Demonstration gegen Antisemitismus

Rund 2000 Menschen beim "Tag der Kippa" in Bonn

BONN. Zum "Tag der Kippa" sind am Donnerstag in Bonn rund 2000 Menschen zusammengekommen. Nach der antisemitischen Attacke im Hofgarten wurde der Aktionstag vorverlegt.

Der Satz zieht sich wie ein roter Faden durch die Rede von Margaret Traub: „Es ist genug.“ Vier oder fünf Mal sagt die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bonn diese Worte beim „Tag der Kippa“. „Es ist nicht zu ertragen, dass wir nur aus einem einzigen Grund angefeindet werden: Weil wir Juden sind.“

Der jüngste Vorfall, bei dem ein 20-Jähriger den jüdischen Hochschulgelehrten Yitzhak Melamed auf der Hofgartenwiese am Mittwoch vergangener Woche am helllichten Tage antisemitisch beleidigte und attackierte, ist zwar Auslöser der Versammlung an diesem Donnerstagnachmittag auf dem Marktplatz. Ein Einzelfall ist er offenbar nicht. Margaret Traub nimmt einen wachsenden Judenhass in der Gesellschaft wahr, „der oft unter dem Deckmantel der Israelkritik versteckt wird“, sagt sie.

Juden, die offen ihren Glauben auslebten, würden angefeindet, und Kinder von Juden in Kindergärten und Schulen aufgrund ihrer Herkunft gemobbt. Während der Zentralrat der Juden und auch die Jüdische Gemeinde in Bonn ihren Mitgliedern längst vom Tragen der Kippa abraten, weil sie es für gefährlich erachten, könnten Traubs Söhne in Israel ihre religiöse Kopfbedeckung ohne Gefahr tragen. „In einem Land, in dem 20 Prozent der Bevölkerung Muslime sind“, erklärt Traub.

Sie sei dankbar dafür, dass Oberbürgermeister Ashok Sridharan nach dem Angriff auf den Professor den „Tag der Kippa“ vorverlegt habe. „Es tut gut, dass so viele Bürger diesem Aufruf gefolgt sind.“ Rund 2000 Menschen sind laut Polizei zur Nachmittagsstunde auf den Marktplatz gekommen. Jung und Alt, Muslime mit Kopftuch sind ebenfalls darunter. Viele tragen Kippa, die religiöse Kopfbedeckung der Juden, um ihre Solidarität zu zeigen. Hossein Purkhassalian gehört dazu, er sagt: „Als Muslim ist es mir ein großes Anliegen, meine Solidarität mit den Juden zu zeigen.“ Anne Knab ist aus dem selben Grund gekommen. „Wenn Menschen angefeindet werden, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, ist das ein Grund für mich, auf die Straße zu gehen“, sagt sie.

Traub ruft von der Rathaustreppe aus nicht nur gegen Antisemitismus auf. Es geht ihr ganz grundsätzlich um Angriffe gegen Minderheiten. Sie fordert Zivilcourage ein, um für die freie Gesellschaft einzutreten. Die Politik dürfe zu Übergriffen ebenso wenig schweigen wie die Gerichte.

Bewegende Worte spricht Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan, der sich in englischer Sprache an Melamed wendet: „Ich schäme mich für das, was Ihnen in Bonn passiert ist, und ich lade Sie ein, ein weiteres Mal nach Bonn zu kommen, damit Sie sehen, wie weltoffen die Menschen dieser Stadt sind.“ Die Stadt hatte vor, Melamed per Skype an der Veranstaltung teilnehmen zu lassen, aber er konnte dieser Einladung wegen eines Gesprächs mit dem deutschen Botschafter nicht folgen, wie er dem GA mitteilte. Melamed betont die Bedeutung des Aufrufs. Man müsse ein Zeichen setzen „gegen Bigotterie und Rassismus in all seinen Formen – vom Antisemitismus über Islamhass bis hin zu Fremdenhass und Hass von Migranten“.

Sridharan freut sich, dass so viele Menschen dem Aufruf gefolgt waren. Der halbe Marktplatz ist gefüllt. „Durch Ihr Erscheinen bringen wir gemeinsam zum Ausdruck, dass wir dem immer unverhohleneren Hass auf unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger entgegentreten“, sagt er. „Der Kampf gegen Antisemitismus muss in Deutschland zur politischen Kultur gehören. Angesichts des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte darf es keinen Schlussstrich unter die Erinnerungen an die Gräueltaten im Nationalsozialismus geben. Es geht nicht nur um unsere historische Verantwortung, sondern auch um unsere Verantwortung für die Demokratie in Deutschland.“

Der Oberbürgermeister fordert eine „lückenlose Aufklärung“ – sowohl des antisemitischen Angriffs als auch der Polizeiattacke gegen den Professor, den die Beamten offenbar für den Täter hielten. Auch Martin Frick vom Klimasekretariat der Vereinten Nationen spricht kurz im Namen der UN: „Die Freiheit des Andersdenkenden ist die Basis aller Zusammenarbeit.“