Bürgerstiftung Rheinviertel in Bonn

"Rendezvous mit der Globalisierung"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble war einer der Gastredner beim Festakt der Bürgerstiftung Rheinviertel in der Zentrale der Deutschen Telekom. FOTO: BARBARA FROMMANN

Wolfgang Schäuble bei der Bürgerstiftung Rheinviertel.

17.11.2015 Bonn. Wolfgang Schäuble verbreitet beim Symposion der Bürgerstiftung Rheinviertel Zuversicht.

Bonn. Es war zwar nur ein kleiner Schritt über die geografischen Grenzen des eigenen Wirkungsbereichs, der aber hatte es buchstäblich in sich: Mit dem Symposion anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens hatte die in Bad Godesberg beheimatete Bürgerstiftung Rheinviertel gestern eine der zentralen Festveranstaltungen in die Zentrale der Deutschen Telekom gelegt. "Neue Zivilgesellschaft - Mit einander gestalten", so lautete das Thema, dem sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, der Bonner Verfassungsrechtler Udo Di Fabio, Telekom-Vorstandschef Timotheus Höttges und Bonns Oberbürgermeister Ashok Sridharan vor mehreren hundert Zuhörern sodann aus unterschiedlichen Richtungen näherten. Begrüßt hatte sie eingangs Stiftungs-Vorstand Dechant Wolfgang Picken, für eine geschmeidige Moderation garantierte Fernsehmoderator Rangar Yogeshwar.

Wolfgang Schäuble, in diesen Tagen in manchen Medien für alle Fälle schon mal als "Reservekanzler" gehandelt, begann mit einem gelungenen Scherz, als er - ganz "Schatzmeister" - in Richtung Sridharan bemerkte: "Eigentlich müssten Sie mir zehn Prozent der Gewerbesteuer abgeben, die Bonn von der Telekom erhält." Denn, so Schäuble: "Ohne Regierungsumzug wäre die Telekom nicht hier." Ernst wurde Schäuble kurz darauf als er angesichts der Migrationsströme und der sichtbaren Folgen einer asymmetrischen Gefährdungslage - Schäuble sprach dabei von einem "Rendezvous mit der Globalisierung" - darstellte, warum er "Europa" nicht als Problem, sondern als Lösung ansehe. Entsprechend warb er für europäische Regulierungen als "Vorstufe" globaler Äquivalente. Zuversichtlich interpretierte er im Rückgriff auf den neueren historischen Kontext europäische "Krisen als Fortschrittstreiber". Als der Minister in Richtung seines anwesenden früheren Kabinettskollegen Klaus Kinkel schelmisch und augenzwinkernd in den Anekdotenschatz griff, hatte der Badener die Lacher auf seiner Seite, bevor ihn der Saal mit stehendem Applaus entließ.

Zuvor hatte Udo Di Fabio die Gesinnungsethik von der Verantwortungsethik abgegrenzt und dabei unterstrichen: "Bürgerliches Engagement und geordnete Staatsverwaltung sind komplementär. Sie wirken zusammen und dürfen sich nicht gegeneinander in Stellung bringen lassen." Passend dazu hob Ashok Sridharan hervor, wie wichtig staatliche Wertschätzung für bürgerliches Engagement sei, und skizzierte dies an einem Negativbeispiel: "Es ist sehr unglücklich, wenn die von Sparmaßnahmen Betroffenen davon aus der Presse erfahren", sagte der OB - was mancher als kleinen Seitenhieb in Richtung seines Amtsvorgängers verstand. Einig war der OB mit Schäuble darin, dass die aktuelle "Willkommenskultur" gegenüber Flüchtlingen erfreulich sei; jedoch dürfe man die Bevölkerung nicht überstrapazieren. "Sonst", so Sridharan, "befürchte ich, dass die Stimmung kippt". Gastgeber Tim Höttges zeigte Verständnis für Skepsis gegenüber der "Ökonomisierung aller Lebensbereiche" und reinem Gewinnstreben. (Rüdiger Franz)