Stephanie Jana und Ursula Kollritsch

Schreib, Freundin, wie ist das Leben?

Von einstigen Freundinnen und vielen E-Mails handelt "Das Jahr des Rehs" von Stephanie Jana (l.) und Ursula Kollritsch.

Von einstigen Freundinnen und vielen E-Mails handelt "Das Jahr des Rehs" von Stephanie Jana (l.) und Ursula Kollritsch.

BONN. "Hej, liebe Bine, sag, bist Du's?", fragt Bella Becker im neuen Buch "Das Jahr des Rehs" von Stephanie Jana und Ursula Kollritsch per E-Mail einfach mal spontan ins weltweite Netz hinein. Ob hinter der angeschriebenen Adresse wirklich die einstige Freundin steckt, mit der sie zu "Earth-Wind-and-Fire"-Songs die Tanzschule durchkicherte?

Und wenn sie's ist, diese Sabine Born von damals, "wie ist Dein September in diesem Jahr? Wolkig oder sonnig?" Meine Güte, diese Frau, die sie locker weiter "Bine" nennt, müsste die jetzt nicht auch schon ihren 40. Geburtstag feiern?

Siebzehn Jahre Funkstille. Und dann das Experiment per E-Mail, einfach per Google unter dem damaligen Namen und der Fachrichtung "Architektin" gesucht. Vielleicht mailt Bella Becker ja an eine ganz andere Frau und erscheint prompt als "Verrückte, die freitags abends auf dem Dachboden herumkriecht" und wehmütig Erinnerungen hervorkramt. "Also schreib ich jetzt besser mal keine intimen Details aus meinem wilden Leben", kommt neben einem dicken Smiley-Zeichen hinterher.

Die Bella Becker des Buches hat Glück. Und mit ihr die Leser der amüsanten Koproduktion Janas und Kollritschs: Diese "Bine" wird sich ihrer alten Freundin sofort wieder verbunden fühlen, auch wenn die beiden Frauen unterschiedlicher kaum sein könnten: Journalistin Bella wohnt mit ihrem Sohn und ihrem notorisch abwesenden Lebensgefährten in Berlin.

Bine ist Architektin und mit Mann und Kindern im hessischen Heimatort hängengeblieben. Das Einzige, was aus ihrer Vorstadt-Normalität hervorragt, ist ein überdimensionales Lichter-Reh im Garten. Und so entspinnt sich zwischen den Frauen alsbald ein reger Mail-Verkehr, über ein Jahr hinweg, durch kleine und große Krisen, sonnige Tage und durchtanzte Nächte. "Wir hatten die Idee: Wir schlüpfen in Rollen. Jede denkt sich unabhängig von der anderen eine Frauenfigur aus, mit Namen, Setting und Background, eine Art Alter Ego, in deren Namen wir unsere Gedanken-Mails schreiben", sagt Jana. Sie hätten nie gewusst, wann und wie die Geschichte ausgehen würde, ergänzt Kollritsch und lacht.

Das federleicht und flockig geschriebene Buch erinnert an Daniel Glattauers Bestseller "Gut gegen Nordwind", in dem das Genre Briefroman hochromantisch und pointenreich in die Ära des World Wide Web geholt wird. Kicken sich bei Glattauer Mann und Frau erst zufällig und bald umso intimer E-Mail um E-Mail zu, tun das beim rheinischen Frauenduo temporeich zwei ehemals beste Freundinnen.

Die Autorinnen sind wie Glattauer journalistische Vollprofis. Sie wissen, wie man Storys anreißt und Erzählstränge entwickelt, wie man immer wieder Spannung aufbaut und genau die thematischen Farbtupfer setzt, die Frauen nicht nur um die 40 ansprechen. Und sie hinterlassen als PR-Fachfrauen natürlich auch die entsprechenden Duftmarken, die Geschlechtsgenossinnen, die noch nicht angebissen haben, clever ködern: "Frauen wollen immer das Eine - alles", steht vorne, umrahmt von rosa Bambis.

"Für die Frauen, die mit uns vom goldenen Sommer träumen", springt als Widmung ins Auge. Aber Jana und Kollritsch vergessen auch das sogenannte starke Geschlecht nicht: Auch "für die Männer, die uns inspirieren und lieben und dabei, ein Glück, so anders sind" hat das Duo seinen E-Mail-Roman geschrieben.

Weitere Lesungen

Stephanie Jana (39) und Ursula Kollritsch (42) sind selbst gut befreundet und arbeiten als freiberufliche Lektorin beziehungsweise Texterin eng zusammen. Sie leben mit ihren Familien in Bonn und Bad Honnef. Ihr Buch "Das Jahr des Rehs", List Verlag 2015, 9,99 Euro, ist im Handel erhältlich. Die ausverkaufte Premiere findet mit einer Lesung am Dienstag im Familienzentrum St. Paulus, Paulusplatz, statt. Weitere Lesungen gibt es am Freitag, 12. Juni, ab 19.30 Uhr in der Buchhandlung Werber, Hauptstraße 40 in Bad Honnef, am Samstag, 20. Juni, ab 18 Uhr beim Kessenicher Literaturkreis, Erftweg 14, und am 19. September ab 18 Uhr im Sport-Treff Kessenich, Hausdorffstraße 201.