GA-Serie "Wohnen und Leben"

Tausche Bonner Großstadt gegen Landidylle

Bonn/Region. Stadt oder Land? Eine Frage, die sich viele bei der Wohnungs- oder Haussuche stellen. Angesichts steigender Preise in den Zentren zieht es immer mehr Menschen in ländlichere Gebiete. Zwei Familien berichten über Vor- und Nachteile.

Umgeben von Natur, absoluter Ruhe und dazu noch günstige Grundstückspreise. Das Leben auf dem Land klingt nach echter Wohnidylle. In Anbetracht steigender Mietpreise und zunehmender Wohnungsknappheit in den Städten wird das Land für viele attraktiv. Aber lebt es sich hier wirklich günstiger? Ruhiger? Glücklicher?

„Land ist nicht gleich Land“, sagt Nadine Maillefer. Zusammen mit ihrem Ehemann Adrien und ihrer einjährigen Tochter Chloé lebt die 34-Jährige seit vergangenem Herbst in Heimerzheim, dem größten Ort der Gemeinde Swisttal mit rund 6000 Einwohnern. Im Ortszentrum gibt es einen Bäcker, Metzger, Zeitungskiosk und Apotheke. „Wir haben hier eine bessere Anbindung als in Bonn“, sagt das Ehepaar. Zuvor hatten sie in einer Mietwohnung in Duisdorf in der Nähe des Telekom Domes gewohnt. „Die Wohnung hätte noch gereicht. Als Chloé geboren wurde, habe ich parallel angefangen nach einem Haus zu suchen“, erinnert sich Nadine Maillefer.

Dabei stand nicht von Anfang an fest, aus der Bundesstadt in ländlicheres Gebiet zu ziehen. Ihr jetziges Haus war das erste Objekt, das sie sich angesehen hatten – und es gefiel. Nicht nur der Preis, auch das Platzangebot sprach für einen Umzug: Nadine Maillefer betreibt eine Werbe- und Grafikdesignfirma. Vorher hatte sie ihr Büro in Bad Godesberg und musste täglich von Duisdorf in den Bonner Süden pendeln. Jetzt dauert der Weg ins Büro nur einen Gang ums Haus – ihre Agentur hat sie in einem Anbau untergebracht. Auch Adrien Maillefer hat mit dem Eigenheim Platz für sein Hobby, die Musik. Zu seinem Arbeitgeber in Euskirchen ist die Fahrt jetzt ebenfalls kürzer.

100 Kilometer Pendelentfernung

Kleinere Einkäufe lassen sich zu Fuß erledigen, für Kino oder Konzert ist man auf ein Auto angewiesen. „Das Land ist stark im Aufwind“, sagt auch Theo Kötter, Professur für Städtebau und Bodenordnung an der Universität Bonn. Mit dem Leben auf dem Land assoziieren viele ein glücklicheres Leben. 1956 fragte das Allensbacher Institut im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ zum ersten Mal, ob man in der Stadt oder auf dem Land mehr vom Leben habe. 54 Prozent der Teilnehmer antworteten damals: in der Stadt, nur etwa ein Fünftel auf dem Land. Schon 1977 verschob sich das Verhältnis: 43 Prozent gaben damals das Land an, 39 Prozent einen urbanen Wohnraum. Mittlerweile hat sich das Bild komplett gedreht: Nur noch ein Fünftel hielt 2014 das Leben in der Stadt für erfüllender. Aber Wunschdenken und Realität klaffen auseinander: Ein Fünftel der Dörfer hat heute mehr als zehn Prozent der Bewohner verloren.

Dennoch beobachten die Städtebauer eine Verwurzelung der Bewohner mit ihrer ländlichen Heimat. Vor allem junge Leute, die in ländlicheren Gebieten aufgewachsen sind, blieben eher dort wohnen und pendelten zu Ausbildungsstätte oder Arbeit, als umzuziehen. „Pendelentfernungen von 100 Kilometern sind keine Seltenheit“, sagt Kötter. Aber genau für diese Gruppe fehlt auf dem Land adäquater Wohnraum. Ebenso für Paare. Wer frei stehende Einfamilienhäuser sucht, wird auf dem Land fündig. Eigentumswohnungen oder Mietshäuser sind hingegen Mangelware.

Auch das haben Nadine und Adrien Maillefer festgestellt. In ihrem Haus gibt es noch eine Einliegerwohnung, die sie vermieten. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie mehr als 100 Anfragen für das Objekt. Aber woran liegt das? Was macht Wohnungen auf dem Land zwar so gefragt unter Mietern, aber vergleichsweise unattraktiv für Investoren? Pro Quadratmeter zahlt man je nach Lage in ländlichen Gebieten durchschnittlich drei bis sechs Euro – weniger als für sozialen Wohnungsbau in der Stadt.

Nachfrage steigt

Dabei ließe sich mit dem Bau von Mietshäusern und alternativen Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser laut Kötter eine Kettenreaktion in Gang setzen, von denen auch die Kommunen profitierten. In den Neubaugebieten stehen Häuser aus den 1950er bis 1980er Jahren, die Familien einmal für sich gebaut haben. In den sogenannten „empty nests“ leben jetzt allerdings nur noch die Eltern, die Kinder sind längst ausgezogen. Das Haus ist zwar mittlerweile zu groß, aber die Bewohner wollen ihre bekanntes Umfeld nicht verlassen.

Würde hier adäquater Wohnraum geschaffen werden, damit die älteren Bewohner in unmittelbarer Umgebung wohnen bleiben könnten, könnten stattdessen junge Familien einziehen. „Dann kann man Umzugsketten in Gang setzen“, so Kötter. Für Kommunen sei diese Version auch günstiger, weil sie nicht immer wieder neues Bauland ausweisen müssten. Ein Phänomen, das auch Nicole Sander, Bürgermeisterin von Neunkirchen-Seelscheid, beobachtet. Bis 2014 verzeichnete die Gemeinde im rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis sinkende Einwohnerzahlen. Das hat sich mittlerweile geändert: Das Wachstum liegt mit 2,9 Prozent sogar über dem kreisweiten Durchschnitt von 2,3 Prozent. Mit Beginn ihrer Amtszeit 2014 hat Sander einen Baulückenkataster erstellen lassen.

Während viele Eigentümer zunächst ihre freien Grundstücke nicht verkaufen wollten, mehren sich jetzt die Angebote. Auch weil die Nachfrage steigt. Vor allem aus den Zentren Köln und Bonn kommen die Interessenten. „Die Leute gehen ins Umland“, so Sander. Als eine Gemeinde mit rund 20.000 Einwohnern verfügt Neunkirchen-Seelscheid über Kitas, eine Grundschule mit inklusiven Ansatz, eine Gesamtschule sowie ein katholisches Gymnasium und eine Außenstelle des Berufskollegs des Rhein-Sieg-Kreises. Anbindungen gibt es zu A 3 und A 4, Busse verbinden die Ortschaften von Neunkirchen-Seelscheid mit Hennef und Siegburg.

Stadt weiterhin beliebt

In der Gemeinde wurden besonders in den 1970er und 1980er Jahren großzügige Grundstücke mit frei stehenden Einfamilienhäusern bebaut. Deren Eigentümer wollen sich nun verkleinern, ihr gewohntes Umfeld aber nicht verlassen. Was fehlt sind auch hier kleinere Wohnungen im Dorfkern, damit die Wege im Alter noch zu bewältigen sind. „Das sind neue Lebensformen, mit denen wir infrastrukturell umgehen müssen“, sagt die jüngste Bürgermeisterin im Kreis. Ein Projekt ist die Wohnanlage „Wohnen am Markt“ in Neunkirchen. Wer will, kann zu der Mietwohnung ein Betreuungsangebot in Anspruch nehmen, muss es aber nicht. Eine Übergangsform zwischen Eigen- und Seniorenheim.

Die Gemeinde will aber nicht nur „Wohn- und Schlafraum sein“, wie Sander erklärt. Mit Much hat die Gemeinde daher ein gemeinsames Gewerbegebiet ausgewiesen und mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg im März diesen Jahres eine Kooperation geschlossen. Auch der Breitbandausbau steht auf der Agenda. Bedeutsame Faktoren, wie auch der Experte erklärt: „Weiterführende Bildungseinrichtungen sind ein wichtiger Motor“, sagt Kötter. Eine schnelle Internetverbindung ziehe eben nicht nur Firmen an, sondern auch Freiberufler oder Arbeitnehmer, die einen Teil ihrer Arbeit im Home Office erledigen.

„Immer wenn die Stadt in die Krise gekommen ist, gab es Abwanderungen aufs Land“, sagt Kötter. Nichtsdestotrotz bleibt die Stadt beliebt: „Die Stadt ist hip.“ Wohntrends wie „Tinyhouses“ zeigen, dass sich selbst auf kleinstem Raum verschiedene Wohnbereiche unterbringen lassen.

Lärmbelästigung in der Stadt höher

Auch für Stefanie und Thomas Schötz war mit der Familienplanung klar, wieder in die Stadt zu ziehen. Seit 2009 wohnen sie in Bonn. Zuvor haben die beiden in einem idyllisch an der Sieg gelegenen Fachwerkhaus in Auel, einem Ortsteil von Hennef, gewohnt. Bis nach Köln waren es von dort aus 25 Autominuten. „Als es um die Familienplanung ging, konnte ich mir jedoch nicht mehr vorstellen, da zu leben“, erinnert sich Stefanie Schötz.

Das war Ende 2008. Die beiden suchten daraufhin nach einer Bleibe in der Bundesstadt und schauten sich viele Objekte an, wie sich Schötz erinnert. Sie zogen zunächst in eine Miet-, später in eine Eigentumswohnung. Seit Ende vergangenen Jahres leben die 44-Jährige und der 47-Jährige in einer Doppelhaushälfte in Beuel. Ähnlich wie auch bei Nadine und Adrien Maillefer hatte sich der Umzug in ein Haus eher durch Zufall ergeben. „Wir genießen es, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren“, sagen die beiden, die als Personalreferentin und Produktmanager arbeiten. Auch für ihre beiden sechs und acht Jahre alten Kinder war es ihnen wichtig, vieles mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen zu können.

Gerade für Familienausflüge biete Bonn ein breites Freizeitangebot: „Vieles ist mit dem Fahrrad zu erreichen – auch ohne große Planung“, sagt Schötz. Und ein Nachteil zum Landleben? Natürlich sei der Lärm im Vergleich zu ihrem vorherigen Wohnort größer. Auf die Frage „Stadt oder Land?“ gibt es indes keine Universalantwort. „Man muss Stadt und Land zusammendenken“, sagt auch Kötter. „Als etwas Komplementäres.“