Arbeiterwohlfahrt Die Awo in Bonn/Rhein-Sieg

So arbeitet die Awo in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis

Bonn. Die Arbeiterwohlfahrt trat 1919 an, um für Solidarität und Vielfalt zu kämpfen. Ebba Hagenberg-Miliu sprach mit Geschäftsführer Franz-Josef Windisch und dem Vorsitzenden Heinz-Willi Schäfer über Aufgaben der Zukunft.

Welche gesellschaftlichen Probleme sind in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis am drängendsten?

Heinz-Willi Schäfer: Das sind besonders Wohnungsnot, Alters- und Familienarmut. Wir weisen seit vielen Jahren darauf hin und tragen dazu bei, Lösungen zu finden. Wie viele Menschen von Armut betroffen sind, sehen wir täglich in den Kleiderstuben in Duisdorf und Beuel oder bei den Lebensmittel-Tafeln in Bad Honnef, Hennef, Königswinter und Much.

Franz-Josef Windisch: Nehmen wir etwa die Wohnungsnot. Unser ureigenes Klientel sind die Leute, die wenig verdienen, und diejenigen, die mit einem Handicap leben. Aber aktuell haben sogar Normalverdiener große Schwierigkeiten, in Bonn eine bezahlbare Wohnung zu finden. Das bedeutet, dass diese Menschen künftig nicht mehr in Bonn wohnen können. Über die Auswirkungen kann man sich gar nicht genug Gedanken machen.

Welche Konsequenzen müsste man daraus ziehen?

Windisch: Wir fordern mit den anderen Partnern im Bündnis Wohnen für Bonn, dass es viel mehr öffentlich geförderten Wohnungsbau geben muss. Inzwischen hat auch in Bonn und der Region ein großer Teil der Bevölkerung einen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein. Doch was fehlt, sind entsprechende Wohnungen.

Sie haben auch schon selbst sozialen Wohnraum geschaffen?

Windisch: Richtig. Zum Beispiel 2012 für 54 Senioren mit Wohnberechtigungsschein in Siegburg. Das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber wir wollten ein Zeichen setzen, dass die Awo nicht nur politische Forderungen erhebt, sondern auch selbst hilft. Wir merken die Dringlichkeit aber auch bei von uns betreuten psychisch Kranken. Unser Anliegen in der Eingliederungshilfe ist, sie wieder ans normale Arbeitsleben heranzuführen. Und wenn wir das geschafft haben, sind für sie in ihrer gewohnten Umgebung keine adäquaten Wohnungen zu finden.

Schäfer: Und dann wird das zu einem Problem der Teilhabe. Die Betroffenen fühlen sich in einem neuen Umfeld an den Rand gedrängt. Ihnen trotzdem zu helfen, daran arbeiten wir auch mit unseren 27 Ortsvereinen.

Kommen wir zu Ihren Beratungsangeboten...

Schäfer: Auch hier zeigt sich: Armut und mangelnder Wohnraum machen immer mehr Menschen zu schaffen. Wir hören das in der Sozialberatung in Godesberg und Siegburg, bei der Schwangerschaftskonfliktberatung in Godesberg, wo es auch darum geht, ob Familien sich überhaupt Kinder leisten können, bei der Wohnraumberatung in Siegburg oder der Seniorenberatung in Beuel.

„Arm sein in einer reichen Stadt“ heißt eine Ihrer Jubiläumsveranstaltungen. Ist das Zitat nicht skandalös?

Windisch: Aber eben Realität. In unserem Einzugsbereich liegen Städte mit sehr hohem Pro-Kopf-Einkommen. Trotzdem müssen auch unsere Tafeln Menschen Zugang zu Lebensmitteln verschaffen. Da stellen wir uns aber auch die Frage: Ist das der richtige Weg?

Hat die Awo nicht mal mit Suppenküchen angefangen?

Windisch: Ja, im Gründungsjahr 1919. Auf den ersten Blick sind wir an dieser Stelle heute nicht viel weitergekommen. Aber es hat sich im Sozialsystem viel verändert. Die Gesetzgebung hat sich entwickelt, auch dank der Awo. Ich erinnere nur an eine Forderung unserer Gründerin Marie Juchacz: Man soll den Leuten keine Almosen, sondern verbriefte Rechte geben. Als Almosenempfänger nehme ich diese Rechte jedoch nicht wahr. Da kann man schon Projekte wie die Tafeln kritisch beleuchten.

Schäfer: Zur Tafel kommen mit dem dafür nötigen Berechtigungsschein des Sozialamts nur diejenigen, die sich trauen. Ich habe kürzlich eine ältere, recht gut gekleidete Dame beobachtet, wie sie Müllsäcke der Tafel offenbar nach Essbarem durchsuchte. Unsere Ehrenamtler vor Ort sagten, diese Seniorin schäme sich einfach zuzugeben, wie schlecht es ihr wirklich geht.

Sie kümmern sich auch um die Integration von Flüchtlingen?

Windisch: Na klar, da engagieren wir uns intensiv. Wir betreiben von Bad Godesberg aus seit Jahren erfolgreich unseren Fachdienst für Migration und Integration mit seinem Jugendmigrationsdienst sowie dem Angebot für erwachsene Migranten. Wir bieten inzwischen auch eine zweite Integrationsagentur in Pennenfeld, also in einem Ortsteil, den wir gerne zu stabilisieren helfen.

Ein Awo-Schwerpunkt ist auch die Arbeit in Familienzentren und Kindertagesstätten (Kitas).

Windisch: Auch hier sind wir stolz, dass wir ein anerkannter Träger sind und trotz des aktuellen Fachkräftemangels die Arbeit in allen 17 Einrichtungen stemmen. Was eine enorme Herausforderung bedeutet. Man hat uns vor einigen Jahren die Internationale Kita im UN-Campus anvertraut. Diese bilinguale deutsch- und englischsprachige Einrichtung mit 120 Plätzen ist ein Mosaikstein unter unseren verschiedenartigen Angeboten. Ein anderer ist die Arbeit etwa in der Godesberger Kita „Papatya“ mit 95 Prozent Migrationsanteil. Oder in Kitas wie der „Villa W.i.E.“ in der Bonner Südstadt.

Wie sehen Sie die Arbeit als regional großer Anbieter von Offenen Ganztagsschulen (OGS)?

Windisch: Wir betreuen in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis an die 5000 Kinder. Auch hier brauchen einkommensschwache Familien Hilfe. Etwa dabei, Fördermittel, die ihnen zustehen, überhaupt zu beantragen. Als Awo ist es unsere Aufgabe, Menschen in Not beizustehen. Wir wollen aber auch, dass sich etwas ändert.

Was kann die Awo politisch bewegen?

Windisch: Unser Auftrag ist seit unserer Gründung, Menschen Teilhaberechte zu schaffen – da sind die Herausforderungen unverändert groß, politischer geht es kaum. Wir arbeiten mit am Runden Tisch Kinder- und Familienarmut in Bonn, um die nötigen politischen Forderungen zu stellen. Wir sind auch im Bundesverband föderativ aufgestellt.

Wie steht die Awo Bonn/Rhein-Sieg finanziell da?

Windisch: Unsere Besonderheit ist, dass wir keine Kirchensteuer in Anspruch nehmen (lacht). Jeder ausgegebene Euro muss erst einmal verdient werden. Das Spendenaufkommen hält sich sehr in Grenzen. Wir müssen in jeder Hinsicht wirtschaftlich arbeiten und beispielsweise im Bereich des Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) versuchen, von dem Geld, das uns zugesprochen wird, zu existieren. Das wird allerdings zunehmend schwierig.

Schäfer: Wir hoffen, dass die geplanten gesetzlichen Änderungen im Kita-Bereich dazu führen, dass mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden. Unseres Erachtens müssten gerade die Entlohnung und damit die gesellschaftliche Anerkennung der Kita-Mitarbeiter höher werden.

Verdi befindet sich in einer Tarifauseinandersetzung mit der Awo und hat für diesen Dienstag zu ganztägigen Warnstreiks in Einrichtungen in NRW aufgerufen. Welche betrifft das?

Windisch: Wir wissen, dass in Bonn und im Kreis von unseren 17 Kindertagesstätten vier bestreikt werden. In Bonn ist darunter die Kita Papatya. Uns ist nicht bekannt, dass der Streik in Bonn und im Kreis andere Awo-Einrichtungen betreffen wird.

Wo geht’s mit der Awo in den nächsten 100 Jahren hin?

Windisch: Wir werden unsere Stärken pflegen. Vor allem die Eingliederungshilfe und die unterstützenden Maßnahmen für Behinderte. Die Arbeit in den Kitas ist sehr wichtig. Auch im OGS-Bereich sind wir für weitere Herausforderungen sehr gut aufgestellt.

Schäfer: Alles das ist unser unternehmerisches Standbein. Wir haben aber auch ein ehrenamtliches Standbein mit rund 700 aktiven Helfern. Für die Zukunft sehe ich hohen Bedarf, dass wir genau hier viele Menschen brauchen. Gerade in ländlichen Gebieten decken wir die Begleitung von Senioren, die in ihren vier Wänden bleiben wollen, ehrenamtlich ab – Herausforderung und Chance zugleich.