Stadt investiert Millionen

So leben Flüchtlinge in Bonn in Containern

BONN. Die Stadt Bonn hat viele Millionen Euro in Wohncontainer für Flüchtlinge investiert. Die ersten ziehen nun mit mehrmonatiger Verspätung ein. Was später mit den Blechkästen passieren soll, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, ist unklar.

Wohin mit dem Bild? Solomun Gebrihiwet steht ratlos vor der hellgrauen Wand. In der Hand hält er den Kunstdruck einer Wüste, der ihn an seine Heimat Eritrea erinnert. „Nageln dürfen wir bestimmt nicht“, murmelt er zu seinem Freund, der ihm beim Umzug hilft. Der außen weiße Blechcontainer an der Reuterstraße ist von innen mit einer glänzenden, abwaschbaren Plastikschicht überzogen. „Vielleicht darf ich kleben“, sagt der 33-Jährige in gebrochenem Deutsch und legt das Bild beiseite. Er muss sich erst einmal überlegen, wo er seine restlichen Sachen unterbringt. Das 13,1-Quadratmeter-Zimmer ist schon vollgestellt – und er hat noch gar kein Bett.

Gebrihiwet ist wie 80 andere Flüchtlinge vom Paulusheim in das städtische Containerdorf im Reuterpark zwischen Reuterstraße und Hausdorffstraße gezogen. Für 240 Leute ist hier Platz – gemessen an den aktuellen Flüchtlingszahlen viel zu groß. Die nehmen kontinuierlich ab. Lebten 2015 noch 3285 Personen in den Unterkünften der Stadt, sind es aktuell nur rund 2000. Bei weiteren 1171 übernimmt die Stadt die Kosten für die Unterbringung. Bei etwa 3000 Flüchtlingen weiß man nicht, wo sie derzeit leben. Sie könnten für ihre eigene Wohnungen sorgen, bei Verwandten oder Freunden untergekommen sein. Sie sind lediglich in der Stadt gemeldet.

Turnhallen, wie 2015 zu den Hochzeiten der Flüchtlingswelle, werden in Bonn längst nicht mehr als Notunterkünfte genutzt. Auch die ehemalige Poliklinik in der Innenstadt, die die Stadt Bonn beabsichtigt für sozialen Wohnungsbau zu erwerben, wird bald wieder leer sein. Die Knapp 125 Flüchtlinge, die derzeit dort leben, werden in das Containerdorf am Rheinweg (Kessenich) ziehen. In den Containern an der Otto-Hahn-Straße (Buschdorf) wohnt nur ein Bruchteil der möglichen 180 Personen. Die Unterkunft an der Siegburger Straße (Beuel) wird voraussichtlich im Mai fertiggestellt. Alle vier Containerdörfer bieten Platz für etwa 800 Menschen. Und es stellt sich die Frage, was passiert, wenn die Flüchtlingszahlen weiter sinken.

16,4 Millionen Euro hat die Stadt gezwungenermaßen in Container investiert. Zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Dann, als auch alle anderen Kommunen im Zuge der Flüchtlingskrise dringend Wohnraum brauchten. Zeitweise war der Markt so leer gefegt, dass es monatelange Wartezeiten gab – genauso wie bei Betten oder Spinden. Findige Unternehmer machten damit ein gutes Geschäft. Der Preis spielte häufig keine Rolle, weil die Not zu groß war. Nicht nur deutschland-, sonder europaweit kamen die Firmen mit den Bestellungen nicht hinterher. So sind Container aus Italien im Reuterpark gelandet.

Containerdörfer nur vorübergehend Asylbewerberwohnungen

„Für die Nachnutzung gibt es noch keine Pläne. An den meisten Standorten ist aufgrund des fehlenden Planungsrechts eine weitere Wohnnutzung nicht möglich“, sagt Stadtsprecherin Monika Hörig. Planungsrecht heißt: Die Containerdörfer sind nur für die vorübergehende, dreijährige Sondernutzung als Asylbewerberwohnungen genehmigt. Das trifft auf den Reuterpark, den Rheinweg und die Otto-Hahn-Straße zu. Lediglich an der Siegburger Straße wäre es möglich, die Container stehen zu lassen. Dafür muss allerdings eine Nutzungsänderung beschlossen werden, die zum Beispiel studentisches Wohnen einschließt. Das schlug zuletzt die Politik in der Bezirksvertretung Beuel vor.

Aber ob dort wirklich jemand langfristig wohnen will? Solomun Gebrihiwet jedenfalls nicht. Er wäre lieber im Paulusheim geblieben. „Da hatten wir mehr Platz und eigene Toiletten“, erzählt er, während er die mit Paketband zusammengeklebte Matratze auf den Schultern trägt. Jetzt muss er sich die sanitären Anlagen teilen. Zum Glück mit jemandem, den er bereits kennt. Sein Umzugshelfer schüttelt niedergeschlagen den Kopf. Ihm wurde ein Zimmernachbar zugeteilt, den er überhaupt nicht leiden kann. „Außerdem“, fügt Gebrihiwet hinzu, „wird es hier im Sommer sehr heiß“. Denn in der obersten der zwei Etagen knallt die Sonne direkt auf das Dach.

Trotzdem will sich Gebrihiwet nicht beschweren. „Ist alles besser als vorher.“ Schon 2006 flüchtete er aus Eritrea und reiste durch viele afrikanische Staaten. Als Händler finanzierte er sich das Leben und hatte schließlich genug Geld zusammen, um sich einen Platz in einem Schlauchboot von Libyen nach Italien zu erkaufen. „Wir wurden aber von einem Schiff eingesammelt und zurückgebracht.“ Er versuchte es ein zweites Mal und kam tatsächlich an die europäische Küste. „Danach saß ich fest. Durfte nichts machen. Viel Alkohol und Zigaretten.“ Seit drei Jahren lebt er in Bonn, von da an ging es bergauf. Jetzt macht er ein Praktikum in einem Supermarkt. Sein Traum: ein Job und eine eigene Wohnung.

Wo Studenten und Flüchtlinge Container-Nachbarn sind

Was die Nachnutzung angeht, lohnt sich ein Blick ins niedersächsische Lüneburg. Dort vermietet die Stadtverwaltung die Container an Studenten, die mit den Flüchtlingen zusammenleben. Für 160 Personen sind die im Stadtgebiet verteilten Gemeinschaftsunterkünfte als Drei-Zimmer-Wohneinheiten mit Küche und Bad angelegt. 150 Euro warm kostet das etwa 15 Quadratmeter große Zimmer – eine vergleichbare Bleibe würde südlich von Hamburg das Doppelte kosten.

Das Nebeneinander funktioniere gut, so Stadtsprecherin Suzanne Moenck. Die Bewohner spielten zusammen Fußball, würden sich gegenseitig zum Essen einladen. In Lüneburg spricht man von einer „Win-win-win-Situation“: Die Studenten sparen, die Integration wird gefördert und die Stadt muss die Unterkünfte nicht leer stehen lassen. Die Mietverträge sind allerdings auf sechs Monate befristet. Zudem bleiben Wohneinheiten als Reserven frei, falls doch wieder mehr Flüchtlinge als erwartet ankommen. Von der Idee bis zur Umsetzung im Oktober 2016 vergingen gerade einmal anderthalb Monate.

Viele Bonner Ehrenamtliche, die in der Flüchtlingshilfe arbeiten, würden so ein Konzept begrüßen. Aber nicht nur sie kritisieren die Stadt für einen fehlenden, langfristigen Plan. Welcher Frust sich dadurch aufstaut, gab es bei einer öffentlichen Vorstellung des Containerdorfs im Reuterpark zu spüren. Die Stadtverwaltung hatte Anwohner eingeladen, sich ein Bild der Einrichtung zu machen. Am meisten beschäftigte sie die Frage, wie lange das Provisorium stehen bleiben soll. Denn bei der Nutzungsfrist gehen die Meinungen auseinander. Während man im Stadthaus von drei Jahren ab Bezug ausgeht, finden die Anwohner, dass die Uhr seit Baubeginn läuft – und somit nur noch anderthalb Jahre.

Der Sportplatz am Reuterpark ist seitdem eingeschränkt nutzbar. Dort spielten Mannschaften ohne eigenen Verein und somit ohne andere Platzzeiten Fußball. Angesichts der sinkenden Flüchtlingszahlen ist es für einige kaum verständlich, das Containerdorf so lange aufrechtzuerhalten, wenn es ohnehin abgebaut werden muss. Stattdessen bleibt vieles unklar. Wie die Antwort darauf, ob einige Container später als Umkleiden für die Sportler genutzt werden können: „In welcher Weise der Reuterpark – planungsrechtlich teils als Sportfläche, teils als Grünfläche ausgewiesen – im Anschluss genutzt werden wird, ist heute noch nicht bekannt. Eine Spekulation über Umkleiden, die dann möglicherweise erforderlich sind, wäre deshalb verfrüht.“