GA-Serie "Bonn baut"

Trajektkreisel: Im Karussell der Bonner Geschichte

Bonn. Am Trajektkreisel entsteht in Sichtweite des Post Towers ein neues Architekturensemble mit zwei Neubauten und einem Sanierungsprojekt: Die Landeszentralbank von 1977 wird völlig entkernt und auf den aktuellen Standard gebracht.

Es ist eine Zeitreise, ein kleiner, spannender Trip durch die Architekturgeschichte, wenn man die B 9 aus der Bonner City herausfährt und auf den Trajektkreisel zusteuert. Rechts der Museumsplatz mit zwei Architekturen, wie sie unterschiedlicher im Temperament nicht sein könnten – Gustav Peichls Bundeskunsthalle, unten hermetisch als Block geschlossen, oben mit verspielten Kegeln auf dem Dach, und vis-à-vis – eher expressiv und offen – Axel Schultes' Kunstmuseum.

Rechts der B 9 also großstädtische Museumsarchitekturspiele aus den 1990ern, links bundesrepublikanische Nüchternheit aus einer Zeit, als sich Bonn noch als provisorische Hauptstadt definierte: das von 1964 bis 1969 von der Allianz AG im Auftrag des Bundes errichtete 18-geschossige Hochhaus auf dem Tulpenfeld – das erste städtebauliche Ensemble im Bereich des neu entstandenen Regierungsviertels. Einst Pressehaus, ist das Tulpenfeld heute Sitz der Bundesnetzagentur.

Thema des Kreisels: Mauerfall und Einheit

Wir steuern auf den eigentlichen Kreisel zu und die aus rostigen, gebogenen, 17 Meter hohen Corten-Stahlträgern bestehende Skulptur „Arc '89“ des Franzosen Bernar Venet. 2016 wurde sie enthüllt. Thema: Mauerfall und Einheit. Am Kreisel selbst dreht sich förmlich das Karussell der Geschichte. Der Name geht auf das Bahn-Trajekt Bonn-Oberkassel zurück (1870-1914). Das älteste Gebäude am Kreisel ist die ehemalige Landeszentralbank (LZB) von 1977, gewissermaßen eine Trutzburg des Kapitals mit kantigen Formen und einer eher abweisenden, verspiegelten Fassade.

Gegenüber läuft das Kontrastprogramm. Abgerundete Ecken, horizontale honiggelbe Bänder gliedern die fünf vollverglasten Geschosse des FGS-Campus (Flick Gocke Schaumburg), der von der Fritz-Schäffer-Straße erschlossen wird. Der Clou des Gebäudes ist die Anordnung von vier tortenstückartigen Gebäudeteilen um ein mondänes, lichtes Atrium mit Bistro, Bibliothek und Sitzgruppen. Eine Oase zwischen B 9 und Marie-Kahle-Allee. Eller+Eller aus Düsseldorf sind die Architekten.

Eine ganz andere Sprache – mit vertikalen Fensterschlitzen und einer strengeren Staffelung – wählte das Aachener Büro Manstein Architekten für den Komplex „The Square II“, in einer Flucht zwischen dem FGS-Campus und Helmut Jahns Post Tower (2000-2002). Hinter „The Square II“ steht das Haus Wolga der Deutschen Post DHL mit einer vertikal geschlitzten Fassade und einem gerundeten Dachgeschoss, 2012 von Manstein Architekten gebaut.

Revitalisierung statt Abriss

Das noch im Bau befindliche dritte Gebäude am Kreisel nimmt diese Rundungen auf, lehnt sich ästhetisch auch an die horizontalen Bänder des FGS-Campus an: Es ist der neue GIZ-Campus der Ten Brinke Gruppe, der sich an den augenfälligen Mäanderbau der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) anschließt. Die Fertigstellung ist für Ende 2019 geplant.

Wer meint, der erste Bau der Kreiselfahrt, die LZB, hätte ihre besten Tage hinter sich, täuscht sich. Denn was ihr Besitzer Marc Asbeck mit ihr vorhat, ist so etwas wie ein Projekt Zukunft, das etliche Bauten aus den 1970ern teilen könnten (siehe Interview). Gebaut im Jahr des Deutschen Terrorherbstes 1977, ist das Gebäude mit etlichen Sicherheitskomponenten bestückt: Zehn Meter hoch und 200 Quadratmeter groß ist der Tresor im Keller, mit Schleuse und Geheimgängen für die Polizei im Fall eines Überfalls.

"Wir sind im Neubaustatus"

In der Büroetage gibt es Fluchtwege rund um die Fassade als Schutz bei versuchten Geiselnahmen. Bis auf den Tresor (Asbeck: „Der lässt sich nicht wegsprengen.“) und das Treppenhaus mit den Handläufen und eigenwilligen Messingringen wird alles verschwinden. Die überdimensionale Klimatechnik mit dicken Rohren sowie Riesenschnorcheln und der Zentrale, die ein ganzes Geschoss einnahm, fliegt ebenso raus wie 18 000 Neonröhren, die durch LED-Lampen ersetzt werden. „Wir werden nur den Kern stehen lassen, wir sind im Neubaustatus“, sagt Asbeck. Brandschutz, Statik, Energieeffizienz, Klimatechnik – überall hätten sich seit 1977 die Standards verändert, erklärt Asbeck.

Warum Revitalisierung? Es rechne sich, meint Asbeck, man spare die Zeit für Abriss und Neubau, und die vorhandene Substanz sei gut. Und da ist noch das New-York-Erlebnis. Als Asbeck kürzlich im Big Apple war, sah er, dass kantige Bauten mit chrombedampften Glasfassaden wieder im Trend liegen. „Das strahlt Solidität aus – man zeigt, was man ist und was man hat, scheut sich nicht, dominant zu sein.“ Das gefällt dem Immobilien-Mann Asbeck.

Ein Hauch von New York in der Gronau? Ein neuer Anfang vielleicht.