Vor 130 Jahren starb Franz Richarz

Sein berühmtester Patient war Robert Schumann

Bonn. In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren seine Ansichten mehr als fortschrittlich: Der Bonner Psychiater Franz Richarz (1812-1887) plädierte schon 1844 in einer Schrift für die Verbesserung der „öffentlichen Irrenpflege mit besonderer Rücksicht auf die Rheinprovinz“.

In Endenich gründete der Mediziner im selben Jahr eine kleine private Anstalt zur Behandlung von psychisch kranken Menschen, damals eine gut betuchte Schar von Klienten. Sein berühmtester Patient war der Komponist Robert Schumann (1810-1856).

Im Psychiatrie-Museum Ver-rückte Zeiten kann man die Lebensgeschichte von Richarz nachvollziehen. Für den Arbeitskreis Psychiatriegeschichte Bonn-Rheinprovinz erinnern Linda Orth, Jo da Venza-Tillmanns und Dr. Wolfgang Klenk im GA-Gespräch an den bedeutenden Psychiater. So studierte der gebürtige Linzer in Bonn Medizin und kam durch Vermittlung von Friedrich Nasse zur Psychiatrie. Unter dessen Anleitung promovierte Richarz 1835 mit der Dissertation „Über das Erkennen von Wahnsinn und dessen Heilung“.

Von 1836 bis 1844 arbeitete Richarz als zweiter Anstaltsarzt in der „Irrenanstalt“ Siegburg unter Maximilian Jacobi. Doch entgegen dem Siegburger Modell der Massenverwahrung von psychisch Kranken befürwortete Richarz die Errichtung einer kleineren Heilanstalt für etwa 80 Kranke – und das in jedem Regierungsbezirk der Rheinprovinz.

Als 32-Jähriger eröffnete Richarz am 26. Oktober 1844 in Endenich eine Privat-Irrenanstalt, die er „Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren“ nannte; diese Einrichtung bestand bis zum 3. März 1934 im heutigen Schumannhaus in der Sebastianstraße 201.

Richarz hatte das ehemalige Landhaus des kurfürstlichen Hofkammerrates Mathias Kaufmann aus dem Jahr 1790 gekauft. Es lag in einem großen Garten und bot nach dem Umbau Plätze für 52 Patienten. Dort behandelten Richarz und sein Team zum Beispiel den syphilitischen Arzt aus alter Hugenottenfamilie, das hysterische Fräulein vom Niederrhein, den depressiven Maler aus Frankreich und eben auch den unter Melancholie und Wahn sowie progressiver Paralyse leidenden Robert Schumann.

Richarz stammte zwar aus gut katholischen Verhältnissen, als Psychiater mit liberal-konservativer Einstellung bekämpfte er jedoch später das „Pfaffen-Unwesen“ in Gefängnissen und Irrenanstalten. Anstaltsleiter Dr. Bernhard Oebeke schrieb über seinen Vorgänger Richarz: „(…) er hatte eine gewisse ihm eigene Schwierigkeit mit vielen fremden Menschen in leichter Weise zu verkehren. Äußere, nicht immer erwünschte, aber doch unwichtige oder langweilige Umstände (…), wirkten verstimmend auf ihn ein und ließen ihn wohl mitunter unmuthig in seinem Auftreten erscheinen.“

Im Grunde seines Herzens aber blieb Richarz ein Moralist, der alkoholische und geschlechtliche und sogar geistige Exzesse als Sünde ansah, für den der Patient und besonders die Patientin mit Geisteskrankheit bestraft wurde. Sein Frauenbild war noch nicht so modern wie sein Umgang mit Patienten: „Die Entstehung des weiblichen Geschlechts wird unserem Verständnis viel näher gebracht, wenn man es als ein negatives, als das Nicht-männliche auffasst.“

Richarz war zwei Mal verheiratet. Seine erste Frau Johanna Hernine Tusnelda, geborene Bleibtreu, starb nur ein Jahr nach Eröffnung der Privatanstalt im Alter von 26 Jahren. Mit seiner zweiten Frau Catharina, geborene Lücker, hatte er zwei Söhne: Franz und Karl. Dr. Richarz starb am 26. Januar 1887 in Bonn an einem Herzleiden. Sein Grab ist auf dem Alten Friedhof zu finden. Linda Orth und Wolfgang Klenk haben für das Buch „Pass op, sonst küss de bei de Pelman“ auch die Behandlung von Robert Schumann detailreich festgehalten, unter anderem einige Auszüge aus dem Krankentagebuch von Dr. Richarz aus dem Jahr 1855. „Wir zeigen in unserer Ausstellung auch das original Aufnahmebuch der Richarz’schen Anstalt“, sagt Linda Orth – und macht damit Lust darauf, sich die irren Hinterlassenschaften im Psychiatrie-Museum vor Ort anzusehen.

Das Psychiatrie-Museum Ver-rückte Zeiten im Haus 15 der LVR-Klinik, Kaiser-Karl-Ring 20, öffnet seine Räume mit und ohne Führung nach Vereinbarung. Kontakt: Telefon 02 28/5 51- 30 32 oder -30 34, E-Mail: l.orth@lvr.de