Einsam verstorben

Stadt übernimmt immer mehr Bestattungen

An dieser Stele auf dem Feld der anonym Bestatteten wird auf dem Nordfriedhof der Unbedachten gedacht.. FOTO: SCHABERT

An dieser Stele auf dem Feld der anonym Bestatteten wird auf dem Nordfriedhof der Unbedachten gedacht.. FOTO: SCHABERT

BONN. "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!" Mit diesen tröstlichen Bibelworten des Propheten Jesaja (43,1) war die Anzeige überschrieben, die am 2. Mai im General-Anzeiger zum Gedenkgottesdienst für "Unbedachte" in die innenstädtische Namen-Jesu-Kirche einlud.

43 Namen von Verstorbenen waren darin aufgeführt, von Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen und Schicksalen. Sie alle eint, dass nicht die trauernde Familie, sondern die Stadt für die Beisetzung sorgt.

Gelegentlich geschieht das, wenn Hinterbliebene die Kosten für eine Bestattung nicht aufbringen können. Häufiger aber, wenn keine Angehörigen auffindbar oder vorhanden sind. Oft haben die Verstorbenen Obdachlosen-Biografien. Oder es sind junge drogenabhängige Männer und Frauen, die abgrundtiefe Verzweiflung in den Suizid getrieben hat. "Silvesternacht: Sprung einer unbekannten Person von der Kennedybrücke in den Rhein" - hinter Schlagzeilen wie dieser verbergen sich die letzten Momente tragischer Lebensgeschichten.

Dreimal im Jahr hält der evangelische Pfarrer Ernst Jochum, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Bonn, gemeinsam mit Vertretern anderer christlicher Konfessionen Gottesdienste ab, in denen der einsam Verstorbenen individuell und würdevoll gedacht wird: "Wir sind davon überzeugt, dass keiner über die Erde geht, den Gott nicht kennt oder nicht liebt. Wir wollen ihre Namen noch einmal laut aussprechen und sie in unsere Gebete einschließen." Für jeden Einzelnen wird während der Gottesdienste gebetet und eine Kerze angezündet. Dabei macht die funkelnde Lichtermenge beklemmend deutlich, wie viele Menschen solcherart "unbedacht" in Bonn sterben.

"Die Zahl der sogenannten ordnungsbehördlichen Bestattungen hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Derzeit liegt sie bei 160 bis 180 pro Jahr", bilanziert Marc Hoffmann vom Presseamt der Stadt Bonn.

Nelly Grundwald, Geschäftsführerin des Vereins für Gefährdetenhilfe Bonn, sendet Pfarrer Jochum regelmäßig die Namen von Verstorbenen. Sie ist froh darüber, dass diese spezielle Form des Gedenkens 2009 ins Leben gerufen wurde. Denn in der alt-katholischen Kirche an der Bonngasse finden sich neben den vielen engagiert Mitwirkenden auch regelmäßig 40 bis 60 Besucher ein - Freunde und Schicksalsgenossen der Toten, Angestellte des Vereins oder Bonner, die das Bemühen um ein ehrendes letztes Geleit unterstützen. "Vorher gab es Bestattungen, bei denen von uns gerade mal einer dabei war, und es dann sehr armselig wirkte", erinnert sie Grundwald.

Von den Todesfällen erfährt das zuständige Amt für Stadtgrün durch Krankenhäuser, Altenheime oder das Standesamt. Wenn sich "bestattungspflichtige" Angehörige auch nach intensiver Suche nicht ermitteln lassen, springt die Stadt ein - organisatorisch und finanziell. Die 2677 Euro, die sie in der Regel bei einem solchen Trauerfall aufbringen muss, enthalten die Bestattungskosten und die auf fünfzehn Jahre angelegte Gebühr für einen Grabplatz auf dem Nordfriedhof - meist ein pflegefreies Urnen-Reihengrab.

"Muslime werden nicht in Urnen beigesetzt, weil ihre Religion eine Einäscherung verbietet", erklärt Verwalter Rolf Warnecke. "Sie erhalten eine Körperbestattung im Reihen- oder Wahlgrab." Gerade mal einen Quadratmeter messen die grasbewachsenen Parzellen der Urnen-Reihengräber, auf denen jeweils nur Name, Geburtsdatum und Sterbedatum vermerkt sind. Manche der Verstorbenen haben aber auch zu Lebzeiten verfügt, dass sie anonym beerdigt werden möchten. Sie ruhen dann gemeinsam mit 2000 anderen Bonnern - arm wie vermögend gestorbenen - unter einer heckenumstandenen Grasfläche.

Der nächste Gedenkgottesdienst für Menschen ohne Angehörige, die auf Veranlassung der Stadt Bonn beerdigt wurden, findet am Samstag, 29. August, ab 12 Uhr in der Namen-Jesu-Kirche an der Bonngasse 6 statt.