Fall der erschossenen Ahlem Dalhoumi

Polizisten nach Tod von Bonnerin unter Anklage

Demonstration für die in Kassine/Tunesien erschossenen Frauen Ahlem und Onus Dalhoumi vor dem tunesischen Generalkonsulat in Bonn.

Demonstration für die in Kassine/Tunesien erschossenen Frauen Ahlem und Onus Dalhoumi vor dem tunesischen Generalkonsulat in Bonn.

Bonn. Die Justiz rollt den Fall der erschossenen Ahlem Dalhoumi aus Bonn und ihrer Cousine noch einmal auf. Sie möchte die mutmaßlichen Schützen anklagen. Die Familie ist erleichtert.

Im Fall von Ahlem und Ons Dalhoumi, die vor fünf Jahren im tunesischen Kasserine von Polizisten erschossen wurden, gibt es eine spektakuläre Wendung. Die tunesische Justiz will die mutmaßlichen Schützen anklagen. Der entsprechende Bericht dazu liegt Ahlems Vater Mongi Dalhoumi, der sich derzeit in Tunesien befindet, vor.

„Wir sind erleichtert, dass es endlich Fortschritte gibt. Das Kämpfen hat sich gelohnt“, sagt Mongi Dalhoumi, der mit seiner Familie in Bonn lebt. Der Tod der beiden jungen Frauen schien bis zuletzt ungesühnt zu bleiben: Die Beweislage war aus Sicht der tunesischen Ermittler nicht ausreichend.

Es war der 23. August 2014, an dem die Bonner Jurastudentin Ahlem und ihre Cousie Ons, die in Tunesien lebte, auf dem Heimweg von einer Hochzeitsfeier in Kasserine waren. Sondes, die Schwester von Ahlem, fuhr das Auto. Die 21-jährige Ahlem war Beifahrerin. Im Fond saßen die Cousinen Ons aus Tunesien und Yasmin, die wie Ahlem in Beuel aufgewachsen ist.

Es quetschten sich noch drei weitere Freunde und Verwandte ins Fahrzeug. Auf einer abgelegenen Straßen sprangen schwarz gekleidete Männer auf die Fahrbahn. Dass es Polizisten waren, erkannte Sondes nicht. Zwei Beamte zogen ihre Pistolen und feuerten. Sie hielten die Insassen für Terroristen, wie sie später zu Protokoll gaben.

Sondes trat aufs Gaspedal, wollte fliehen. Die Männer schossen von hinten auf den Wagen. Kugeln trafen Ahlem, Ons und Yasmin. Ahlem war sofort tot. Ons starb noch in der Nacht an ihrer schweren Kopfverletzung. Yasmin überlebte schwer verletzt, eine Kugel bohrte sich in ihre Schulter.

Der Hauptverdächtige Mourad H. wurde daraufhin verhaftet, aber wieder freigelassen. Die anderen Polizisten durften nach einer kurzen Auszeit wieder auf Streife gehen. Mehrere Richter befassten sich mit dem Fall, doch zur Anklage kam es mangels Beweisen nicht. „Warum es nun diese Wendung gibt, erschließt sich mir noch nicht“, sagte Anwalt Michael Hakner, der die Familie in Deutschland vertritt. So könnte ein Grund sein, dass in Tunesien Wahlen anstehen.

Vielleicht sei aber auch der stetige Druck, den die Dalhoumis ausgeübt haben, entscheidend gewesen. Denn auch in Tunesien hat sich die Familie einen Anwalt genommen. „Die deutsche Botschaft hat immer wieder Briefe an die Behörden geschickt, sich nach dem Fall erkundigt und uns unterstützt“, erzählt Mongi Dalhoumi. Er selbst verhandelte auch mit Sachbearbeitern und Amtsträgern (siehe „Ringen um Sühne und Gerechtigkeit“).

Die 55-seitige Anklageschrift, die den beiden Verdächtigen noch zugestellt werden muss, ist bislang nicht ins Deutsche übersetzt worden. Laut Mongi Dalhoumi soll Mourad H. wegen Mordes, ein weiterer Polizist wegen versuchten Mordes angeklagt werden. Nach tunesischem Recht droht auf Mord die Todesstrafe – die in den vergangenen Jahren von Gerichten zwar noch verhängt, aber nicht mehr vollstreckt wurde.

Hakner und sein tunesischer Kollege wollen darauf hinarbeiten, dass auch die neun anderen Polizisten, die in der Nacht, in der die Schüsse fielen, vor Ort waren, angeklagt werden. Mongi Dalhoumi wird für weitere Gespräche am Mittwoch Vertreter des tunesischen Parlaments, der Regierung und der deutschen Botschaft treffen, ehe er wieder nach Deutschland reist.