"Die blockierte Stadt - Folge 1"

Seit Jahrzehnten wird um den Bahnhofsvorplatz gestritten

Auf das Baustellenschild vor der Südüberbauung warten die Bürger schon lange.

26.07.2013 BONN. Es geht nicht weiter in der Bäderfrage, das Schicksal des Stadthauses ist ungewiss, und viele Fragen zur Verkehrsplanung sind unbeantwortet. Nur drei Beispiele für "Die blockierte Stadt". So heißt die neue GA-Serie, weil sich der Eindruck einer Blockade aufdrängt.

Ob es tatsächlich so ist, wo es hakt und wie es weitergehen kann, das soll beleuchtet werden. Den Anfang machen die Projekte Südüberbauung und Nordfeld.

Was bisher geschah:

Die Diskussion um den Bahnhofsvorplatz begann, nachdem 1969 die Gründerzeit-Häuser am Hauptbahnhof für den Bau der U-Bahn abgerissen wurden. Seither konnte zwischen Kaiserplatz und Thomas-Mann-Straße keines der zahlreichen Projekte durchgesetzt werden.

Die Südüberbauung wurde als einziges Projekt als Entschädigung für die ehemaligen Eigentümer der abgerissenen Häuser vor dem Bahnhof realisiert. Als Solitär war sie nie vorgesehen. Die Pläne reichten von der zehngeschossigen Bebauung über eine Blockbebauung mit gläsernem Kuppeldach (Ungers-Halle) bis hin zu Alternativplänen der Deutschen Bahn und des Einzelhandels.

Alle fielen vor allem wegen ihrer Massivität bei den Bürgern durch. Die besten Chancen hatte noch das Brune-Konzept: 2002 erhielt die Brune Consult aus Düsseldorf den Auftrag des Stadtrates, das Areal zwischen Thomas-Mann-Straße und Kaiserplatz zu beplanen.

Neben einem, allerdings späteren, Abriss der Südüberbauung wollte der Investor ein Parkhaus im Norden des Bahnhofsvorplatzes bauen, eine Einkaufsmall über dem Bonner Loch, Gebäude für Einzelhandel und Büros am Busbahnhof sowie ein Hotel oder Büros vor dem Kaiserplatz. Immer wieder änderte er die Pläne - bis ihn 2004 ein Bürgerbegehren stoppte.

Nach einer Bürgerwerkstatt und einem Runden Tisch beschloss der Rat 2008 einen europaweiten Wettbewerb für die Neugestaltung des Bahnhofsbereichs. Der Entwurf des Architekten Stefan Schmitz siegte. Auf dieser Grundlage wurde das Nordfeld, die Flächen zwischen Bonner Loch und Thomas-Mann-Straße sowie an der Rabin-Straße, ausgeschrieben.

2007 kam Roger Sevenheck mit seiner German Development Group aus Düsseldorf ins Spiel. Im Gegensatz zu vorherigen Investoren, die Kauf und Abriss der Südüberbauung über die Bebauung der nördlichen Stadtareale finanzieren wollten, konzentrierte er sich allein auf die Südüberbauung und begann, mit den 40 Teileigentümern zu verhandeln. Vor drei Jahren erhielt er eine Abrissgenehmigung für den Bestandsbau und eine Baugenehmigung für sein geplantes Einkaufszentrum.

Das Ziel:

Oberstes Ziel ist es, die jetzige Südüberbauung abzureißen und einen großzügigeren Abstand zum historischen Bahnhofsgebäude wiederherzustellen.

Gefordert ist eine gehaltvolle Architektur, die sich im Idealfall am historischen Stadtgefüge orientiert. Eine vielfältige Nutzung mit einem breiten Branchenmix, Büros und Wohnungen steht ebenfalls auf der Wunschliste.

Der Busbahnhof soll neu geordnet, ein neues Verkehrskonzept für die Innenstadt auf den Weg gebracht werden.

Wo es hakt:

Man könnte auf die Bürger schieben, dass bisher nichts umgesetzt wurde. Aber so einfach ist das nicht. Außerdem sind Beteiligungsprozesse, die Schaffung von Akzeptanz für solch zentrale Bauvorhaben, die das Gesicht einer Stadt auf Dauer prägen, vielleicht der wichtigste Baustein für die Neugestaltung des Areals.

Bei der Südüberbauung hat Investor Roger Sevenheck das Kunststück zu vollführen, 40 Teileigentümer unter einen Hut zu bringen. Das ist das größte Hemmnis. Zudem steht seinem Projekt ein weiterer Investor im Weg: Albert ten Brinke hat eine Immobilie der Südüberbauung erworben und möchte in das Projekt einsteigen.

Die beiden Initiativen Arbeitskreis Historisches Stadtgefüge Bonn und Pro Bahnhofsvorplatz haben 2012 ein Bürgerbegehren initiiert, aber zu wenig Unterstützer gefunden. Beim Nordfeld musste der Rat den Baudezernenten Werner Wingenfeld geradezu drängen, Ausschreibungen vorzubereiten, was erst im Frühjahr 2013 geschah.

Jetzt prüft die Stadt die Angebote von zehn Investoren. Wingenfeld deutete an, die Verwaltung brauche mehr Zeit zum Sondieren der Angebote. Die Politik will aber 2013 eine Entscheidung fällen.

Wie es weitergeht:

Sevenheck und sein Partner Rogier Albrecht ringen noch mit einem Eigentümer um den Verkauf und müssen sich mit Investor ten Brinke einigen. Haben sie alle beisammen und legen sie der Stadt einen Eigenkapitalnachweis vor, verkauft die Stadt ihren Anteil an der Südüberbauung.

Dann kann Sevenheck das Gebäude abreißen und neu bauen. Fürs Nordfeld gibt es mehrere attraktive Pläne. Wenn entschieden ist, wer den Zuschlag bekommt, wird der Investor seine Pläne veröffentlichen. Dann geht die Debatte erst richtig los.

Die GA-Prognose:

Es gibt einen zarten Hoffnungsschimmer: Sevenheck hat schon zu viel Zeit und Geld in das Projekt gesteckt, um aufzugeben. Sie sind fest entschlossen, ihr Maximilian Center zu realisieren. Den Abstand zum Bahnhof haben sie vergrößert, die Fassade überarbeitet - ist es also nur eine Frage der Zeit, wann das neue Center steht?

Beim Nordfeld: Es liegt am Fingerspitzengefühl der Akteure in Verwaltung und Politik. Wenn sie sich für den richtigen Investor, den richtigen Architektenentwurf entscheiden, gibt es eine gute Chance, dass in naher Zukunft tatsächlich die Bagger anrollen.

Denn unter den Bewerbern gibt es nach GA-Informationen Pläne, die durchaus überzeugen - was sowohl den architektonischen Ausdruck als auch die inhaltliche Konzeption betrifft. (Cem Akalin)