Villa in der Weberstraße

Schmitze Billa wohnte nicht in Poppelsdorf

POPPELSDORF/SÜDSTADT. Da müssen die Poppelsdorfer jetzt durch: Die "Villa Billa", die durch das vor genau 100 Jahren erschienene Karnevalslied von Willi Ostermann sowie den Bläck Fööss bekannt ist und wo es im Refrain heißt: "Jetzt hät dat Schmitze Billa en Poppelsdorf en Villa", stand überhaupt nicht in Poppelsdorf.

Das hat der Autor Udo Bürger für ein Kapitel seines neuen Buches "Rheinische Unterwelt" recherchiert. Demnach stand besagte Villa nicht an der Trierer Straße, wie oft behauptet, sondern in der Weberstraße 49. Also in der Südstadt, genau drei Häuser neben der heutigen Gaststätte "Pathos".

"Diese Information ist hieb- und stichfest", sagt der 55-jährige Autor, denn seine Quelle ist ein Artikel aus der Kölner Gerichtszeitung vom 14. April 1906. Damals standen Sibilla Schmitz und ihre Tochter Else in Bonn vor dem Kadi. Und zu der Zeit wohnten sie in besagter Weberstraße 49. Das feudale Haus wurde 1938 abgerissen.

Auf der alten Postkarte kann man sehen, dass es dem Nachbarhaus Nummer 47 stark ähnelte. Im Nachfolgegebäude - das keine Gründerzeitfassade mehr hat - wohnt heute der Bonner Kaufmann Robert van Dorp.

Zurück zur Schmitze Billa, vor Gericht: Die tolldreiste Geschichte von damals drang nach der Sitzung trotz Ausschlusses der Öffentlichkeit schnell an dieselbe. Denn beide Frauen waren echte Früchtchen. Sie hatten das Haus angemietet, um möblierte Zimmer an vornehme Herren zu vermieten, schreibt Udo Bürger. "In Verbindung mit der Anklage der Kuppelei weist dies darauf hin, zu welchem Zweck diese Zimmer gedient haben könnten."

Und weiter: "Wahrscheinlich waren die etwas delikaten Einzelheiten auch der Grund, warum die Gerichtsverhandlung nicht öffentlich war." Außerdem habe sich Else Schmitz Geld und Waren ergaunert, unter Führung eines falschen Adelstitels. Ihre Mutter Billa war der Beihilfe angeklagt.

Vielen Bonnern war es wohl seinerzeit ein Rätsel gewesen, wie aus den Ex-Verkäuferinnen so schnell reiche Damen werden konnten, gekleidet wie Gräfinnen und mit einem luxuriösen Anwesen. Jedenfalls gab's vor dem Kadi die Quittung: Else bekam 16 Monate Gefängnis, Mutter Billa zwei Monate. Der Staatsanwalt hatte je drei Jahre beantragt. Das war 1906. Nach Verbüßung der Strafe zogen beide Frauen weg - Billa nach Buschdorf, die Tochter landete in Lausanne, später im Raum Koblenz.

Dennoch blieb die Geschichte von der fidelen Villa und den kriminellen Aktivitäten ein solcher Gesprächsstoff, dass Willi Ostermann wohl davon hörte. Denn er warnte in seinem Lied von 1913, dass der Lebenswandel der "Schmitze Billa" nicht von langer Dauer sein könne. So reimte er auf Platt: "Wenn et Bell su vöran mäht, doht et nit mieh lang, nimmb dat met dä Kühl un Kröpp singe ahle Jang. Statt als Hausbesitzerin brängk et Billa dann Koonschloot un Andivius widder an d'r Mann."

Was frei übersetzt heißt: Wenn sie so weiter macht, geht bald alles den Gang von früher und sie muss wieder Salat auf dem Markt verkaufen.

"Rheinische Unterwelt: Kriminalfälle im Rheinland von 1815- 1918" von Udo Bürger ist das Nachfolgewerk von "Bleche Botz und Klingelpütz", hat 320 Seiten, kostet 11,90 Euro und ist erschienen im Kölner Emons Verlag unter ISBN 978-3-95451-061-0.