Signierstunde mit Sicherheitsdienst

So verlief Thilo Sarrazins Lesung in Bad Godesberg

Thilo Sarrazin in der Stadthalle Bad Godesberg.

Thilo Sarrazin in der Stadthalle Bad Godesberg.

BAD GODESBERG. Der frühere SPD-Politiker und Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat seinen neuen Bestseller "Feindliche Übernahme" präsentiert, der im vergangenen Jahr für heftige Kontroversen gesorgt hatte. 200 Besucher hörten ihm unter Sicherheitsvorkehrungen zu.

Für die einen ist er politische Persona non grata, die anderen sehen in ihm einen Retter der Debattenfreiheit in Zeiten enger werdender Meinungskorridore. Keine Frage, Thilo Sarrazin polarisiert. Knapp 200 Besucher lauschen am Mittwochabend in der Stadthalle dem Mann, der sein erstes Buch Buch mit dem Verlust seines Jobs als Bundesbank-Vorstand bezahlte. „Deutschland schafft sich ab“ lautete seinerzeit der Titel.

„Bad Godesberg schafft sich ab“, danach klingen nun einige der Wortbeiträge aus dem Publikum in der Stadthalle. Die gemeinsame Frequenz ist rasch gefunden. Denn die Sorge vor Überfremdung und die These vom Islam als Integrationshemmnis ziehen sich wie ein roter Faden auch durch das neue Buch des früheren SPD-Politikers, der seine Dauerpräsenz in den Bestsellerlisten sichtlich zufrieden zu beschreiben weiß.

Für all jene, die Sarrazins Weltsicht teilen, derzufolge die Verbreitung des Islam aus westlicher Perspektive eben jene titelgebende „Feindliche Übernahme“ sei, hat er wenig Hoffnungsschimmer im Gepäck: Der Koran vermittle Hass auf „Ungläubige“ und sei von expansiver Eroberungskraft geprägt, pflege einen Unterwerfungsgedanken, hemme dadurch technologische und wissenschaftliche Neugier und etabliere ein „hierarchisches Verhältnis der Geschlechter“. So weit in Kürze die Thesen, die 2018 wie auf Knopfdruck die nächste „Sarrazin-Debatte“ ausgelöst hatten.

Ihr Urheber zeigt sich auch am Mittwoch ungerührt: Schon in einer bis zwei Generationen werde es bei den unter 40-Jährigen eine muslimische Mehrheit geben, sagt er unter Berufung auf demografische Zahlen. Eine Trendumkehr hält der 74-Jährige für wenig wahrscheinlich – zumindest den Anwesenden raubt er uncharmant jegliche persönliche Illusion: „85 Prozent in diesem Saal fallen für die Reproduktion aus“, stellt er trocken fest.

Befragen wollten sie ihn dann trotzdem – und zum Beispiel wissen, wie er es „eigentlich noch in der SPD aushalte“, und warum die Regierung sich nicht endlich mit seinen Thesen auseinandersetzt. „Wenn Frau Merkel mich sieht, dreht sie sich um und rennt weg“, antwortet Sarrazin, von Sicherheitskräften flankiert.

Ein Indikator für den Zustand der Diskursfähigkeit im Land? Bei der Signierstunde in Bad Godesberg wäre es wohl auch ohne kräftige Uniformierte gegangen „Ungewöhnlich“ nennt das Sarrazin. Im nahen Standesamt hat er einst geheiratet und viele Jahre in Bonn gelebt. Einen „gewissen Frieden“ meint er in seiner alten Heimat zu verspüren. Auch das bleibt unwidersprochen.