Jan Loh

So erlebten Bonner den "Alle-mal-malen-Mann"

Bonn. Über viele Jahre hat Jan Loh unzählige Bilder gezeichnet. Mit diesen leben auch die Erinnerungen und Anekdoten wieder auf. Wir haben einige zusammengetragen, die uns schmunzeln und trauern lassen - und vielleicht auch nachdenklich machen.

Nach dem Tod des "Alle-mal-malen-Manns" lebt die Erinnerung an Bonns bekanntesten Stadtmaler weiter. Über viele Jahre hat Jan Loh ungezählte Bilder gezeichnet. Sie erinnern an Erlebnisse und Anekdoten, die bei seinen Touren durch Kneipen und Biergärten entstanden sind.

Auch in der Redaktion löste die Nachricht, dass der 86-Jährige am vergangenen Donnerstag gestorben war, eine gewisse Traurigkeit aus. Viele Mitarbeiter haben Loh selbst erlebt, wurden von ihm gezeichnet oder haben mit ihm schon längere Gespräche geführt. Ein paar Erinnerungen:

GA-Redakteur Philipp König erinnert sich an sein erstes Treffen mit dem Künstler:

Dem "Alle-mal-malen-Mann" muss ich im zarten Alter von 16 Jahren das erste Mal begegnet sein. Das ist nun mehr als zwei Jahrzehnte her. Man kann sagen, dass ich sein ganzes Arbeitsleben als Künstler immer wieder auf ihn gestoßen bin. Die wilden Jahre als Teenager können von unsteter Natur sein, Jan Loh dagegen war von steter Natur. Er war immer da. An manchen Abenden begegneten wir uns drei Mal in unterschiedlichen Kneipen oder Biergärten. Er trank nur selten etwas, er war schließlich gekommen, um zu arbeiten. Schier unermüdlich. Sein Portfolio als Dienstleister war immens. Das Malen stand sicher an erster Stelle. Aber er las auch aus der Hand oder aus dem, was sich gerade anbot.

Nichts und alles von dem, was er aus den Lebensadern herauszulesen vermochte, war wahr. Im Studentenalter prophezeite er mir, ich würde später einmal drei Kinder bekommen. Zwei habe ich mittlerweile, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Jan Loh am Ende nicht Recht behielte. Das Erstaunliche an diesem Mann, der übrigens mit den Jahren durchaus launischer und grummeliger wurde, waren sein Pflichtbewusstsein und seine Zähigkeit. Wie oft schwang er sich trotz Erkältung auf sein Fahrrad und fuhr, mit schwerer Tasche bepackt, seine Stationen ab? Einmal begrüßte ich ihn mit den Worten: "Wir haben schon auf dich gewartet." Und Loh zitierte "Mundharmonika" aus dem Western "Spiel mir das Lied vom Tod": "Irgendeiner wartet immer." Es ist ein Jammer, dass man künftig vergeblich auf ihn warten wird.

 

Ein unerhörter Vorschlag

GA-Redakteurin Tina Stommel zog einst den Ärger des "Alle-mal-malen-Manns" auf sich:

Er war, na ja – in seiner Art verwandt mit dem kölschen Köbes: So wie der einem aber so richtig pampig kommen kann, wenn man statt mehreren schnellen Kölsch so etwas Unartiges wie eine Tasse Kaffee haben will, so konnte auch Loh richtig ruppig werden, wenn auf seine klare Angebotsdefinition „Mal malen“ nicht ein klares Ja kam – oder auch ein Nein, dann zog er eben weiter.

Nun ist es so: Nach mehreren Fast-Porträtsitzungen für Loh in den Kneipen der Altstadt wollte ich irgendwann mal anders: Im Pawlow in der Altstadt stand Loh vor mir, murmelte mit diesem irgendwie nie so ganz auf sein „Opfer“, irgendwie immer ein Stück weit in sein eigenes Inneres  fokussierten Blick seine „Alle mal malen“-Satz durch den Kneipendunst hindurch zu mir  - und ich sagte: „Ja. Ich. Sie!“ und zückte Kugelschreiber und Bierdeckel. Da guckte er mich an, finster wie der Köbes angesichts einer Cappuccino-Order, und sagte: „Ne, ne, das mache ja ich.“ – „Okay“, sagte ich, „Sie malen – und ich male.“ – „Ne, ne“, sagte er wieder und ärgerlich ruckte er Richtung nächsten Kneipentisch.

Ich fing an zu kritzeln: Loh von hinten. Er drehte sich um, sah kurz, wie mein Stift über die runde Pappe flitzte, brummelte und ging. Die Deckelzeichnung habe ich nicht mehr. Aber seit meinem unerhörten Vorschlag hatte er mich eine Weile im Kopf, guckte mich, wen wir uns mal wieder begegneten in der Altstadt, schräg an, murmelte etwas, was ich nicht verstand und wohl auch nicht verstehen sollte – und ließ mich längere Zeit als potentielle Porträtkandidatin aus. Dann vergaß er den Vorfall irgendwann. Ich nicht. Aber ich ließ ihn noch ein paarmal alle mal und mich malen und hielt mich mit weiteren Überraschungsreaktionen höflich zurück.

 

Ein Bild nach einer anstrengenden Schicht

GA-Redakteur Simon Bartsch lernte Jan Loh nach einer anstrengenden Nachtschicht kennen:

Vor gut 15 Jahren hatte ich meine erste bewusste Begegnung mit Jan Loh. Nach einer anstrengenden Schicht als Barkeeper einer Bonner Kneipe, saßen wir mit der Belegschaft im Bellini auf ein Feierabendbier zusammen, als der „Alle-mal-malen-Mann“ an unseren Tisch trat. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, geschweige denn von ihm gehört. Und um ehrlich zu sein, nervte er mich nach diesen zwölf Stunden Arbeit. Auf der anderen Seite weckte Loh eine seltsame Form Mitleid in mir, wie er mühsam versuchte, sich ein paar Euro dazuzuverdienen. Natürlich war mir klar, dass seine Bilder nicht besser als am Montmatre sein könnten und auch nicht irgendwann mal ein Vermögen wert sein würden. Und doch ließen wir uns von ihm malen. Als Loh-Neuling war ich tatsächlich ein wenig über das Werk enttäuscht.

Erst in den folgenden Jahren ist mir bewusst geworden, welchen Stellenwert Loh für viele Bonner hatte. Er war eine Institution des Bonner Nachtlebens. Umso schöner, dass ich ihn für eine Reportage 2015 eine ganze Nacht lang begleiten durfte. An diesem Abend lernte ich den Menschen hinter dem Künstler kennen. Loh war nachdenklich, wehmütig, vielleicht gebrochen, sicherlich sehr einsam. Zumindest fühlte er sich so. Dabei hat ihn eine ganze Stadt geliebt. Er wollte auf keinen Fall über private Dinge sprechen, lieber über aktuelle Themen philosophieren. Er war mir auf seine kautzige Art sehr sympathisch. Nie um eine Antwort oder Ausrede verlegen. Ob er sich die Welt schön redete oder nur negative Dinge ausblendete, kann ich nicht sagen. Seinen wehmütigen, einsamen Blick auf den Rhein an diesem Abend werde ich nie vergessen! 

 

Mit dem Fahrrad über rote Ampeln

GA-Redakteur Andreas Dyck erinnert sich an eine ganz besondere Radtour mit Jan Loh durch die Bonner Nacht:

Soweit ich auch an meine Kneipenabende zurückdenke, Jan Loh war immer da. Mit seinen vielen Tausenden Bildern, die er an ungezählten Abenden zeichnete, hat er sich in Bonn ein Lebenswerk geschaffen. Nun ist er fort und hinterlässt eine Lücke. Unvergessen bleiben wird mir ein Abend mit ihm. Gemeinsam radelten wir für Fotoaufnahmen durch eine laue Sommernacht, er auf seinem viel zu kleinen klapprigen Fahrrad. Irgendwie zerbrechlich sah er darauf aus, wenn er stoisch seine Runde drehte. Grüße und Zurufe nahm er mit einem leisen Knurren entgegen. Nur ein kleines Lächeln verriet, dass Loh seine Bekanntheit durchaus genoß. Häufig verwies er auf seine Fans im Internet. Ein Ort, der ihm weitgehend fremd war. Stolz schwang dann mit.

Um rote Ampeln scherte er sich wenig und forderte mich auf, sie wenn möglich zu ignorieren. "Die Deutschen sind ein merkwürdiges Volk", sagte er. "Die würden auch an einer Ampel halten, wenn man sie durch eine leere Wüste schickt." Er war wohl ein Einzelgänger, ein Querdenker, vielleicht auch ein Querulant. Doch obwohl er seinen Mitmenschen fremd blieb, war er auch eins: ein Stück Heimat.

Über die Erinnerungen der GA-Redakteure hinaus haben uns zahlreiche Zuschriften erreicht, die an die Zeit mit dem "Alle-mal-malen-Mann" erinnern. Eine kleine Auswahl:

Im Trauerportal des General-Anzeigers kann kostenlos eine Beileidsbekundung für den "Alle-mal-malen-Mann" hinterlassen werden. Bei der Traueranzeige zu Jan Loh geht das im Menü bei "Kerze entzünden".