Viktoriakarree

Signa baut um – notfalls in klein

Rainer Conrads-Broicher ärgert der Zustand der Stockenstraße. Der Hotelier hat für das Blumenbeet eine Patenschaft übernommen. Inzwischen ist es häufig mit Müll übersät.

Rainer Conrads-Broicher ärgert der Zustand der Stockenstraße. Der Hotelier hat für das Blumenbeet eine Patenschaft übernommen. Inzwischen ist es häufig mit Müll übersät.

Bonn. Das Viertel zwischen Rathaus und Universität kämpft gegen den Ausverkauf. Immer mehr Geschäfte ziehen weg und verbliebene Händler ärgern sich über Müll vor ihrer Tür.

Die ungeklärte Situation im Viktoriakarree hat nicht nur Auswirkungen auf Mieter in den Signa-Immobilien, sondern auch auf andere Gewerbetreibende. Am Eingang der Stockenstraße stehen bereits drei Ladenlokale nebeneinander leer, nachdem der Uni-Burger nach Bad Godesberg umgezogen ist und ein Schuhgeschäft aufgeben musste.

Die Fronten der einstigen Bäckerei und der Imbissbude sind mittlerweile mit Graffiti großflächig verschmiert. Im geräumigen Eingang zum Nachbarhaus Stockenstraße 1-5, wo die Stadt in elf von Signa gemieteten Wohnungen Flüchtlinge unterbringt, riecht es scharf nach Urin – angeblich von „Feierabendpinklern“, die nachts vom Alten Zoll in die City laufen. Unrat sammelt sich dort in den Ecken. An die einst viel frequentierte Buletten-Bräterei, die bis tief in die Nacht für eine gewisse soziale Kontrolle sorgte, erinnern nur noch Fettspritzer an den Wänden.

Das Karree liegt brach

Auch das Ladenlokal in der Rathausgasse 20 steht leer, obgleich es nicht der Signa gehört, die mit ihrem Plan zum Bau eines Einkaufszentrums zumindest vorerst gescheitert ist, nachdem der Stadtrat sich einem erfolgreichen Bürgerbegehren angeschlossen hat. „Wir haben die Flucht ergriffen“, sagt Eigentümer Michael Hagemann.

Mit seinem Schönheitssalon ist er in größere Räume am Belderberg gezogen. „Schauen Sie sich doch an, wie es im Viertel jetzt aussieht. Das ist kein Umfeld für uns“, findet Hagemann. Seine Räume hat er dem Möbelhändler nebenan kostenlos als Ausstellungsraum überlassen. Für den Stadtrat hat Hagemann nur Unverständnis übrig: „So wird Bonn nicht attraktiver.“

Auch Hotelier Rainer Conrads-Broicher betrachtet den Leerstand in den Immobilien der Wiener Signa-Holding mit großem Unmut. Auf der anderen Seite der Stockenstraße betreibt er mit seiner Frau ein gepflegtes Zwei-Sterne-Hotel garni mit gemütlichem Wintergarten und vielen Stammgästen. „Wir haben auch viele Besucher der UN. Die sagen nichts, aber sie denken sich ihren Teil“, glaubt Conrads-Broicher.

Jeden Tag beobachtet er drei bis fünf Reisegruppen oder Hochzeitsgesellschaften, die vom Parkplatz am Collegium Albertinum durchs Stockentor zum Rathaus spazieren. „Bei denen geben wir Bonner eine exzellente Visitenkarte ab – und das sicher noch zwei Jahre lang“, spottet er. Auch das Blumenbeet am Eingang der Stockenstraße, für das er eine Patenschaft übernommen hat, sei oft voller Müll.

Noch gibt es keinen konkreten Plan

Der Unmut der Anlieger richtet sich dabei weniger gegen die Signa oder den Verein Viva Viktoria. Politik und Verwaltung hätten versagt, weil sie eine qualifizierte Bürgerbeteiligung vor der Ausschreibung unterlassen hätten. Bis zu einem Ergebnis der nun geplanten Bürgerwerkstatt müssten alle Seiten eine vernünftige Zwischenlösung suchen, appelliert Conrads-Broicher.

An dauerhaft ungenutzten Gewerbeflächen habe die Signa kein Interesse, betont Signa-Vorstand Christoph Stadlhuber gegenüber dem GA. „Das wollen wir nicht, und das könnte ich meinen Aktionären gar nicht vermitteln.“ Voraussichtlich im Oktober werde ein Textil-Discounter in die Räume des Schuhgeschäfts in der Stockenstraße einziehen. Auch die anderen leeren Läden wolle man befristet vermieten. Vom Stadtrat erhoffe man sich Signale, was die Stadt mit dem Viktoriabad anfangen wolle.

In jedem Fall sei eine Umplanung des Projekts erforderlich, nachdem die Uni nicht mehr als Mieter zur Verfügung steht. Sie wollte nach dem ursprünglichen Konzept 7.800 Quadratmeter für ihre Bibliothek anmieten. Stadlhuber deutet an, dass dort stattdessen Wohnungen, teils für Studierende, entstehen könnten.

Gute Vorsätze sind durchaus vorhanden

Sollte der Rat nach einem entsprechenden Ergebnis der Bürgerwerkstatt das Signa-Projekt verwerfen, werde man auf den eigenen Grundstücken eine kleine Lösung mit Einzelhandelsflächen realisieren, so Stadlhuber: „Damit werden wir in jedem Fall zur weiteren Stärkung der Innenstadt beitragen“. Erst einmal wolle man aktiv an der Bürgerwerkstatt teilnehmen.

Die Stadt kann nach Aussage von Vize-Sprecher Marc Hoffmann keine Verschlechterung der Sauberkeit auf Gehsteigen und Straße feststellen. Auch massive Beschwerden Gewerbetreibender habe es nicht gegeben. Dennoch verspricht er Besserung im Detail.

Bonnorange wolle nach einem Ortsbesuch am Eingang zur Stockenstraße einen neuen Mülleimer aufstellen, und einen zweiten vor das Haus Nummer 6 versetzen. „Der Eingang des Hauses Stockenstraße 1-5 sieht in der Tat nicht sehr einladend aus“, erklärt Hoffmann. Man werde Signa um Abhilfe bitten. Er verspricht: „Wir werden es nicht hinnehmen, dass Gebäude, in denen Flüchtlinge untergebracht sind, von nächtlichen City-Besuchern so verunreinigt werden.“