Wöchentliche Turniere

Spieleabende werden in Bonner Bars und Kneipen immer beliebter

Bonn. Kneipenquiz, Bingo oder Mensch ärgere Dich nicht: In Bonns Bars und Kneipen wird wieder häufiger gewürfelt, geraten und gezockt. Einige Lokale in der Altstadt bieten wöchentlich Turniere. Ansporn sind Freigetränke.

Was haben Brett- und Gesellschaftsspiele, was ein Handy nicht hat? Denn schwerlich dürfte es dem digitalen Fast-alles-Könner gelingen, die guten alten Spiele der analogen Welt zu verdrängen. Im Gegenteil. Studenten und andere Semester greifen immer öfter in Bonns Kneipen auf Gesellschaftsspiele zurück. „Zum Zeitvertreib“, sagt die 24-jährige Veronika. „Aus Langeweile“, der 22-jährige Lukas. Beide betrachten das Spielen als Teil der Unterhaltung beim Bier.

Der Bonner Spieleblogger Christoph Post stellt die wachsende Spielfreude seit geraumer Zeit fest. Fast zwei Drittel der Erwachsenen in Deutschland greifen trotz Handy-Booms gerne zu Karten-, Würfel- oder Brettspielen. Dies ergab eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research. 29 Prozent gaben an, häufig Gesellschaftsspiele zu spielen; 32 Prozent gelegentlich. 39 Prozent gaben auch zu, sie hätten sich schon einmal so sehr über ein Spiel geärgert, dass sie es abgebrochen hätten.

Post hat die Verbindung zum gemeinschaftlichen Spielen seit Kindertagen nicht verloren. „Die Eltern haben mit uns um den Tisch gesessen, bei Karten oder 'Hase und Igel', das damals zum Spiel des Jahres gewählt wurde.“ Der eigentliche Boom begann in den 90er Jahren mit Spielen wie Die Siedler von Catan oder Carcassone. Eigentlich wollte Post gern selber Spiele entwickeln, hat aber als Spieleblogger mit seiner Seite www.brettspielbox.de eine so gute Resonanz, dass er stattdessen Beobachter, Rezensent und Spieltester geblieben ist. Kein Spiel, das er nicht kennt und beurteilen kann.

In jedem Menschen steckt – mehr oder weniger – ein Grundbedürfnis, zu spielen. Da muss man nicht erst die Psychologie bemühen, da reicht Spielosophie. „Es fühlt sich gut an, in geselliger Runde Spaß zu haben“, sagt Post. Würde da nicht ein interessantes Gespräch reichen? „Eben nicht. In einem Spiel taucht man ab, man wird kreativ, bekommt Abstand zu Job und Alltagsproblemen. Manche Spieler sind ehrgeizig und wollen gewinnen, andere wollen einfach nur etwas zusammen machen. Spaß haben – das macht für alle den Reiz aus.“ Auf jeden Fall biete das Spielen einen Weg aus der dominanten, digitalen Welt. „Man ist für einige Stunden nicht erreichbar.“ Spielen sei eher wie Lesen, nicht wie Filme anschauen – „weil die eigene Vorstellungskraft aktiviert wird“.

Leichte Spiele für den Kneipenabend

Ein weiterer, positiver Effekt: „Man ist nicht allein. Außerdem lernen Kinder und Erwachsene verlieren“, so der Experte. Post hasst allerdings Glücksspiele wie beispielsweise „Hotel“, weil sie „ungerecht“ sind. Er bevorzugt stattdessen „Terra Mystica“, das vor fünf Jahren auf den Markt kam, „weil es sehr variantenreich ist.“ Jedes Jahr kommen zwischen 600 bis 700 neue Spiele auf denMarkt. Die traditionellen Brettspiele wie Schach, Dame oder Mensch ärgere Dich nicht werden dadurch jedoch nicht verdrängt. „Mechanik und Ideen werden immer ausgeklügelter“, beobachtet Post. Allerdings sei eine große Hürde das Lesen umfangreicher Regeln. „Darauf haben die wenigsten Lust“, erklärt Post.

Das ist sicherlich ein Grund, warum komplexe Spiele nicht in den Kneipen Einzug halten. „Sie müssen leicht zu transportieren sein. Man sollte sich schnell auf die Regeln verständigen können.“ Beliebt sei das Spielen in Kneipen, „weil es kommunikativ ist, man etwas komplett anderes macht als im Alltag. Überhaupt. Spielen verbindet.“ Das kann Ingo, Barmann im „Pawlow“ in der Heerstraße, bestätigen. „Seit mindestens fünf Jahren sind Spiele wieder mehr im Trend.“ Viel länger steht dort ein Spieltisch für Carrom – Fingerbillard für zwei oder vier Mitspieler. An dem Tisch wurden früher regelmäßig Turniere ausgetragen. „Jetzt allerdings nicht mehr“, sagt der Barmann. Spielfreudige Gäste leihen sich an der Theke Schach oder andere Brettspiele aus.

Schocken im "Babel"

Im „Babel“ an der Breite Straße steht eine Box mit Würfeln und Karten. Dort ist unter anderem Schocken angesagt, ein ausgewiesenes Trinkspiel, denn der Verlierer zahlt die nächste Runde. „Manche Gruppen spielen drei bis vier Stunden an einem Abend“, erzählt die Barfrau. Sie selbst spiele für ihr Leben gern. Und was? „Alles was Spaß macht.“ Aus dem Studentenalter sind die vier Whist-Spieler am Ecktisch heraus. Doch seit dieser Zeit treffen sie sich regelmäßig, um die Vorgängervariante des Bridge aufzulegen. Damit es keinen Streit um Farben, Stiche oder Punkte gibt, hat ein Mitspieler schon vor Jahren das Regelwerk des „Bonner Kneipenwhist“ beim Babel-Wirt hinterlegt, „Whist kann man gut beim Fußballgucken spielen“, erklärt Marcus Tschoepe. Ohnehin scheint es so, dass die Kombination mit einer Fußballübertragung immer geht.

Auch in der „Pinte“ auf der Breite Straße läuft Fußball. Entsprechend abgehackt sind die Gespräche, weil die Aufmerksamkeit immer wieder auf das Geschehen in den Fernsehern gelenkt wird. Synchron ertönen Jubel und Stöhnen, je nachdem wie es der favorisierten Mannschaft ergeht. Aber „Looping Louie“ lässt sich offenbar ganz gut parallel dazu spielen – und ist sehr beliebt. Das von Milton Bradley 1994 entwickelte Geschicklichkeitsspiel für Kinder erhielt sogar einen Sonderpreis als Spiel des Jahres. Die nun herangewachsenen Kinder von damals haben es mittlerweile in ein Trinkspiel umfunktioniert.

Im „Voyager“ an der Rheingasse wird bereits ab dem frühen Nachmittag gespielt. Gäste können hier aus mehr als 650 Brett- und Kartenspielen wählen. Die Kisten stapeln sich in den Regalen am Eingang und im hinteren Teil des Spiele-Cafés. Spielen gehört zum Konzept des Ladens. „Wir haben immer mehr Kunden“, beobachtet Mitinhaberin Jessica Kraus. Gegen eine Gebühr von einem Euro dürfen sich die Gäste aus dem Sortiment bedienen – nur eine Ausleihe außer Haus ist nicht möglich. Monatlich versammeln sich auch feste Spielergruppen, wie der Verein „Spielfreunde Wilde Zockerei“, andere verabreden sich spontan über das Internet zu einer Partie.

Viele Spielabende in der "Wache"

Viele spielende Gruppen hat auch Tobias Epping in seiner Kneipe „Die Wache“ in den vergangenen 15 Jahren schon erlebt – und auch manches feucht-fröhliche Ende. Fast jeden Tag in der Woche steht bei ihm Spielen auf dem Programm – weil er es halt selbst gerne macht. Immer montags ist Bingo angesagt, ein Lotteriespiel, bei dem es Freigetränke zu gewinnen gibt. Dienstags wird ein Kickerturnier angeboten, mittwochs ein Doppelkopf-Abend. Das Kneipenquiz am Donnerstag „ist sehr beliebt“, sagt Epping. Manche Rategruppen finden spontan zusammen, andere treffen sich regelmäßig. Sie geben sich witzige Namen, aber ein Ziel verbindet sie alle: Für die Sieger gibt es Freigetränke.

Die Flasche Whiskey als Siegprämie für den Gewinner des Kneipenquizes im „Flynn's Inn“ in der Wolfstraße ist immer dienstags Motivation für viele Studenten. Dave, der Betreiber, stellt die Fragen zusammen, verteilt die Fragezettel und zückt für die Korrektur selbst den Rotstift. Eine Weile herrscht grübelnde Stille an den Tischen, nur unterbrochen von leisem Tuscheln. Handys zum Googlen dürfen nicht benutzt werden. Die Fragen haben unterschiedliches Niveau. Weil auch ein Preis für die witzigste Antwort vergeben wird, nehmen es manche Mitspieler nicht so genau. Zum Beispiel Veronika und Lukas. Auf die Frage welches Bild Napoleon in seinem Schlafzimmer hängen hatte, antworten sie: „Taylor Swift“.