Neues Angebot "SWBmobil"

Radverleih startet Ende September in Bonn

Bonn. Das Leipziger Unternehmen Nextbike geht ab Ende September in Bonn mit dem Fahrradverleih-System „SWBmobil“ an den Start. Ein Blick in andere Städte auf ihre Erfahrungen mit dem neuen Angebot.

Früher wurde Ralf Kalupner belächelt. Er wollte Leihfahrräder da abstellen, wo sie am häufigsten gebraucht werden. Sie nicht in einem zentralen Geschäft an den Mann oder die Frau bringen, sondern automatisiert an Bushaltestellen, Parkplätzen und Hochschulen. Das war im Jahr 2004 – drei Jahre bevor das iPhone den Handymarkt revolutionierte und Apps tägliche Begleiter wurden.

Heute ist Ralf Kalupners Unternehmen Nextbike einer der größten Fahrradverleiher weltweit. Ab September wird es auch in Bonn 900 Leihräder an 100 Standorten anbieten. Die Vorbereitungen dazu laufen seit Juni, als die Leipziger nach einer Ausschreibung den Zuschlag der Stadtwerke Bonn erhielten. Vermarktet werden die Räder deshalb unter dem Namen „SWBmobil“. Die sogenannten Eco-Bikes – seit diesem Jahr das neue Standardmodell – sind bereits im Leipziger Stadtteil Grünau montiert worden. „Bald werden sie ausgeliefert und auf die Stationen verteilt“, sagt Nextbike-Sprecherin Mareike Rauchhaus. Trotz hoher Nachfrage habe man den Zeitplan einhalten können. Zu sehen ist im Stadtbild aber bisher nichts.

Die Zeiten, in denen Kalupner mit einem verbeulten Transporter die Räder selbst einsammelte und reparierte, sind lange vorbei. Ende des Jahres sollen 50 000 Räder in 25 Ländern stehen. In Deutschland ist Nextbike in knapp 50 Städten vertreten. In zwei Produktionshallen laufen täglich mehr als Hundert Drahtesel vom Band. „Die Teile dazu kaufen wir ein, zusammengebaut werden die Fahrräder aber vor Ort“, erklärt Rauchhaus. Nur in Spitzenzeiten werde ein externer Dienstleister in Tschechien engagiert. Der Grund: Qualität. Zu oft habe man Mängel entdeckt, als Fremde die Räder montierten.

Bonn bekommt die neueste Leihrad-Generation

Bonn wird als eine der ersten Städte die Eco-Bikes erhalten. 26-Zoll-Luftreifen, sieben Gänge, knapp unter 20 Kilo Gewicht und damit fünf Kilo weniger als beispielsweise die KVB-Räder, die bereits einige Jahre in Köln unterwegs sind. „Zu leicht dürfen sie aber nicht sein, es ist wichtig, dass sie robust sind“, sagt Rauchhaus. Das neueste Schloss lässt sich über die Steuerung der Nextbike-App öffnen, über die man sich vorher registrieren muss.

Trotz Sicherheitstechnik waren Diebstahl und Vandalismus Themen, die das Unternehmen zum Scheitern hätten bringen können. Schließlich stehen die Räder rund um die Uhr unbewacht unter freiem Himmel. Deshalb wurden sie mit ihren mittlerweile typischen, gebogenen Rahmen konzipiert. „So ist bei jedem Weiterverkauf zu erkennen, woher sie kommen“, sagt Rauchhaus. Den Bonnern ist das prägnante Design spätestens seit der Weltklimakonferenz Cop 23 bekannt. Nextbike baute für zwei Wochen ein Leihsystem auf, das von den Vereinten Nationen als klimafreundliches Projekt finanziert wurde. Mit Erfolg: Im Schnitt wurden die 600 Räder rund 2000 Mal pro Tag ausgeliehen. Die Nutzer mussten nichts zahlen.

Das wird ab Ende September anders sein. Der Basistarif liegt bei einem Euro für jede angefangene halbe Stunde. Wer jährlich 48 Euro im Abo zahlt, für den sind die ersten 30 Minuten der Ausleihe frei. Danach wird ebenfalls ein Euro pro halber Stunde fällig. Kunden, die ein Abo des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS) besitzen, haben 30 Freiminuten pro Tag – analog zum Angebot der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB). In vielen Städten kooperiert Nextbike auch mit Hochschulen. So ist die Ausleihe beispielsweise an den Unis in Gießen, Bochum und Potsdam an das Semesterticket geknüpft. „In Bonn soll es das ebenfalls geben, über die Zusatzvereinbarung im Semesterticket wird noch abgestimmt“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta), Rebekka Atakan. Darüber hinaus will die Universität Nextbike in ihr gesamtes Mobilitätskonzept einbeziehen.

Kooperation gehört zum Geschäftsmodell

Das kommt dem Leipziger Unternehmen gelegen. Von Anfang an war das Geschäftsmodell darauf ausgelegt, durch Kooperationen Kunden und durch Werbung Zusatzeinnahmen zu bekommen. „Mit dem reinen Ausleihen funktioniert das System langfristig nicht“, sagt Rauchhaus. Hatte man es anfangs noch schwer, Partner zu finden, seien die Auftragsbücher nun voll. „Wir mussten uns oft anhören, dass die Leihräder den ÖPNV kannibalisieren würden.“ Jetzt ist die einhellige Meinung eine andere, die auch die Stadtwerke Bonn teilen. Öffentlicher Nahverkehr und Fahrräder sollen sich ergänzen. Mit Nextbike könne man schnell und vergleichsweise günstig – laut Aussagen von OB Ashok Sridharan „deutlich unter einer Million Euro“ – ein stadtweites Leihsystem umsetzen. Die Stadtwerke Bonn erwirtschaften dadurch allerdings auch keinen Gewinn, die Einnahmen bleiben bei Nextbike.

Wie viel Umsatz das Unternehmen in den einzelnen Städten macht, bleibt ein Geschäftsgeheimnis. Allerdings lässt sich zumindest auf eine gute Entwicklung schließen. In Köln expandierten Nextbike und die Kölner Verkehrsbetriebe nach dem Start 2015 schnell. Das Gebiet wurde auf 84 Quadratkilometer verdoppelt, die Flotte auf 1410 Räder vergrößert. Seitdem gab es mehr als 2,5 Millionen Fahrten, von denen eine Million alleine auf das vergangene Jahr entfällt. In dieser Saison sind es bereits 800 000 Fahrten. „Die Nachfrage übersteigt das Angebot an Rädern permanent“, heißt es von Nextbike.

Das ist sicherlich auch der Grund, warum auch andere Anbieter etwas vom Kuchen abhaben wollen. In Köln und Düsseldorf haben sich beispielsweise die Deutsche Bahn („Call a Bike“) und der Autobauer Ford zusammengetan, wobei nicht nur Leihräder angeboten werden. Die Nutzer von „FordPass“ dürfen zudem auf das Ford-Carsharing und die Flinkster-Flotte der Bahn zurückgreifen. Die Autos können telefonisch vorbestellt oder per App gefunden werden, genauso wie die Fahrräder.

Ein „Biker-Krieg“, wie er zuletzt in der Stadt Berlin von Boulevardzeitungen genannt wurde, scheint im Rheinland allerdings nicht zu entbrennen. In der Hauptstadt hatte Call a Bike die Ausschreibung des Berliner Senats gegen Nextbike und somit rund 7,5 Millionen Euro Fördermittel verloren. Die Bahn ist nun auf eigene Faust eine Kooperation mit dem Discounter Lidl eingegangen.

In Bonn bleibt das Angebot von Call a Bike hingegen unverändert. „Wir verfügen derzeit über keinen geeigneten Partner“, so ein Bahnsprecher. Die Ausleihstation am Hauptbahnhof werde in der bisherigen Form weitergeführt. An der Ausschreibung der Stadt Bonn habe sich die Bahn aus verschiedenen Gründen nicht beteiligt. „Dabei spielen logistische Rahmenbedingungen, systemtechnische Anforderungen und wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle.“

Call a Bike will in der Bundesstadt nicht expandieren

Wenn es um Wirtschaftlichkeit geht, sind auch Kundendaten eine Währung. Vor allem chinesische Anbieter, die teilweise ihre Leihräder über Nacht in Städten abstellen, stehen im Verdacht, die Daten an Dritte zu verkaufen. So steht in den Datenschutzvereinbarungen von Mobike und Obike, die man anerkennt, wenn man sich über die App anmeldet, dass persönliche Informationen und Verkehrsdaten an Geschäftspartner weitergereicht werden.

Nextbike will sich hingegen als sauberes Unternehmen präsentieren und auch so das Vertrauen der Kunden gewinnen. Man speichere persönliche Daten, die Nutzer bei der Registrierung angeben, verkaufe sie aber nicht. „Wir erstellen auch kein Bewegungsprofil“, sagt Rauchhaus und fügt hinzu: „Unser Geschäftszweck ist und war es immer, Menschen zum Radfahren zu bewegen. Das ist der Fokus, nicht das Business mit Kundendaten.“

Ein entscheidendes Kriterium, dass die Stadtwerke in ihrer Ausschreibung berücksichtigten. „Mit dem Konzerneinkauf wurde eine Bewertungsmatrix erstellt und [...] mit zu erreichenden Punktwerten versehen“, sagt Michael Henseler von der SWB. Kriterien seien unter anderem der Preis für den Betrieb des Systems, Referenzen der Projektleiter, Ausstattung der Fahrräder, das Tarifsystem, Zeitpunkt des Systemstarts und Umweltaspekte gewesen. Bei letzterem gehe es auch darum, wie die Fahrräder mit Transportfahrzeugen wieder zurück zu ihren Stationen gebracht werden – im Idealfall mit Elektroautos. „Nextbike hat nach Auswertung aller Angebote die meisten Punkte erhalten“, so Henseler.

Die Herausforderung für den Bonner Markt sieht Rauchhaus darin, das Gebiet optimal abzudecken. Denn auch wenn die Standorte für Stationen bereits beschlossen sind, müsse in der Praxis ermittelt werden, wo es den größten Bedarf gebe. Deswegen werden die 900 Nextbikes auch nicht auf einmal, sondern stufenweise aufgestellt. Derzeit stehen zudem die sogenannten Freefloat-Zonen noch nicht fest. Fahrräder können innerhalb dieser Gebiete an jeder Hauptstraße oder Straßenkreuzung ausgeliehen und zurückgegeben werden. Wer sein Rad außerhalb Bonns abstellt, muss eine Servicegebühr zahlen. „Aber regulär halten sich die Nutzer und Nutzerinnen an die Geschäftsbedingungen“, sagt Rauchhaus.

Cargobikes könnten als nächstes kommen

Spricht man sie darauf an, wie das Angebot sich in Bonn weiterentwickeln könnte, gibt sie sich bescheiden: „Ich glaube, wir sollten jetzt erstmal starten.“ Einen Ausbau strebe man regulär immer an. Mit Institutionen und Unternehmen könnten zum Beispiel weitere Leihstationen errichtet werden. „Das System könnten wir aber auch mit Cargobikes ergänzen“, so Rauchhaus. Bisher rollen die Lastenräder der Firma nur in Norderstedt als Pilotprojekt. Großes Potenzial sehe man in den umliegenden Kommunen, wo das Auto für viele das wichtigste Verkehrsmittel sei. „Es ist eine der Herausforderungen, diese Menschen zu unseren Nutzern zu machen.“ Sollte sich Nextbike zu einer Ausweitung entscheiden, geht das laut Henseler auf das Konto des Unternehmens. „Die Kosten für die SWB steigen nicht an.“