"Wenn Alkohol fließt, steigt auch das Gewaltpotenzial"

So haben Bonns "Aufpasser" Weiberfastnacht erlebt

Beuel. Wenn Tausende Bonner feiern, sind Stadtwerke, Ordnungsamt, Rettungsdienste und Polizei rund um die Uhr im Einsatz. Wir haben Bonns „Aufpasser“ an Weiberfastnacht begleitet.

Auf dem Boden rollen klirrend die Glasflaschen durcheinander, es riecht nach Alkohol. Mehrere Dutzend Jugendliche grölen lauthals „Nie mehr Fastelovend“ durch die Straßenbahn. Zum Takt hämmern einige Passagiere mit den Fäusten gegen die Decke. An einer Haltestelle fliegen leere Flaschen aus dem Fenster. Dieses Bild bietet sich Fahrgästen, die an Weiberfastnacht um 11 Uhr mit der Linie 66 von Bonn über Beuel nach Siegburg wollen.

„Das Anfahren an die Haltestelle ist das Gefährlichste“, erklärt Bahnfahrer Paul Ohoven. Wenn sich die Feiernden so dicht auf dem Bahnsteig drängen, könne es schnell passieren, dass jemand angerempelt wird und auf die Gleise stürzt. Daher stehen an den Karnevalstagen insgesamt etwa 30 Servicemitarbeiter der Stadtwerke an den Haltestellen, um Ein- und Ausstieg zu koordinieren.

Doch nicht immer können die aufmerksamen Mitarbeiter Schlimmeres verhindern: Ein 18-Jähriger aus Weilerswist ist am Donnerstagabend in Brühl von einer Straßenbahn der Linie 18 überrollt und dabei getötet worden.

Ohoven ist seit 33 Jahren bei den Stadtwerken und hat schon unzählige Fahrten an Karneval hinter sich. Für ihn ist die Strecke Bonn – Siegburg und zurück die letzte Fahrt seiner Schicht, seit 3.20 Uhr ist er im Einsatz. Über einen Monitor in der Fahrerkabine kann er sich die Aufnahmen der acht Überwachungskameras ansehen.

Volle Konzentration

Darauf hat er erkannt, dass ein Fahrgast eine Lampenverkleidung abgerissen hatte. Ohoven muss in einem solchen Fall abschätzen, ob der Schaden sofort behoben werden muss, weil sich Fahrgäste eventuell daran verletzen könnten. In diesem Fall reicht eine Reparatur nach Fahrtende.

An der Haltestelle „Vilich, Adelheidisstraße“ muss Ohoven eingreifen, weil die Jecken zu nah an den Türen stehen. „Wenn Sie jetzt noch die Türen freimachen, dann können wir auch weiterfahren“, fordert er per Durchsage auf. Nach wenigen Sekunden geht die Fahrt weiter. „Das Wichtigste ist, dass die Menschen sicher ans Ziel kommen“, sagt SWB-Sprecher Werner Schui.

Am Konrad-Adenauer-Platz stehen die Feiernden dicht gedrängt am Bahnsteig, einige Fußgänger wechseln noch schnell die Straßenseite. Auch hier muss Ohoven noch mal per Durchsage die Türen freimachen. Mehr als 2800 Menschen sind beim Weiberfastnachtszug in Beuel mitgelaufen.

Auch in der Leitstelle der Stadtwerke an der Thomas-Mann-Straße herrscht Konzentration. Hier koordinieren die Fahrdienstleiter den Bus- und Bahnverkehr.

Für den Beueler Zug mussten Bahnlinien unterbrochen und Busse umgeleitet werden. „Aufwendig wird es, wenn die Oberleitungen abgeschaltet werden müssen“, erklärt Schui. Bis auf einige Verspätungen durch die Umleitungen sei die Lage aber bis Mittag ruhig.

Kamelle im Tausch gegen Alkohol

Ähnlich schätzt auch der Leiter der Polizeiwache Ramersdorf, Gerd Peter, die Lage am Mittag rund um das Beueler Rathaus und entlang des Rheinufers ein. Der Hauptkommissar ist zusammen mit mehr als 100 Kollegen, unter anderem aus Aachen und Duisburg, in Beuel im Einsatz. Um 8 Uhr war Dienstbeginn.

„Wir haben ein besonderes Augenmerk auf das Thema Alkohol und Jugendliche“, sagt Peter. Die versammeln sich vornehmlich am Rhein. Zusammen mit Hauptkommissar Klaus Hirschberger geht Peter die Punkte ab und mustert die Gruppen. „Wenn Alkohol fließt, steigt auch das Gewaltpotenzial“, erklärt er.

Bisher mussten die Kollegen nicht eingreifen, dennoch bleiben sie wachsam. Zwei Einsatzwagen mit jeweils fünf Beamten stehen am Chinaschiff und der Rheinlust. Hier hat auch der „Bonner Event Sprinter“ Halt gemacht, ein Informationsstand der Ambulanten Suchthilfe und der Stadt, an dem Jugendliche Alkohol und Zigaretten gegen Handschuhe oder Süßigkeiten tauschen können.

Bei den Minusgraden gibt dann sogar der eine oder andere seine Flasche gerne ab. Stand der Tauschaktion um 13 Uhr: 14 Liter Alkohol, 73 Klopfer und 40 Zigaretten.

Während die rund 500 eingesetzten Kräfte der Bonner Polizei an Weiberfastnacht insgesamt also mit dem üblichen „regen Einsatzaufkommen“ konfrontiert waren, und die Jecken überwiegend friedlich feierten, kam es am frühen Abend in Beuel zu einem Sexualdelikt.

Einsätze bis Mitternacht

Im Inneren des Brückenkopfes unterhalb der Kennedybrücke, haben die Rettungsdienste von Malteser, Johanniter, Arbeiter-Samariter-Bund und dem Deutschen Roten Kreuz eine Unfallhilfestelle eingerichtet. „Die ganzen Hilfsdienste sind ehrenamtlich hier“, erklärt Gerd Mainzer, Stadtbeauftragter der Malteser. Die Helfer stellen sich für den Nachmittag auf mehr Einsätze ein: Übermäßiger Alkoholkonsum oder Schnittverletzungen durch Glasflaschen.

Für Peter und Hirschberger steht um 14 Uhr die Einweisung neuer Einsatzkräfte an. Dann werden die Standpunkte rund um den Rhein noch einmal verstärkt. Wichtig sei, Präsenz zu zeigen, so Peter. Bis Mitternacht wird er an diesem Tag im Einsatz sein.