollen statt Auto eine Verkehrswende für die Stadt bringen.

Die Diskussion um Mobilität sei viel zu sehr auf Autoverkehr fixiert, sagt Professor Heiner Monheim. Sein Credo: "Schluss mit der Straße!" Der Bonner Verkehrsforscher fordert ein "vernetztes, intelligentes, barrierefreies System, das Verkehrsarten intelligent verknüpft und fossile Mobilität reduziert". Die Initiative, eine Seilbahn zum Venusberg in Bonn zu bauen, geht auf ihn zurück. Mit Monheim sprach Dominik Pieper.

Beobachten Sie die Diskussion über den Bundesverkehrswegeplan?
Heiner Monheim: Natürlich. Es läuft wie immer: Der Bundestagsabgeordnete, der mindestens fünf Verkehrsprojekte im Plan unterbringt, ist der größte Held. Dabei wird letztlich nur ein Bruchteil des Bundesverkehrswegeplans in die Tat umgesetzt. Es stehen ja noch Projekte aus dem letzten und vorletzten Bundesverkehrswegeplan aus.

Was folgt daraus? Muss der Bundesverkehrswegeplan schlanker und damit realistischer werden?
Monheim: Meine Kritik ist viel grundsätzlicher. An erster Stelle müsste ein bundesdeutscher Gesamtverkehrsplan stehen, bei dem die verschiedenen Verkehrssektoren und ihre Zukunftsperspektiven untersucht werden. Und daraus ergeben sich dann Überlegungen zu einzelnen Projekten. Nicht nur für die Straße, sondern auch für die Schiene, für den Radverkehr und für Fußgänger. Besonders wichtig sind die Schnittstellen zwischen verschiedenen Verkehrsarten.

Die Diskussion dreht sich meist aber um den Ausbau des Straßennetzes ...
Monheim: Ja, und genau das ist Quatsch. Vergesst die Straße! Wenn wir klimapolitisch unsere Hausaufgaben machen wollen, dann müssen wir umdenken, dann brauchen wir eine Verkehrswende. Der Weg aus dem fossilen Zeitalter führt ganz bestimmt nicht über den sechsspurigen Ausbau von Autobahnen.

Aber ganz ohne Aus- oder Neubauten wird es nicht gehen, oder?
Monheim: Falsch. Der Stau auf den Kölner Ringen wird nicht durch einen Ausbau, sondern durch Rückbau beseitigt. Stattdessen muss der Kölner Knoten als einer der wichtigsten deutschen Bahnknoten ausgebaut und das S-Bahnnetz verdichtet werden. Wenn man stattdessen dem Autoverkehr den roten Teppich ausrollt, indem man Straßenbau forciert, erzeugt man auch mehr Autoverkehr und Staus. Was wir erleben, ist die lineare Verlängerung der Verkehrspolitik aus dem vergangenen Jahrhundert: Es gibt mehr Lastwagen, also muss es mehr Autobahnen geben.

Noch mehr Lastwagen - noch mehr Autobahnen. Das deutsche Schienennetz stammt dagegen im Wesentlichen aus der Zeit zwischen 1860 und 1920. Danach kam nicht mehr viel dazu. Im Gegenteil: Es wurden 35 000 Kilometer Schienennetz stellgelegt, 6000 Bahnhöfe geschlossen, 80 Prozent aller Güteranschlussgleise abgebaut. Aus dem Thema "Verkehrswende im Güterverkehr" hat sich die Bundespolitik nahezu verabschiedet. Auch beim Thema "Fern- und Schnellradwege" übernimmt der Bund keine Verantwortung. Wir brauchen ein bundesweites Netz städteverbindender Fernradwege. Durch E-Bikes und Pedelecs lassen sich heute viel größere Distanzen zurücklegen.

Es gibt aber auch Studien, nach denen der Anteil der Autofahrer kaum abnimmt. Wer auf dem Land wohnt, ist oft darauf angewiesen.
Monheim: Ja, weil das Bus- und Bahnangebot nicht ausreicht. Das Schienennetz im Raum Bonn ist heute kürzer als 1950 - obwohl die Einwohnerzahl um ein Vielfaches gestiegen ist. Beim Busverkehr gibt es große Netz- und Taktlücken, in der Fläche kümmert man sich nur um Schülerverkehr. Wer lernen will, wie man Menschen in ländlichen Regionen zum Umsteigen bewegt, sollte nach Vorarlberg in Österreich schauen: Dort gibt es Bahnen, Dorf, Land- und Stadtbusse. Da nutzt jeder Einwohner pro Jahr im Durchschnitt 250 Mal ein öffentliches Verkehrsmittel. Betriebe machen durch engagiertes Mobilitätsmanagement mit, und der Radverkehr boomt.

Wie ist es um den ÖPNV in der Region/Rhein-Sieg bestellt?
Monheim: Teilweise jämmerlich. Wir wollen Metropolregion sein, sind aber beim S-Bahn-Verkehr weit von Fünf-Minuten-Takten entfernt. Wenn ich Gäste aus Japan oder England habe, schütteln die verwundert den Kopf. Oder nehmen wir die Linie 66: Die kreuzt bei Vilich den Regionalverkehr. Da lässt man die Chance zur Verknüpfung seit vielen Jahrzehnten ungenutzt, das kommt erst mit der S 13. Oder der Bahnhaltepunkt im Regierungsviertel: Wie lange wird darüber diskutiert?

Es fehlen die Mittel, sagen die Verkehrspolitiker.
Monheim: Es fehlt an den richtigen politischen Prioritäten und Instrumentarien. Es wäre mehr möglich, wenn Bund und Länder die Rahmenbedingungen und Finanzrahmen ändern würden. Und aufhören würden, wie wild weiter in den Straßenbau zu investieren.

 

Zur Person

Heiner Monheim (69) war von 1971 bis 1985 Referatsleiter Infrastruktur in der Bonner Bundesforschungsanstalt für Landeskunde und Raumordnung. Ab 1985 leitete er das Referat für Verkehrsberuhigung und Stadtverkehr im NRW-Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr; er schuf unter anderem die Semestertickets. 1995 ging er als Professor für Angewandte Geografie, Raumentwicklung und Landesplanung an die Uni Trier, seit 2011 ist er emeritiert. 2007 gründete er das Raumkom-Institut. Aktuell kämpft er für ein bundesweites "Bürgerticket" als General-Abo für Busse, Bahnen, Car Sharing und Leihräder. Er lebt in Bonn.