Bonner Stadtdechant

Schumacher: Gott gerät in Vergessenheit

Eine Frau drückt eine Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche beim Amtsgericht Köln.

Eine Frau drückt eine Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche beim Amtsgericht Köln.

BONN. Ende vergangener Woche schockierten die neuen fürs Erzbistum und das Stadtdekanat Bonn alarmierenden Austrittszahlen aus der Katholischen Kirche: 2014 verließen im Bistum 19 557 Menschen ihre Kirche, mithin 14,6 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In Bonn traten 2014 zwar "nur" 10,7 Prozent mehr Mitglieder aus der Kirche aus. Aber jeder der 1231 Austritte schmerzt Monsignore Wilfried Schumacher.

"Die Motive sind gewiss vielschichtig. Bei dem einen ist es der Ärger über kirchliche Amtsträger. Andere dokumentieren, dass sie mit der kirchlichen Lehre nicht mehr übereinstimmen", analysiert der Bonner Stadtdechant die Situation. Andere gingen aus finanziellen Gründen. "Leider ist das Verlassen der kirchlichen Gemeinschaft für viele die einzige Möglichkeit, ihren Protest über kirchliches Handeln zum Ausdruck zu bringen."

Schumacher erkennt die von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichten Zahlen als "seismographisch" an, sieht aber zumindest mit Genugtuung, dass sich der extreme Austrittstrend in Bonn im vergangenen Jahr abmilderte. Und dass sich sonstige Kennzahlen kaum veränderten: zwölf Eintritte durch Konversion zählt er 2014 (2013: 14), und 51 Katholiken baten 2014 nach dem Austritt um Wiederaufnahme (2013: 46).

Immer noch gebe es in Bonn ein großes Gottesdienstangebot und nur einen geringen prozentualen Besucherrückgang von 0,2 Prozent. Laut Schumacher besuchten 11,04 Prozent der Bonner Katholiken die Messen. "Der Bistumsdurchschnitt liegt bei 9,36 Prozent." Alle Zahlen seien übrigens in ihrer Tendenz in allen Gemeinden Bonns gleich. "Die stadtweiten Zahlen ergeben ein verlässliches Bild."

Nein, er lasse sich nicht auf die Wertung ein, dass dem Wohlstandsbürger schlicht die Not, die früher das Beten lehrte, fehle. "Es wäre fatal, wenn die Kirche nur ein Ort wäre, wo Menschen in der Not Hilfe finden. Meinen Glauben, aber auch meine Fragen und Zweifel kann ich nur mit anderen teilen", sagt der Stadtdechant. Wenn heute viele ihre Kirche verließen, dann liege das aber auch an Fehlern und Versäumnissen der Kirche selbst und an der weltanschaulichen Großwetterlage. "Gott gerät immer mehr in Vergessenheit. Das beunruhigt mich; aber ich weiß keine Lösung", gibt Schumacher zu. Nur eines wisse er: Allein der Papst, die Bischöfe oder andere Amtsträger könnten das nicht ändern. "Dafür brauchen wir jeden einzelnen Katholiken."

"Menschen können mit ihm nichts mehr anfangen"

Ähnlich analysiert Ernst F. Jochum, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christliche Kirchen Bonn (ACK), die derzeit für beide Volkskirchen erschreckenden Verluste. "Letztlich geht es vielleicht gar nicht so sehr um die Kirche als um Gott. Menschen können mit ihm nichts mehr anfangen", meint der evangelische Pfarrer im Ruhestand. Der desolate Zustand, den Menschen auf der Erde schafften, habe ja aufgeräumt mit einem Gott, den Menschen sich als Erfüllungsgehilfen ihrer Wünsche geschaffen hätten. "Die Erwartungen vieler an Gott richten sich nicht nach dem, was von Gott in unserer Bibel steht. Aber ihn müssen wir glaubwürdig bezeugen."

Wo blieben also die eindeutigen Worte der Kirchenleitenden zu Flüchtlingen, zum Rechtsextremismus, zum unverhohlen um sich greifenden Kapitalismus, fragt Jochum. "Ich freue mich immer wieder an Franziskus, der in seinem Handeln und Reden ganz evangelisch ist und versucht, nach der Weisung Jesu zu leben."