Besatzungskinder

Vater gesucht, Bruder gefunden

Vater Alexander Iwanowitsch Grabaurow war Kommandant in Stolpmünde.

Vater Alexander Iwanowitsch Grabaurow war Kommandant in Stolpmünde.

22.02.2016 BONN. Eine Bonner Psychologin löst nach vielen Jahren die „drängendste Frage ihres Lebens“: Bei der Suche nach ihrem Vater, der 1945 Kommandant in Stolpmünde in Pommern war, findet sie ihren Bruder.

Einmal, vor vielen Jahren bei einer Reise in die damalige Sowjetunion, war Anna Krämer (Name geändert) schon mal ganz nah dran, die drängendste Frage ihres Lebens zu lösen: In Rostow am Don sah sie plötzlich in einem Park russische Kriegsveteranen mit ihren Orden an der Brust Schach spielen. Da habe sie eigentlich hingehen und sie fragen wollen: „Kennen Sie vielleicht meinen Vater? Der war 1945 Kommandant in Stolpmünde in Pommern“, erzählt Krämer dem GA.

Aber sie habe sich dann doch nicht getraut. „Ich blöde Kuh“, sagt Anna Krämer heute. „Vielleicht hätten sie mich zu ihm geführt.“ Später habe sie nämlich erfahren, dass ihr unbekannter Vater damals wirklich in Rostow gelebt hatte. Fast könne man darüber einen Film drehen, meint Krämer nun lachend. Das Stichwort Stolpmünde hätte ihr sicher geholfen, obwohl sie damals nur gewusst habe: Der Vater hieß Alexander Iwanowitsch. Den Familiennamen Grabaurow habe sie ihrer Mutter erst Jahre später entlocken können.

Anna Krämer ist Besatzungskind, ja Russenkind, wie man nach 1945 oft abfällig sagte. „Und ich war irgendwie immer nur halb. Wer keinen Stammbaum hat, der ist niemand.“ Dabei habe sie noch Glück gehabt: Die Mutter habe den Vater, der sie im besetzten Pommern beschützt hatte, geliebt. Ebenso die Tochter, die sie, nachdem der Offizier wieder nach Russland versetzt worden war, gebar. Aber in der Familie sei das Thema ein Tabu gewesen. „Ich hatte immer das Gefühl, da gibt es ein Geheimnis. Ich hatte nie ein Bild von meinem Vater, keine Geschichte, nichts.“

Anna Krämer ist sicher nicht zufällig Psychologin geworden. „Irgendwie wollte ich immer wissen, wie die Menschen ticken.“ Wahrscheinlich wollte sie auch sich selbst und ihr Leben verstehen. Und nicht zuletzt die Mutter, die erst vor zwölf Jahren mit dem Familiennamen des russischen Offiziers herausrückte. „Und ab da habe ich ihn intensiv gesucht und wurde von meinen Freunden darin bestärkt“, meint Krämer. Beim Roten Kreuz fragte sie an, in Militärarchiven, bei der deutschen Botschaft in Moskau, beim Wiener Institut für Kriegsfolgenforschung.

Ein Historiker riet ihr, über einen Namensforscher zu gehen. „Und der meldete mir dann plötzlich: Ich hab' ihn.“ Der Familienname Grabaurow sei nämlich sehr selten in Russland und den Nachbarstaaten – weil er sich von dem deutschen Großbauer ableitete. Anna Krämer fiel aus allen Wolken: Der so sehnlich gesuchte Vater hatte also deutsche Vorfahren, die er aber unter Stalin mit allen Mitteln geheim hielt, um nicht wie viele aus der Familie „Säuberungen“ zum Opfer zu fallen.

Bald hatte Krämer einen Halbbruder im weißrussischen Minsk ausgemacht. Der musste ihr aber mitteilen, dass der gemeinsame Vater 1986 verstorben war. „Ich hatte also den Vater gesucht und den Bruder gefunden.“ Und zwar einen Bruder, der mit ihr seither eine tiefe Seelenverwandtschaft spüre, wie dieser Wissenschaftler ihr in Briefen schreibt. Regelmäßig treffen sich die beiden. „Ich habe nun auch von meines Vaters Seite eine Familie. Ich muss mich nicht mehr verstecken“, sagt die Psychologin.

„Vollständig“ fühle sie sich seither. Und so souverän, dass sie mit weiteren Besatzungskindern in der Gruppe „Distelblüten“ kooperiert. Die seltsame Leerstelle in ihrem Leben sei endlich geschlossen. Mit Freude könne sie inzwischen das Foto ihres Vaters betrachten, das der Halbbruder ihr gab. „Die Partie um die Augen, der Mund, das habe ich von ihm.“

Sie könne nur jedem mit ähnlichem Schicksal raten, sich ebenfalls auf die Suche nach dem verlorenen Vater zu machen. Krämer nennt auch einen hochaktuellen Aspekt: Das Schicksal der Mütter und Kinder sollte in den aktuellen Konflikten der Welt unbedingt mehr Aufmerksamkeit erlangen. „Die Mütter brauchen Hilfe und Unterstützung. Und diese Kinder werden die Zukunft mitbestimmen.“ (Ebba Hagenberg-Miliu)