Fahrverbot wird vor Gericht verhandelt

So schlecht ist die Luft an der Reuterstraße in Bonn

Bonn. Die Reuterstraße ist eine der meistbefahrenen Strecken Bonns. Dementsprechend schlecht sind die Stickstoffdioxidwerte. An diesem Donnerstag geht es am Kölner Verwaltungsgericht um ein mögliches Fahrverbot in Bonn.

Manchmal liegen Himmel und Hölle nur wenige Meter auseinander. Bei Wolfgang Kirhoff ist es ein Gang durchs Wohnzimmer. Auf der einen Seite seines Hauses hat er sich im Hinterhof ein grünes Idyll mit kleinem Bassin geschaffen. Auf der anderen Seite rollen jeden Tag Zehntausende Autos über die Reuterstraße. „Der Verkehr wird immer schlimmer, und damit auch die Luft“, erzählt er. Der 76-jährige Rentner weiß, wovon er spricht: Seit seiner Geburt lebt er in dem Altbau mit der weiß-grauen Fassade.

Grau deshalb, weil der Verkehr dem Gebäude zusetzt. Erst vor wenigen Jahren ist das Haus in Höhe der Argelanderstraße gestrichen worden. „Anfangs haben wir den Dreck noch abspritzen können.“ Mittlerweile bringt aber auch das nichts mehr. Die Mischung aus Abgasen und Staub, der durch den Verkehr aufgewirbelt wird, setzt sich in jede Fuge. Auch auf den Fenstern liegt stets ein grauer Schleier. Kirhoff fährt mit dem Finger über die matte Scheibe der Haustür. „Macht man hier sauber, ist es nach wenigen Tagen wieder schmutzig.“

Nicht nur Kirhoffs Fingertest bescheinigt, dass die Luft in der Reuterstraße schlecht ist. Regelmäßig werden auf einer von Bonns meistbefahrenen Straßen die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) überschritten. Vorgegeben sind von der Europäischen Union im Jahresmittel 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) misst das ganze Jahr über Werte zwischen 40 und 60 Mikrogramm. Auch die Deutsche Umwelthilfe hat durch eigene Messungen im Frühjahr Überschreitungen festgestellt. Nach Ansicht der Organisation macht Atmen dort krank: „Nicht nur alte und gesundheitlich vorbelastete Menschen, sondern auch Kinder sind durch die giftigen Abgase besonders gefährdet“, sagt Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

Die Belastung durch Feinstaub wird an der Reuterstraße hingegen nicht mehr kontrolliert. Das Landesamt hatte die Messgeräte abgebaut, weil dort nicht mehr zu erwarten sei, dass Grenzwerte überschritten würden. Während der Abrieb von Reifen als einer der Hauptgründe für Feinstaub gilt, sind es bei Stickstoffdioxid Diesel-Pkw. Deshalb verklagt die Umwelthilfe derzeit viele Kommunen, um Dieselfahrverbote durchzusetzen. Mit Erfolg: In Hamburg sind bereits einzelne Straßen für Diesel gesperrt, in Stuttgart und Frankfurt sollen Verbote 2019 kommen. Bonn will das mit einem Luftreinhalteplan vermeiden, womit sich an diesem Donnerstag das Kölner Verwaltungsgericht befasst.

"Die Gesundheit ist den Politikern egal"

Wolfgang Kirhoff kann darüber nur den Kopf schütteln. Er sitzt zurückgelehnt in seinem Wohnzimmersessel, hat beide Arme auf den Lehnen abgelegt. In seinem Rücken ziehen die Autos vor dem Hochparterre-Fenster vorbei. „Es geht immer nur um die Wirtschaft, die Gesundheit der Bürger ist den Politikern egal.“ Während er das sagt, beugt er sich nach vorne und ballt die Hände zu Fäusten. Für ihn gibt es nur zwei praktikable Lösung: Die Abgase der Fahrzeuge müssen so sauber werden, dass sie den Menschen keine Probleme mehr bereiten. Oder aber einen Tunnel, der Bonns Norden mit Bad Godesberg verbindet. So, wie er vor Jahrzehnten schon geplant war, aber wieder verworfen wurde.

Ein bisschen wünscht sich Kirhoff die alten Zeiten zurück. Damals spielte er noch im Vorgarten des Elternhauses, der Verkehr war längst nicht so stark wie heute. Dann kam der vierspurige Ausbau, den seine Mutter als „modern und toll“ beschrieb. Er war anderer Meinung. „Mir war vielleicht eher klar, was das für das Leben an der Reuterstraße bedeuten würde.“ Lärm und schlechte Luft ließen immer mehr Alteingesessene ausziehen. „Entweder verkauften sie ihre Häuser oder vermieteten sie.“ Die Kirhoffs wollten dagegen nicht weichen. „Es kam einfach nicht infrage, das war immer unser Haus.“

Im Berufsverkehr stehen Autos und Lastwagen Stoßstange an Stoßstange auf der Reuterstraße. Auch in den Nebenstraßen kommen die Fahrzeuge nur im Schritttempo voran. Über den Boden legt sich dann ein seichter Nebel aus Abgasen. Aber auch nachmittags ist auf der wichtigen Nord-Süd-Verbindung viel los. Die Straße abseits der Ampel zu queren wird so zu einem gefährlichen Unterfangen. Nachts wird der Verkehr weniger, aber nicht unbedingt ruhiger. Die freie Bahn animiert die Fahrer, aufs Gaspedal zu treten und die Straße entlangzupreschen.

"Ich wusste, worauf ich mich einlasse"

An den ständigen Lärm hat sich Kirhoff gewöhnt. Selbst durch die dreifachverglasten Fenster gibt es immer ein konstantes Hintergrundrauschen. Bei geöffneter Haustür hört man kaum sein eigenes Wort. Geschweige denn die Klingel, wenn man sie als Besucher drückt. Für jemanden, der diesen Pegel nicht kennt, ist es nicht leicht zu verstehen, wie man sich damit arrangieren kann. „Ich wusste, worauf ich mich einlasse, als ich hier eingezogen bin“, erzählt Nicola Schuberth. Sie lebt in einer Wohngemeinschaft, die sich ein ganzes Haus an der Reuterstraße teilt. Je höher man die Holztreppe hinaufsteigt, desto leiser wird das Grummeln des Verkehrs. Oben, im zweiten Stock, hat Schuberth fast immer das Fenster geöffnet. „Hier ist die Luft in Ordnung, auch die Autos sind nicht mehr so laut.“ Allerdings würden die alten Fenster mit einfachen Scheiben auch nicht wirklich schützen.

In den Stockwerken darunter gehen die WG-Mitglieder schon ganz anders damit um. Offen sind nur die Fenster zum ruhigen Garten. Sie nehmen diese Einschränkungen aber gerne in Kauf. „Die Mieten sind hier sehr günstig, dafür kriegt man in Bonn sonst keine vernünftige Wohnung“, sagt Lars Snaag. Der 41-Jährige wohnt seit knapp vier Jahren an der Reuterstraße. Wie gesund es ist, direkt an der pulsierenden Verkehrsader zu leben, war nie wirklich ein Thema. Viel wichtiger ist für ihn die zentrale Lage. „Ich bin in wenigen Minuten am Bahnhof und dem Poppelsdorfer Schloss.“ Direkt auf die hohe Luftbelastung angesprochen, gerät er dann dennoch ins Grübeln. „Ewig möchte ich hier vielleicht doch nicht leben.“ So ,wie es schon etlichen anderen erging, die einmal an der Reuterstraße wohnten.