20 Jahre nach dem Regierungsumzug

So hat sich der UN-Standort Bonn entwickelt

Die begehbare Weltkugel in der Rheinaue war 2017 ein Publikumsmagnet der Weltklimakonferenz.

Die begehbare Weltkugel in der Rheinaue war 2017 ein Publikumsmagnet der Weltklimakonferenz.

Bonn. Nach dem Hauptstadtbeschluss mauserte sich Bonn zum wichtigen Standort der Vereinten Nationen. Heute ist die Bundesstadt auch ein Zentrum der Entwicklungszusammenarbeit.

Mit Spott kennen die Bonner sich aus. Als Bundesdorf wurde die Stadt bezeichnet, als sie zur Hauptstadt wurde. Die abendlichen Unterhaltungsqualitäten wurden mit dem Spruch beschrieben, Bonn sei halb so groß wie der Friedhof von Chicago, aber doppelt so tot. Und als nach dem Umzugsbeschluss in den 90er Jahren der Aufbruch zur UN-Stadt anstand, zog vor allem das Fledermaussekretariat spöttelnde Berichte auf sich: Das kleinste UN-Sekretariat, damals bestehend aus Chef und Sekretärin, siedelte sich 1996 in Bonn an, gemeinsam mit dem Abkommen zum Schutz von Kleinwalen. Bonns UN-Zukunft werde durch Exoten geprägt, lautete die unterschwellige Botschaft, wie soll daraus etwas werden.

Dabei reicht die Bonner UN-Geschichte bis 1951 zurück, als der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge (UNHCR) ein Verbindungsbüro einrichtete. Auch das UN-Abkommen zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten wurde schon 1979 in Bonn unterzeichnet und ist weltweit unter dem Beinamen „Bonner Konvention“ bekannt. 1983 trat sie in Kraft, seit 1984 hat das Sekretariat, getragen vom UN-Umweltprogramm Unep, seinen Sitz in Bonn. Unter dem Dach der Konvention sind auch Regionalabkommen wie das Fledermaus-Abkommen angesiedelt.

In Bonn arbeiten 20 UN-Organisationen

„Sticheleien der Neider“, meint Harald Ganns zum Spott über das Fledermaussekretariat. Denn der eigentliche Coup war Bonn schon 1995 gelungen. Da tagte in Berlin die erste Vertragsstaatenkonferenz der UN-Klimarahmenkonvention unter Vorsitz der damaligen Umweltministerin Angela Merkel und entschied in geheimer Abstimmung über den Sitz des Sekretariats. Im letzten Wahlgang waren nur Bonn und Genf übrig – und zur großen Überraschung machte Bonn das Rennen. Das war der Durchbruch für die Entwicklung zur UN-Stadt: „Ohne diese Entscheidung wäre vermutlich alles anders gekommen“, glaubt Ganns, ehemaliger Botschafter, der nach seiner Pensionierung jahrelang als Verbindungsmann zwischen Auswärtigem Amt und UN tätig war.

Mit einer Handvoll Leuten starteten die UN einst in Bonn, inzwischen sind es 20 UN-Einrichtungen mit knapp 1000 Mitarbeitern. Mancher hochfliegende Wunschtraum erwies sich als illusorisch: Dass das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) von New York an den Rhein ziehen könnte, hielten Insider von vornherein für unrealistisch. Dafür kam, wie das Klimasekretariat im Jahr 1996, das beim UNDP angesiedelte Freiwilligenprogramm UNV, das von Genf nach Bonn zog. 1999 folgte als weitere große UN-Einrichtung das Sekretariat der Wüstenkonvention.

Bärbel Dieckmann kam Schlüsselrolle zu

Eine Schlüsselrolle kam in jenen Jahren, auch wenn das im Schatten des WCCB-Desasters oft verblasst, der damaligen Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann zu. Mehrsprachig, eloquent und charmant setzte sie sich weltweit für die neue Rolle Bonns ein. „Sie war zweifellos eine ganz wichtige Werbefigur für Bonn, die eine überaus positive Rolle gespielt hat“, bilanziert Ganns. Aus UN-Sicht war die Fertigstellung des skandalbehafteten WCCB übrigens ein wichtiger Moment: Die Vereinten Nationen, vor allem das Klimasekretariat, hatten darauf bestanden, dass die Konferenzmöglichkeiten in Bonn ausgeweitet werden. Unverhohlen wurde schon mal die Möglichkeit eines Abzugs des Klimasekretariats ins Spiel gebracht.

Was kam, waren die großen Konferenzen. Gleich mehrfach – 2001, 2002 und 2011 – suchte eine Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg und in Bonn nach Wegen für eine neue Zukunft des Landes am Hindukusch. Die vierte Vertragsstaatenkonferenz (COP – Conference of Parties) der Wüstenkonvention tagte 2000 in Bonn, eine Folgeveranstaltung im Jahr 2001 scheiterte an der mangelnden finanziellen Unterstützung durch die Bundesregierung, wie UNCCD-Chef Hama Arba Diallo damals erklärte.

Dreimal fand eine Weltklimakonferenz in der Stadt am Rhein statt: Den Anfang machte COP 5 im Jahr 1999, und bei der COP 23 kamen im November 2017 in Bonn insgesamt mehr als 22 000 Teilnehmer aus mehr als 190 Ländern zusammen. Die wichtigste aber war COP 6.2 im Jahr 2001, als nach der fehlgeschlagenen Konferenz von Den Haag die internationale Klimapolitik wieder in die Spur gebracht wurde.

„Das wird heute oft vergessen“, erklärt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. „Bonn war der Wendepunkt, ohne den es kein Pariser Abkommen gäbe.“ 2008 sorgte der Bundesumweltminister Sigmar Gabriel dafür, dass die Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention für biologische Vielfalt in Bonn und nicht in Berlin stattfand. Die vielen kleineren Konferenzen, die am UN- und Entwicklungsstandort Bonn stattfinden, lassen sich kaum aufzählen.

Was noch fehlt: ein Gaststaatgesetz

Dass Bonn auch als Standort der Entwicklungspolitik auf Wachstumskurs ist, lässt sich an der B 9 ablesen. Dort entsteht neben der Bonner Zentrale der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Erweiterungsbau, der im Frühjahr eingeweiht werden soll. Sitz der GIZ ist sowohl Bonn als auch Eschborn, einst Hauptsitz der GTZ. 2011 mit 785 Mitarbeitern in Bonn gestartet, ist die GIZ hier inzwischen auf mehr als 1220 Mitarbeiter gewachsen.

Dazu kommen Einrichtungen wie das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik, ein weltweit renommierter Think Tank, der 2000 von der Spree an den Rhein zog, das Zentrum für Entwicklungsforschung an der Uni oder das Friedensforschungsinstitut Bonn International Center for Conversion. „Bonn ist die nationale und internationale Schaltstelle und Denkfabrik für Entwicklungszusammenarbeit“, stellte Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär im Entwicklungsministerium, 2013 fest – verbunden mit Kritik am damals angekündigten Umzug des Verbandes Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe nach Berlin.

Der Sog nach Berlin ist stark

„Für viele Akteure, die politisch aktiv sind, ist der Sog nach Berlin stark“, erklärt Christoph Bals. Auch Germanwatch hat seit 2001 ein Büro in Berlin, ist mit der Mehrzahl seiner rund 50 Mitarbeiter aber weiter in Bonn vertreten. Bonn sei ein guter Standort für Nichtregierungsorganisationen, nicht nur wegen der vielen entwicklungspolitischen und UN-Einrichtungen: „Die Nähe zur Industrie in NRW und vor allem zur EU-Stadt Brüssel sind für uns ein starker Pluspunkt.“

Wie viele Nichtregierungsorganisationen ihren Sitz in Bonn und Umgebung haben, ist schwer zu beziffern. Die Stadt Bonn spricht von 150 internationalen und international arbeitenden Institutionen und Organisationen, zählt dazu aber neben Schwergewichten wie Welthungerhilfe, Care, Help oder Aktion Deutschland Hilft und kleineren Organisationen wie der Indienhilfe Siegburg Prem Sadan auch Ministerien, die Universität oder die Generalzolldirektion. Tatsächlich dürften es rund 120 sein – etwas mehr als das, was in den 90er Jahren geschätzt wurde.

Woran es mangelt, um die Weiterentwicklung Bonns als internationales Zentrum zu erleichtern und international konkurrenzfähiger zu werden, ist ein Gaststaatgesetz, das mögliche Privilegien für internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen festschreibt, damit deren Ansiedlung erleichtert wird und nicht immer wieder Verhandlungen erforderlich sind.

Seit 2014 wird daran gebastelt – im März 2018 hat der Bundesrat auf NRW-Initiative einen Gesetzentwurf eingebracht. Wann sich Bundesregierung und Bundestag abschließend damit befassen, ist offen. Wie entscheidend so ein Gesetz im Konkurrenzkampf um Ansiedlungen sein könnte, haben die Bundesregierung und Bonn schon mehrfach erfahren. 2004 etwa, als um die Ansiedlung eines UN-Sekretariats für Chemikaliensicherheit gerungen wurde, hatte Genf das bessere Angebot und machte das Rennen.

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