Noch darf jeder kostenlos radeln

So schneidet das Nextbike-Angebot im GA-Test ab

GA-Redakteur Nicolas Ottersbach testet das Angebot von Nextbike in Bonn.

GA-Redakteur Nicolas Ottersbach testet das Angebot von Nextbike in Bonn.

Bonn. Die ersten 300 Mietfahrräder stehen in Bonn. Im Oktober darf sie jeder kostenlos eine halbe Stunde lang ausprobieren. GA-Redakteur Nicolas Ottersbach hat sie getestet. Ein Fazit.

Der erste Eindruck ist solide. Nichts klappert am schweren Nextbike-Stahlrahmen. Die Kameratasche sitzt fest mit drei Gummibändern verzurrt im Gepäckträger, der am Lenker montiert ist. Das Unternehmen will so verhindern, dass sich zwei Leute auf das Mietfahrrad setzen und es zu stark belasten. An eine Sache muss man sich gewöhnen: Wer sparen will, muss seine Fahrten genau planen.

Der Selbsttest des neuen Nextbike-Angebots in Bonn beginnt direkt vor dem Verlagsgebäude des General-Anzeigers in Dransdorf. Die App auf dem Smartphone zeigt nur rund 50 Meter entfernt am Lievelingsweg drei freie Räder an. Wer sie ausleihen möchte, muss sich erst registrieren – am PC, per Telefon oder mit dem Handy. Letzteres hat schon bei der Weltklimakonferenz geklappt, bringt jetzt aber Probleme mit sich. Denn das bestehende Konto ist noch immer damit verknüpft und deaktiviert.

Alles herumtippen bringt nichts: Die Telefonhotline muss helfen. Nach fünf Minuten in der Warteschleife erklärt eine Dame das Malheur. „Am einfachsten ist es, wenn Sie sich mit ihrer Handynummer neu registrieren.“ Gesagt, getan. Eine Minute später funktioniert die App, die Grundgebühr von drei Euro pro Jahr wird per Paypal bezahlt – wahlweise auch mit Kreditkarte oder Bankeinzug. VRS-Kunden und Studenten haben pro Tag 30 Freiminuten, was ab November freigeschaltet wird. Im Oktober darf jeder in Bonn 30 Minuten kostenlos radeln, als „Kennenlernangebot“, wie Nextbike sagt.

Es wäre aber auch vermessen, den vollen Preis von einem Euro pro halbe Stunde zu verlangen. Bisher sind nur ein Drittel der insgesamt 900 Räder verfügbar. Ein „Soft Start“, wie das Leipziger Unternehmen argumentiert, um das System nach und nach – spätestens bis Ende Oktober – zuverlässig ans Laufen zu bekommen. So gab es Beschwerden von Kunden, dass für die Registrierung notwendige SMS nicht verschickt wurden.

Durcheinander auch bei den Tarifen: Bis zuletzt gab es – wie sonst deutschlandweit üblich – keinen Jahrestarif für 48 Euro, mit dem die erste halbe Stunde pro Tag frei ist, sondern lediglich einen Monatstarif von zehn Euro. „Das ist nicht bewusst weggelassen worden“, erklärt Michael Henseler von den Stadtwerken Bonn (SWB), die lokaler Partner von Nextbike sind. Bei den Bonnern kommt das Angebot gut an. Seit 1. Oktober gab es schon mehrere Tausend Ausleihen. Die Räder sind in der ganzen Stadt verteilt. Sie können an fast jeder Hauptverkehrsstraße abgestellt werden, in der Innenstadt überall – Nextbike nennt das Flexzone.

Wer mit Nextbike fährt, wird von anderen Radfahrern angestarrt

Außerhalb dieser Bereiche fällt zusätzlich eine Gebühr von einem Euro an. Wo man die Räder nicht abstellen soll, steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen: Zum Beispiel auf Blindenstreifen, in Hinterhöfen oder Parks.

Mit sieben Gängen lässt es sich gut radeln. Steigungen sind genauso gut bezwingbar wie die schnelle Abfahrt. Gewöhnungsbedürftig ist nur der Blick auf die Uhr. Von Dransdorf bis zum Bottlerplatz sind 20 Minuten vergangen – damit war erst nach der Ankunft klar, dass die Rückfahrt einen Euro kosten wird. Umso komfortabler ist es, das Rad mit dem Einrasten des integrierten Schlosses einfach am Bottlerplatz abzustellen. Zurück nach Dransdorf geht es nicht mit der Handyapp, sondern per Hotline. Dort kann man mit einer Bandansage die fünfstellige Nummer des Rades eingeben und es freischalten lassen.

Fazit: Es fallen einige gute Details auf, die der Erfahrung von Nextbike geschuldet sind. Die Klingel ist in den Handgriff integriert. Das Licht leuchtet die ganze Fahrt über, vorne sogar mit Stroboskop – damit einen die anderen Verkehrsteilnehmer besser erkennen. Der Rahmen hat keine hohe Querstange, was das Aufsteigen erleichtert. Der bleibende Eindruck ist aber ein anderer. Wer mit Nextbike fährt, wird von anderen Radfahrern angestarrt. Noch sind die Leihräder fremd. Angesichts der Masse dürfte sich das bald ändern.