Öffentlicher Nahverkehr

Straßenbahnen in Bonn sind nicht einsatzbereit

Straßenbahnen, die sich auf dem Bonner Talweg begegnen, und in zweiter Reihe parkende Autos: Da bleibt vor allem Radfahrern nicht viel Platz. Sie sollen später Schutzstreifen erhalten.

Straßenbahnen, die sich auf dem Bonner Talweg begegnen, und in zweiter Reihe parkende Autos: Da bleibt vor allem Radfahrern nicht viel Platz. Sie sollen später Schutzstreifen erhalten.

Bonn. In der Diskussion über kostenlose Fahrkarten sind sich Stadt und Verkehrsverbund einig: Voraussetzung sind mehr Kapazitäten. In Bonn werden Straßenbahnen knapp.

Der erste Tag als Modellstadt für saubere Luft und womöglich kostenlosem öffentlichen Personnennahverkehr begann für Bonn mit einer Panne. Weil zu viele der insgesamt 24 Niederflurbahnen nicht einsatzbereit sind, müssen seit dem frühen Mittwoch auf der Linie 61 zwischen Hauptbahnhof und Auerberg Busse eingesetzt werden. Die Strecke nach Dottendorf wird nur von der Linie 62 befahren. Im Laufe des Donnerstags, so hoffen die Stadtwerke. soll das Provisorium beendet sein.

Die Situation wirft einen Schatten auf den Vorstoß der geschäftsführenden Bundesregierung, Bonn zu einer von fünf Modellkommunen zu küren. Getestet werden soll ein Maßnahmenbündel, mit dem sich Schadstoff-Grenzwerte künftig einhalten lassen – und das einer drohenden Klage der EU-Kommission zuvorkommt. Um die Zahl privater Fahrzeuge zu verringern, soll der Test unter anderem auch kostenlosen Nahverkehr enthalten. Besonders dieser Teil des Pakets sorgt seit Dienstag für Aufsehen und Reaktionen.

Voraussetzungen nicht schnell umzusetzen

Stadt Bonn: Mit Blick auf den kostenlosen Nahverkehr hatte Oberbürgermeister Ashok Sridharan die Voraussetzungen skizziert: Zum einen müsste die Infrastruktur dafür stimmen. Dazu gehörten zusätzliche Straßenbahnen und Elektrobusse sowie für die Pendler eine Erweiterung des Bahnnetzes im gesamten Regionalverkehr. Konkret nannte Sridharan die Stärkung der gesamten Bahnstrecke zwischen Köln und Koblenz und eine Weiterführung der Ahrtalbahn bis Duisdorf (RB 30) sowie der Voreifelbahn (S 23) von Euskirchen bis Mehlem. Dies würde aus seiner Sicht beispielsweise die Reuterstraße, wo wie auf der Bornheimer Straße die zulässigen Schadstoffwerte überschritten werden, rasch entlasten.

Auch andere Punkte seien schneller zu realisieren, sagte der OB dem General-Anzeiger, und nannte als Beispiele die Umrüstung von Dieselfahrzeugen, den Ausbau von Radwegenetzen und Anreize für den Umstieg auf Elektroautos. Nicht zuletzt brauche es dafür belastbare Stromnetze. Insofern sei der kostenlose Nahverkehr nur ein Aspekt des Modells, der nur in Kooperation mit den Partnern im Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) zu realisieren sei.

Abstimmung mit VRS nötig

Verkehrsverbund Rhein-Sieg: Ein eigener (Null)-Tarif für Bonn – geht das überhaupt in einem Verkehrsverbund, der bis kurz vor Mönchengladbach und weit ins Bergische Land reicht? VRS-Sprecher Holger Klein schließt es zumindest nicht kategorisch aus. „Eine Insellösung erzeugt natürlich hohen Abstimmungsbedarf“, sagt er. Derlei Überlegungen erforderten enge Abstimmung der beteiligten Ministerien und Kommunen sowie der Beteiligung der VRS-Gremien. Auch Klein nennt „erhebliche Investitionen“ als Grundvoraussetzung: „Zunächst benötigen wir dringend den Ausbau der Kapazitäten und der Infrastruktur im Nahverkehr. Mehr Fahrzeuge, mehr Schienen, mehr Personal.“

Zudem müsse die dauerhafte Finanzierung sichergestellt sein. Der VRS habe 2016 rund 657,4 Millionen Euro eingenommen. In den vergangen Jahren wurden mit den Einnahmen aus Ticketverkäufen eine Kostendeckung zwischen 65 und 70 Prozent erreicht. Wie dieser Einnahmenausfall beim Modell „kostenloser ÖPNV“ aufgefangen werden sollte, ist laut Holger Klein „momentan nicht klar“.

E-Busse fallen aus

Stadtwerke Bonn: Etwas, höher, nämlich bei rund 75 Prozent, liegt der Kostendeckungsgrad im ÖPNV bei den Bonner Stadtwerken. Gleichwohl müssten „jährlich rund 30 Millionen Euro als Zuschuss bereitgestellt werden, um die Verluste aufzufangen“, erklärt SWB-Sprecherin Veronika John. Busse und Bahnen in Bonn seien während der Hauptverkehrszeit morgens und abends „sehr gut ausgelastet“. Seit April 2016 setzen die SWB in ihrem Linienverkehr sechs Elektrobusse ein. Die sind offenbar aber wartungsintensiv und reparaturanfällig. Denn vier stehen derzeit in der Werkstatt des Herstellers in Salzgitter, wo sie durch Nachrüstungen widerstandsfähiger werden sollen. Nur zwei sind auf Bonns Straßen unterwegs.

Mit Krankheiten haben laut Veronika John wegen der Grippewelle auch viele der insgesamt 640 Fahrer, darunter 160 Straßenbahnfahrer zu kämpfen. Nicht immer seien ausreichend Reservefahrer verfügbar, vor allem bei kurzfristigen Krankmeldungen. Mitarbeiter aus Verwaltung und Service mit entsprechender Lizenz sorgten nach Möglichkeit für Ersatz.