Flüchtlinge als neue Nachbarn

So hat die Flüchtlingskrise Bonn verändert

Bonn. Der enorme Zuzug von Flüchtlingen hat Deutschland viel abverlangt. Mittlerweile hat sich die Lage entspannt, aber die Integration bleibt ein Dauerthema für die Gesellschaft. Der GA analysiert den Stand der Dinge am Beispiel der Stadt Bonn.

Es ist ein Freitag, jener 4. September 2015, als Bundeskanzlerin Angela Merkel am späten Abend in Absprache mit ihrem österreichischen Kollegen Werner Faymann die deutschen Grenzen für die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge öffnen lässt. Da hatten sich bereits Tausende aufgemacht, zunächst zu Fuß, dann mit Bussen und Zügen über Österreich in das gelobte Merkel-Land.

Schnell waren es weit mehr als 10.000, die täglich die Grenze passierten. Ende 2015 zählten die Behörden rund eine Million Flüchtlinge in der Bundesrepublik. Da waren in Bonn wie auch in vielen anderen Kommunen die Aufnahmekapazitäten längst ausgeschöpft. Die vielen Menschen, die kamen, stellten die Stadt vor eine gewaltige Herausforderung. Sie brauchten Betreuung, Verpflegung, Sprachunterricht, Bildung für die Kinder – und vor allem erst einmal ein Dach über dem Kopf.

Die Situation spitzte sich immer mehr zu, doch nahezu allen deutschen Gemeinden gelang es, der Ausnahmesituation schnell Rechnung zu tragen. Wie weit der Merkel'sche Anspruch „Wir schaffen das!“ allerdings oft von der Wirklichkeit vor Ort abwich, drückte Rheinbachs Bürgermeister Stefan Raetz (CDU), Sprecher der 19 Bürgermeister im Rhein-Sieg-Kreis, mit einer Metapher aus der Seefahrt aus: „In der Flüchtlingsfrage“, sagte er im Herbst 2015, „ist kein Land in Sicht. Und wir haben eine Lotsin, die uns immer weiter aufs offene Meer führt.“ Gemeint war die Bundeskanzlerin.

Bonn schuf Platz für 1400 zusätzliche Schüler

Bereits Ende 2013 hatte die Stadt Bonn überlegt, Notunterkünfte mit jeweils hundert Plätzen auf dem Gelände der ehemaligen Ermekeilkaserne und der Gallwitz-Kaserne auf dem Hardtberg zu errichten. Dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein würde und in Bonn zwei Jahre später bis zu 4700 Flüchtlinge gleichzeitig einen Platz in einer städtischen Unterkunft benötigten – das hatte damals niemand auf dem Schirm. Zum Jahreswechsel 2013/2014 standen in der Bundesstadt 246 Plätze für Flüchtlinge in Übergangsheimen und städtischen Wohnungen zur Verfügung. Zuvor waren Plätze reduziert worden.

Ein Beispiel ist das frühere Bürogebäude an der Rochusstraße 65 in Duisdorf, das zwischen 1988 und 1999 als Unterkunft für Aussiedler, Asylbewerber und Flüchtlinge vor allem vom kriegsverheerten Balkan diente. Nachdem es nicht mehr als Heim benötigt wurde, ließ der Eigentümer es quasi auf Kosten der Stadt, nämlich gegen eine Abstandszahlung von 400 000 Euro, zurückbauen und vermietete ans Job-Center. Das zog Anfang 2014 in ein größeres Haus. Die Stadt Bonn, aufgrund der steigenden Flüchtlingszahlen immer mehr unter Druck, wollte es zunächst mieten, dann kaufen. Doch der Eigentümer, der nach GA-Informationen mehrere Millionen verlangte, pokerte zu hoch.

Da fügte es sich, dass die Alexianer-Bruderschaft entschied, das Paulusheim in Endenich trotz massiver Proteste der Bewohner als Seniorenpflegeheim aufzugeben. Der Vorschlag, das Haus bis zur Entscheidung über die künftige Nutzung des Geländes als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, war von Mitgliedern der evangelischen Trinitatiskirchengemeinde und der Pfarrei Magdalena in Endenich selbst gekommen, die sich zu einem ökumenischen Arbeitskreis zur Flüchtlingshilfe zusammengeschlossen hatten. Lange bevor das Wort von der Willkommenskultur die Runde machte, sagte die städtische Integrationsbeauftragte Coletta Manemann in der voll besetzten Trinitatiskirche bei einer Informationsveranstaltung zur geplanten Unterbringung von 120 Flüchtlingen im Paulusheim (später sollten dort zeitweise mehr als 300 Menschen wohnen): „Dieses positive Echo in Endenich freut mich sehr.“

Sportler protestierten gegen die Belegung von Turnhallen

Überhaupt war die Stimmung in Bonn, wo im ganzen Stadtgebiet nach und nach neue Flüchtlingseinrichtungen geschaffen werden mussten, überwiegend positiv. Das blieb auch so nach der Silvesternacht 2015/2016, als sich am Kölner Hauptbahnhof Gruppen von Migranten vor allem aus Nordafrika an zahlreichen Frauen sexuell vergingen. Viele Bonner wussten zwischen den Tätern und der friedlichen Mehrzahl der Flüchtlinge sehr wohl zu unterscheiden und zeigten weiterhin enorme Hilfsbereitschaft bei der Versorgung und der Betreuung.

Bettenaufbau in der Turnhalle Holzlar für Flüchtlinge: Bis zum Sommer 2016 musste die Verwaltung auf mehrere solcher Hallen zurückgreifen, um die zugewiesenen Flüchtlinge unterbringen zu können.

Bettenaufbau in der Turnhalle Holzlar für Flüchtlinge: Bis zum Sommer 2016 musste die Verwaltung auf mehrere solcher Hallen zurückgreifen, um die zugewiesenen Flüchtlinge unterbringen zu können.

Es bildeten sich überall weitere freiwillige Helferkreise, wie rund um die Ermekeilkaserne. Dort hatte das Land NRW im Sommer 2015 neben der städtischen Notunterkunft eine Erstaufnahmeeinrichtung eröffnet. Zehn Monate vorher war bereits eine Erstaufnahmeunterkunft in Muffendorf in Betrieb gegangen. In beiden Häusern leben nach wie vor jeweils mehrere hundert Flüchtlinge, die von dort auf Unterkünfte in NRW-Kommunen verteilt werden. Die ehrenamtlichen Helfer richteten vielerorts Kleiderkammern ein, organisieren seither zusätzliche private Sprachkurse, begleiten als Paten die Flüchtlinge zu den Behörden und Ärzten und fungieren als Dolmetscher.

Mehr als tausend zusätzliche Plätze in Kitas und Schulen

Zudem wurden in den Kindergärten und Schulen weit über tausend zusätzliche Plätze für die geflüchteten Kinder und Jugendlichen geschaffen. Um diesen Kraftakt in Ziffern zu verdeutlichen: Für 550 Kinder an Grundschulen und rund 850 Schüler an weiterführenden Schulen richtete die Stadt 69 zusätzliche Klassen ein: 37 Sprachfördergruppen in der Sekundarstufe I und 32 internationale Förderklassen an den Berufskollegs. Doch weil die Flüchtlingszahlen stetig wuchsen, mussten auch noch Hotelzimmer, Pensionen und Ferienwohnungen angemietet werden. Das kostete allein in Bonn laut Presseamt im Zeitraum vom 1. Januar 2015 bis 31. Dezember 2016 – also in der Hochzeit des Flüchtlingsstromes – rund drei Millionen Euro.

Trotzdem sahen sich der wenige Monate zuvor frisch ins Amt gewählte Oberbürgermeister Ashok Sridharan und sein Verwaltungsvorstand Ende 2015 gezwungen – wie ihre Kollegen in der Region auch –, zusätzlich Turnhallen in Notunterkünfte umzuwandeln. Die wohlwollende Stimmung der Bürger gegenüber den Asylsuchenden drohte zu kippen. Anfang 2016, als zu den drei bereits belegten Hallen drei weitere ebenfalls in Notunterkünfte verwandelt werden mussten, versprach Sridharan nach heftiger Auseinandersetzung mit den Sportvereinen: „Die Belegung von Turnhallen mit Flüchtlingen wird die ultima ratio bleiben.“ Allerdings mussten die Hallen da noch einige Monate genutzt werden, andernfalls hätte die Stadt Zelte aufstellen müssen. Das wollte in Bonn niemand.

Hier gibt es die Grafik in der Großansicht als pdf zum Download: Flüchtlinge in Bonn.pdf

Die Lage ist entspannter geworden

Mittlerweile hat sich die Lage entspannt. Nicht zuletzt wegen der beiden Erstaufnahmeneinrichtungen, deren Bewohner auf das Kontingent der Bundesstadt angerechnet wird, sind der Stadt seit vorigem Jahr keine neuen Flüchtlinge mehr zugewiesen worden. Dennoch, die Hände in den Schoß legen kann sie nicht. „Die Aufgaben haben sich geändert. Die Krisensituation ist bewältigt, die Integration steht im Vordergrund“, sagt Sozialdezernentin Caroline Krause. Sollte in den nächsten Monaten ein ähnlicher Ansturm wie 2015 erfolgen, was derzeit wohl eher nicht zu erwarten sei, würde das sicher erneut große Herausforderungen für jede Kommune bedeuten. Aber: „Wir sind bei der Unterbringung und Betreuungssituation besser aufgestellt als vor rund zwei Jahren.“

Neue Containeranlagen im Reuterpark und am Rheinweg für jeweils 240 Personen sowie an der Siegburger Straße (120 Personen) sollen bald fertig werden. Der geplante Standort am Herz-Jesu-Kloster wurde zurückgestellt, weil der Bedarf derzeit nicht gesehen wird. Einzig die Containerbauten in Bonn-Buschdorf sind derzeit mit rund 180 Flüchtlingen belegt. Dazu kommen etliche Wohnheime wie die umgewidmete ehemalige Poliklinik an der Wilhelmstraße. Viele Flüchtlinge konnten aber auch schon in eigene Wohnungen umziehen. Nach Stadtangaben waren das seit Januar 2016 in Bonn 908 Männer, Frauen und Kinder, verteilt auf 460 Haushalte.

Kritik am Bamf bleibt

Um die Arbeit des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Ankunftszentrum in der Ermekeilkaserne gab es von Anfang an Diskussionen. Das Bamf hatte die Registrierungsstelle im Frühjahr 2016 neu eröffnet, um die Asylverfahren schneller abwickeln zu können. Einige Flüchtlinge und Ehrenamtliche beklagten die Umstände, unter denen die Flüchtlinge vorgeladen wurden: Schlechte Übersetzer, kaum Wasser für durstige Kehlen und kein Essen trotz stundenlanger Wartezeiten, die in manchen Fällen nicht einmal zur ersten Befragung führten.

Obwohl das Bamf seit Ende vergangenen Jahres alle Bonner Flüchtlinge zumindest registriert hat, sind aus dem Stadthaus und von Migrationsfachleuten durchaus kritische Worte zu hören. Es fehle weiterhin an Transparenz, heißt es. Ähnlich gelagerte Asylverfahren dauerten in einigen Fällen wenige Wochen, in anderen schon deutlich länger als ein halbes Jahr. Familien schieben Frust, weil sie nicht wissen, ob sie bleiben dürfen. Sie sehen, dass die Nachbarn schon anerkannt sind, obwohl sie später ihre Anträge gestellt haben. Das hemmt auch die Lernwilligkeit in den Sprachkursen. Das Bamf spricht dagegen von einem „zügigen Abbau der anhängigen Verfahren“. Neue Fälle würden binnen zwei Monaten abgearbeitet.

Zum Stichtag 31. Juli 2017 lebten in Bonn 3294 Personen mit Flüchtlingsstatus und weitere 1079 mit dem sogenannten subsidiärem Schutz, der im Moment keinen Familiennachzug erlaubt. Nach Auskunft der Stadt befinden sich zudem derzeit 2120 Menschen im Asylverfahren. Den Asylstatus zuerkannt hatten Ende Juli 155 Menschen. Rund 320 dürfen bleiben, weil es Abschiebehindernisse gibt. Insgesamt leben also laut Stadt etwa 6800 Personen in Bonn, die aus humanitären Gründen zugewandert sind. Im Asylverfahren offiziell zugewiesen wurden seit Anfang 2014 bis zum Juli 5573 Flüchtlinge; dazu kamen aber weitere, die sich auf eigene Faust nach Bonn durchschlugen.

Wie weit trägt die Willkommenskultur?

Seit Anfang 2014 sind 352 Migranten abgeschoben worden. 850 seien nach Beratungen zu Förderprogrammen freiwillig in ihre Heimatländer zurückgekehrt, erklärt die Stadt. Darunter viele Albaner und Mazedonier, die ohnehin wenig Aussichten auf ein erfolgreiches Asylverfahren haben.

Doch wie geht es nun weiter? Wie beständig ist das Türkeiabkommen, was tut sich auf dem Mittelmeer, und wie wird sich die Bundesregierung im Krisenfall tatsächlich verhalten? Für niemanden ist absehbar, wie sich der Zustrom aus dem Nahen Osten, aus Vorderasien und Nordafrika mittel- und langfristig auf das Gefüge einer Stadt wie Bonn auswirken wird. Bereits vor einem Jahr wurde deutlich, dass sich Sprachkurse, Kleiderspenden, ehrenamtliche Betreuung, Essensausgaben und vieles mehr in der bewiesenen Intensität nicht ewig aufrecht erhalten lassen. Und wie weit trägt die Willkommenskultur, wenn in einem Stadtteil überdurchschnittlich viele Flüchtlinge untergebracht werden?

Auf dieses Spannungsverhältnis hatte Oberbürgermeister Ashok Sridharan bereits im November 2015 auf einem Symposium der Bürgerstiftung Rheinviertel in Bad Godesberg hingewiesen. Wenn man mit der Flüchtlingshilfe bestehende Strukturen der Daseinsvorsorge beschneide, so der OB seinerzeit sinngemäß, laufe man Gefahr, dass die Stimmung in der Bevölkerung kippt. Das ist bisher nicht geschehen.

Herausforderung kommt noch

Die eigentliche Herausforderung, das wissen alle Beteiligten, kommt erst nach der Nothilfe. Aus Flüchtlingen werden Bürger, wenn sie die Sprache beherrschen, einen Job finden oder sich beruflich qualifizieren können, eine eigene Wohnung haben, am Freizeitleben der Gesellschaft teilnehmen. Doch die Realität sieht manchmal anders aus. Gerade in gefragten Wohnstädten wie Bonn ist es für Zuwanderer schwer, eine Bleibe zu finden – erst recht außerhalb von Stadtvierteln, in denen ohnehin schon viele Migranten leben. In den Sprach- und Integrationskursen läuft es keineswegs immer rund. Und auch das Vermitteln von Jobs an die Geflüchteten ist in der Praxis doch oft viel schwieriger, als sich das mancher Unternehmer noch vor einem Jahr vorgestellt haben mag.

Es gibt sie aber trotzdem, die großen und kleinen Erfolgsgeschichten. So wie die von den Kiwans. Mit 27 Frauen, Männern und Kindern flüchtete die syrische Familie vor dem Kriegsgrauen in ihrer Heimat. Dutzende Helfer und Spender ermöglichten den Syrern, in Bonn Schutz zu finden. Jetzt beginnen die Kiwans, sich auf eigene Füße zu stellen: Im Ortsteil Brüser Berg haben sie vor wenigen Tagen einen eigenen orientalischen Feinkostladen eröffnet.

Alle bisherigen Folgen der Serie gibt es im Internet unter www.ga-bonn.de/neuenachbarn