Universitätsbuchhandlung Bouvier

Trauriges Ende einer Bücher-Ära

BONN. Guido Bohnen ist an diesem Samstag extra aus München angereist. Um sich zu verabschieden. Nun steht der EDV-Spezialist vor den flackernden Kerzen am Eingang seines früheren Arbeitsplatzes, der Universitätsbuchhandlung Bouvier, die in wenigen Stunden für immer schließen wird. Mehr als sechs Jahre hat Bohnen hier "aus Begeisterung für Bücher" gearbeitet, anfangs als studentischer Jobber.

"Ich bin der festen Überzeugung, dass hier für Bonn ein Riesenfehler begangen wird", erklärt Bohnen und blickt zurück: auf die Übernahme des insolventen Traditionsbetriebs durch die Buchhandelskette Thalia 2004, die Eröffnung eines Thalia-Zweitgeschäfts im Ex-Kino Metropol am Markt 2010.

Und nun die logische Konsequente: Schließung von Bouvier. Der gestandene Mann reibt sich Tränen aus den Augen. Trotz des Vormarschs des Internetbuchhandels hätte es sicher Wege gegeben, eines der letzten Traditionsgeschäfte Bonns zu retten, meint er.

Von allen Seiten legen Kunden Blumensträuße neben das mit dem 185-jährigen Ladensignet dekorierte Schild, auf dem steht: Wie traurig". "Das Ganze ist eine Schande für die Stadt. Heute blutet einem das Herz", sagt Stammkundin Marie-Luise Ingersoll. Eben ist in einem Schweigemarsch ein Teil der Belegschaft mit Kerzen durch die City gezogen.

"Die meisten der 53 Buchhändler haben doch heute keine Perspektive mehr", drückt Ingersoll ihr Mitgefühl aus. Nur 13 Bouvier-Mitarbeiter sollen zu Thalia wechseln können. "Wir hatten immer gute Umsätze. Jetzt haben wir alles durch: Wut, Angst, Hysterie, Galgenhumor. Und dann wird einem noch gesagt: Sie können ja auch Schuhe verkaufen", entrüsten sich einige. Sie seien Fachkräfte für Kultur, sie hätten aus Passion für Bücher gearbeitet.

Aber natürlich sehe man auch den Wandel der Zeit: den Trend zum digitalen Buch. Oder den Trend zur Unart von Kunden, sich eine halbe Stunde beraten zu lassen, "und dann vor Ort ungeniert per Smartphone im Internet zu bestellen", sagt Musikwissenschaftlerin Julia Kluxen-Ayissi, die mehr als 20 Jahre die Musikabteilung leitete.

Im April suchte sie sich eine neue Stelle. In Bonn gehe überdies ein wichtiger Politik- und Kulturtreff verloren, sagt sie. "Wen gab es hier nicht alles in Lesungen? Von Gorbatschow bis zu Umberto Eco." Guido Bohnen geht noch einmal voller Wehmut durchs Geschäft, streicht über leer geräumte Regale, umarmt Ex-Kollegen.

Tränen fließen. "In den verwinkelten Räumen war das Bücherstöbern auch auf 2.000 Quadratmetern immer ein Erlebnis. Hier war fast jeder Titel live da," sagt Bohnen. Es sei nie um das schnelle "Rein, Buch kaufen, wieder raus" gegangen, stimmt Ex-Kunde Gunter Kimmerle zu, der ebenfalls Trauerarbeit leistet. Ein reines Kaufhaus sei für eingefleischte Bouvier-Kunden auch keine Alternative, bekräftigt daneben Sybille Werner. "Wenn ich die Bücher vor Ort nicht sehen, fühlen, anlesen kann, weil kaum etwas vorrätig ist, kann ich doch gleich im Internet bestellen."

In der Nachbarschaft hat das Antiquariat "Bonner Bücherhof" präventiv ein "Wir bleiben"-Schild ans Fenster geklebt. "Die ganze Straße fürchtet jetzt, abgehängt zu werden", sagt Kluxen-Ayissi. Mitarbeiter vor dem Eingang stecken die Köpfe zusammen und diskutieren über den aktuellen Stand von Thalia im Handelskonzern Douglas. Man ist besorgt. Und auch bitter. Und zitiert Friedrich Dürrenmatt: "Eine Geschichte ist erst dann zu Ende, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat."

Thalia und Bouvier

Die Buchhandelskette Thalia, die zum Douglas-Konzern gehört, hatte im Juli 2004 die insolvente Bouvier-Buchhandlung, die es hier seit 1828 gab, übernommen. 2010 eröffnete Thalia im Metropol am Markt eine Filiale. Als Grund für die Bouvier-Schließung gab Thalia den Branchenumbruch an, der dazu führe, dass eine "langfristige positive Entwicklung der Buchhandlung aus heutiger Sicht nicht gesichert" sei.

Es werde mindestens ein halbes Jahr dauern, bis eine Nachnutzung der rund 2.000 Quadratmeter Fläche gegenüber der Uni geklärt ist. Laut Börsenblatt des Deutschen Buchhandels endete das erste Geschäftshalbjahr der Douglas Holding für Thalia mit leichten Umsatzeinbußen von 0,3 Prozent (im Inland von einem Prozent). Die Holding insgesamt konnte sich um 1,8 Prozent steigern. Am 31. März gab es 283 Thalia-Filialen, davon 225 in Deutschland. Die Restrukturierungsmaßnahmen durch Standortschließungen sollen 2014 "weitgehend abgeschlossen sein".