Interview mit Direktorin Marianne Pitzen

So steht es um das Frauenmuseum in Bonn

Bonn. Die Zukunft des Frauenmuseums in Bonn ist in der Schwebe. Über die derzeitige Lage der Institution und über ihre Arbeit als Künstlerin sprachen wir mit Direktorin Marianne Pitzen.

Noch in diesem Sommer soll der historische Kauf über die Bühne gehen: Für 510.000 Euro will das Bonner Frauenmuseum seine Immobilie von der Stadt kaufen. Während Direktorin Marianne Pitzen fest davon ausgeht, dass der Kauf demnächst erfolgen wird, gibt die Stadt lediglich die Auskunft: „Momentan laufen die Verhandlungen.“ Über die derzeitige Lage der Institution, über ihre Arbeit als Künstlerin und ihre Frisur als Markenzeichen sprach Marianne Pitzen mit Thomas Kliemann.

Nachträglich herzlichen Glückwunsch. 70 Jahre Marianne Pitzen – welche persönliche Bilanz ziehen Sie in ein paar Worten?

Marianne Pitzen: Es macht immer noch viel Vergnügen, ich habe das Gefühl, dass das jeweils nächste Projekt das allergrößte wird. Es ist grandios, dass ich mit diesem Kreis von Ladies ringsrum arbeiten und mit der Unterstützung etwas aufbauen kann. Der Zusammenhalt ist stark und ungewöhnlich. Es hieß früher immer, drei Frauen könnten nicht zusammenhalten. Das ist widerlegt. Hier im Frauenmuseum kann man sich die Arbeit einrichten, es ist ein selbstbestimmter Raum – woanders ginge das nicht.

Sie haben viel umgesetzt in dieser Zeit. Was steht noch aus?

Pitzen: Wirklich viel. Die nächsten Jahre sind schon in Planung. Dieses Jahr kommt noch „100 Jahre Frauenwahlrecht“. Unsere Ausstellung mit der europäischen Perspektive wandert jeden Monat mindestens an vier Stellen. Das ist eine große Bestätigung. Nächstes Jahr zeigen wir „100 Jahre Bauhaus“, da kommen die Bauhäuslerinnen zum Zug.

Beim Bauhaus dreht sich vieles um Utopien. Als das Frauenmuseum 1981 initiiert wurde, war das auch eine Art Utopie?

Pitzen: Der Vorlauf war „frauen formen ihre stadt“ und da war so ein Haus wie dieses nur die kleinste Variante dessen, was uns vorschwebte. Wir wollten einen ganzen Stadtteil!

Funktioniert das Konzept noch?

Pitzen: Es funktioniert noch. Die Verbindung von Geschichte, Gegenwart und Zukunft bleibt aktuell. Das Museum ist ein interessanter Freiraum, in dem man Projekte realisieren kann, die man in anderen Bereichen nicht könnte. Was die Größe dieses Projekts Frauenmuseum ausmacht, ist das riesige weltweite Netzwerk, das entstanden ist.

Ich habe den Eindruck, dass das Frauenmuseum in seinen Anfängen viel politischer war und jetzt die Versorgung von Künstlerinnen im Mittelpunkt steht – zu Lasten der politischen Inhalte. Sie haben sich etwa nicht breit in die #Metoo-Debatte eingeklinkt.

Pitzen: Das glaube ich nicht. Wir haben schon so viel zu diesen Themen gemacht. Aber nicht in der Härte wie die #Metoo-Bewegung in den USA. Wir werden das Projekt der Trostfrauen, Zwangsprostituierte in japanischen Kriegsbordellen im Zweiten Weltkrieg, präsentieren. Das ist sehr politisch.

 

Vieles, weswegen Sie das Frauenmuseum initiiert haben, ist verwirklicht worden. Frauen haben etwa einen viel besseren Zugang zum Kunstmarkt, sind auch an der Spitze der Kunstszene gut vertreten. In Bonn werden mittlerweile die meisten Museen und Kunstinstitute von Frauen geleitet. Mission erfüllt?

Pitzen: Ein Museum hört nicht auf zu arbeiten. Interessant ist doch auch, den Weg zu beobachten: Wie kommt es zu mehr Präsenz, mehr Einfluss, zu Veränderungen?

Wie lange werden Sie diesen Prozess begleiten. Was macht der museale Nachwuchs? Verjüngt sich die Idee des Frauenmuseums?

Pitzen: Es gibt zwei Nachwuchsgarden, das Kinderatelier sorgt ständig für Auffrischung, die Historie ist in der Hand von Bettina Bab, schließlich ist da noch die Kunsthistorikerin Silke Dombrowski. Alle drei Sparten sind in der Lage, Geld zu akquirieren. Wir haben zum Beispiel Anträge für das Beethovenjubiläum 2020 gestellt. Da werden wir Komponistinnen präsentieren, die Beethoven ignoriert hat. Vor Jahren gab es in der Humboldt-Universität in Berlin ein Symposium über den weiblichen und den männlichen Beethoven. Das greifen wir auf.

Viele Projekte – doch das Haus steht auf der Kippe. Wie ist die aktuelle Situation des Frauenmuseums?

Pitzen: Auf der Kippe steht es jetzt eigentlich nicht mehr. Kulturdezernent Martin Schumacher kündigte uns 2014 das absolute Aus an. Das Thema Frauenmuseum sei erledigt. So etwas kann man doch nicht erzählen. Wir haben eine Riesenkampagne in Gang gesetzt, bundesweit, weltweit. Die Geldzusagen gehen in Richtung feste Aussichten. Wir haben zwei Drittel des Kaufpreises für die Immobilie zusammen.

Wie hoch ist der Kaufpreis? Und werden Sie den Rest mit einem Kredit finanzieren?

Pitzen: 510 000 Euro kostet das Haus. Es lag schon mal bei 1,2 Millionen Euro, aber weil es seit 1988 eine Festlegung gibt, das Haus müsse eine kulturelle Nutzung haben, ging die Stadt mit dem Preis runter. Zwei Drittel des Kaufpreises haben wir zusammen, und es wächst ständig. Für die Finanzen haben wir 2016 eine Gemeinnützige GmbH gegründet. Noch im Sommer soll der Kauf über die Bühne gehen.

Und die Lücke schließen Sie mit einem Kredit?

Pitzen: Wenn es so kommt, wie ich erwarte, brauchen wir keinen.

Wie sehen die weiteren Belastungen aus? Mit 20 000 Euro Zuschuss von der Stadt werden Sie nicht weit kommen – bei dem Sanierungsstau.

Pitzen: Der Betrieb hat es in sich. Dafür werden wir weiter sammeln, Anträge stellen, uns um EU-Gelder kümmern.

Welche Belastungen kommen konkret auf Sie zu?

Pitzen: Wir bräuchten eigentlich einen Etat von 50.000 Euro. 15.000 bis 18.000 Euro kostet allein der Strom, etwas mehr die Heizung, 8000 Euro für den Brandschutz, Tausende für die Kanalgebühren, und dann kommen noch Rücklagen.

Was müssen Sie sanieren?

Pitzen: Wir müssen auf LED umrüsten, die Photovoltaikanlage ist uralt, das Dach ist immerhin dicht.

Haben Sie sich schon einmal überlegt, zu reduzieren, mit weniger Fläche auszukommen?

Pitzen: Das Frauenmuseum ist nicht zu groß. Im Moment ist Reduktion kein Thema, wir müssen sehen, wie wir das finanzieren. Sechs Ateliers sind vermietet.

Sie sind ja nicht nur Museumschefin, sondern auch Künstlerin. Ihre Matronen, abgeleitet von antiken, im Rheinland weit verbreiteten Muttergottheiten, sind zum Beispiel gerade in Ihrer Ausstellung im Stadtmuseum Siegburg zu sehen. Kommen Sie neben Ihrer Arbeit fürs Frauenmuseum überhaupt noch ins Atelier und zur Kunst?

Pitzen: Deswegen schaffe ich mir immer Termine. Und sobald man die hat, muss man das Ganze auch abwickeln. Es reizt mich wahnsinnig, das immer weiter zu machen – wie so eine Art persönliche Sucht. Ab und zu muss man ausbrechen. Die vielen Briefe, die Rechnerei, die Konzepte gehen mir irgendwann sehr auf den Geist.

Ist die Kunst so etwas wie ein Refugium?

Pitzen: Ja, aber ich versuche immer, das Thema mit historischen Hintergründen oder Geschichten der Zeit zu verbinden.

Seit den 1980er Jahren arbeiten Sie an dem Thema Matronen. Läuft sich das nicht mal tot?

Pitzen: Überhaupt nicht. Da gibt es einiges zu tun. Zum Beispiel im Bonner Landesmuseum, das viele antike Matronen besitzt. Doch die Archäologen haben Angst, dass da ein paar Matriarchatsanhängerinnen ins Museum kommen und Blümchen an die Matronen stellen. In Köln funktioniert das besser, da ist eine Ausstellung für 2021 geplant. Es gibt auch neue Forschungen.

Sehen Sie ihre Pappmaché-Figuren auch als Bausteine der Matronenforschung?

Pitzen: Ich trivialisiere das Thema, hole die Matronen aus der Heiligkeit heraus. Sie bilden eine neue Gesellschaft, das matronale Parlament. Das ist noch nicht ausgeschöpft. Man kann es manchmal nur ironisch sehen: Erich Neumann hat einmal über „Das große unbewusste Weibliche“ geschrieben und über den „weiblichen Gefäßcharakter“. Dann habe ich die Matronen als Gefäße in allen Formen gestaltet. Das ist derart abgefahren. Das macht Spaß.

Wenn man alle Ihre Aktivitäten zusammennimmt, kommt man zum Schluss, dass Ruhestand für Sie überhaupt kein Thema ist. Werden Sie arbeiten bis zum Umfallen?

Pitzen: Genau. Was soll ich sonst machen? Dieses ganze Getriebe ist das witzigste, was man sich denken kann. Ich wünsche mir einen langsamen Übergang.

Letzte Frage. Als was würden Sie Ihre Frisur, Ihr Markenzeichen bezeichnen. Und wie stellen Sie sie her?

Pitzen: Das Thema habe ich geklärt, als ich 17 war. Seit dem Alter trage ich diese Frisur. Sie ist praktisch – ich empfehle auch anderen Menschen, bei der einmal gefundenen Frisur zu bleiben.

Und wie bezeichnen Sie sie?

Pitzen: Als Schnecken. Sie leiten sich von einer keltischen Figur ab.

Der antiken spanischen Madonna von Elche?

Pitzen: Genau. Die gefiel mir wahnsinnig gut. Das hat mich umgeworfen.

Und wie lang brauchen Sie für die Frisur?

Pitzen: Das ist ein kleines Morgenritual – fünf Minuten, fünf Haarklammern. Ich verspreche meinen kleinen Girls hier, dass ich ihnen mal Nachhilfeunterricht gebe.