Quote wieder verfehlt

Skepsis bei Masernimpfung in Bonn besonders hoch

Bonn. Der Bonner Mediziner Max Baur spürt dem schlechten Ruf der Prävention nach. Sein Kollege Michael Lentze, der bis 2012 die Bonner Kinderklinik leitete, empfehlt, die Impfung als Bedingung an den Eintritt in Kindergarten und Schule zu koppeln.

Nordrhein-Westfalen hat einen traurigen Meistertitel errungen: 2017 verzeichnete kein anderes Bundesland so viele Masernerkrankungen. Mit 520 Fällen infizierte sich mehr als die Hälfte aller bundesdeutschen Masernpatienten in NRW. Dabei könnte das Virus durch eine höhere Impfquote gänzlich ausgerottet werden, wie es mit anderen Viren bereits gelungen ist. Doch Vorbehalte gegen Impfungen halten sich hartnäckig, nicht nur in Nordrhein-Westfalen.

Professor Max Baur, langjähriger Lehrstuhlinhaber und Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, ist bei den Studenten berüchtigt für seine Übersichtsreferate. Gleichzeitig hat er in den vergangenen 32 Jahren die Bonner Wissenschaftsszene der Medizin und Epidemiologie mit geprägt. Bei seiner Jubiläumsrede zum 200. Geburtstag der Uni Bonn hatte er ein ernstes Thema mit im Gepäck, eine Erfindung, die sogar noch ein wenig älter als die Uni Bonn ist: „Max, red doch bitte mal über das Impfen“, hätte ihn Michael Lentze, der 22 Jahre lang die Bonner Kinderklinik leitete, eindringlich gebeten.

Dieser Bitte kam Baur nach. Als medizinischer Biometriker wollte er demonstrieren, dass der Mensch zwar ein intuitives Verständnis von Wahrscheinlichkeit hat, dieses ihn aber auch hinters Licht führen kann. Denn lediglich bei fünf bis 15 Prozent der Geimpften treten die sogenannten Impfmasern als Nebenwirkung auf. Diese sind eine milde, nicht ansteckende und selbstlimitierende Form der eigentlichen Infektionskrankheit. Die Spätkomplikationen der voll ausgeprägten Masern hingegen können noch nach sieben Jahren tödlich enden, wie 2017 bei einer 37-jährigen Essenerin.

Baur ist psychologisch an die Impffrage herangegangen: „Risiken, die wir uns selbst zuführen, wie durch schlechte Ernährung oder Rauchen, unterschätzen wir nur zu gerne.“ So erklärt er die Wahrnehmungsverzerrung. Die von außen induzierten Risiken hingegen, wie die der Kernkraft oder der Impfung, würden generell überschätzt. „Ein Arzt, der Krankheiten heilt, ist ein Held. Aber einer, der sie durch Prävention verhindert, ist ein Spielverderber“, resümiert Baur. Oder noch ein wenig dramatischer: „Es gibt keinen Ruhm in der Prävention.“

Extrem risikoängstliche Gesellschaft

Wegen dieses schwachen Rufs der Impfung hat die Landesregierung auf Antrag der CDU und FDP im Mai dieses Jahres lokale Werbekampagnen für Nordrhein-Westfalen beschlossen. Die vom Robert-Koch-Institut empfohlene Impfquote von 95 Prozent wurde wieder verfehlt, so die Daten des Instituts. Diese sind indes nicht vollständig, denn bei fast jedem zehnten Kind legten die Eltern zur Einschulung keinen Impfausweis vor. Ob diese Eltern aber Impfgegner sind oder sich nur von den Behörden bevormundet fühlen, ist nicht bekannt.

Sicher ist: Die Bonner Impfquote liegt stets knapp unter dem Landesdurchschnitt, die des Rhein-Sieg-Kreises laut Landeszentrum Gesundheit in den vergangenen Jahren sogar fast zehn Prozentpunkte unter dem NRW-Durchschnitt. Die neuen Bundesländer haben tendenziell – mit Ausnahme von Sachsen – höhere Impfquoten als die alten Bundesländer. „Eltern kennen die Gefahr durch Masern nicht mehr, weil sie hier schon so selten geworden sind“, sagt Michael Lentze, der bis 2012 die Bonner Kinderklinik leitete. „Wir blasen seit 30 Jahren alle ins selbe Horn, aber vergebens.“ Lentze würde eine Impfpflicht sofort befürworten und sogar empfehlen, die Impfung als Bedingung an den Eintritt in Kindergarten und Schule zu koppeln. Solch einen massiven Eingriff in die Freiheiten der Eltern schließt die Regierung bisher aber aus.

Aber nicht allein bei Kleinkindern gebe es Nachholbedarf, auch die 20-Jährigen müssten dringend ans Auffrischen denken. Besonders Erwachsene, denen der Impfschutz fehlt, stellen ein Risiko für sich und andere Nicht-Geimpfte dar. Baur sagt, dass sich auch die Bonner Mentalität, mit der er mehr als 30 Jahre lang beruflich zu tun gehabt habe, sehr verändert habe: Von einer Gutgläubigkeit hin zu großer Skepsis. „Wir sind eine Gesellschaft geworden, die extrem risikoängstlich ist“, sagt Baur. Es gelte deshalb, die Risiken des Impfens und Nicht-Impfens ganz objektiv abzuwägen. „Ich habe vor allem Angst vor denen, die nur Angst machen.“

Autor Victor Sattler ist einer von neun Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung, die in einem Seminar in Kooperation mit dem General-Anzeiger aktuellen Themen nachgegangen sind. Ihre Texte erscheinen in loser Folge im GA.